Warum Sie Ihre Sterblichkeit lieben  und das ewige Leben ablehnen sollten: Nur dann können Sie Ihrem Leben Sinn geben.

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Buchtipp Wilhelm Schmid: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden

Zuerst die gute Nachricht: Niemand muss sterben. Jetzt die noch bessere: Jeder darf es. Wir wurden beschenkt mit dem Glauben, das Leben nicht ewig aushalten zu müssen, und können es genau deshalb mit Sinn ausstatten.

Der Tod ist die einzige wortwörtliche Deadline, zu der das Projekt abgeschlossen sein muss, und ihr Näherrücken beängstigt nur dann, wenn der Projektstatus erbärmlich ist.

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Auch wenn Freund Christoph sich ein zweites Leben zum Verdatteln wünscht, würde er die Unsterblichkeit bestimmt weise ablehnen. Ein zweites Leben bedeutet: Nochmal knapp 100 Jahre drauf. Unsterblichkeit bedeutet: Ewigkeit.

 

In der Ewigkeit wird der Lebenszeit das Ende genommen und damit das wichtige Spezifikum des Vergehens. Lebenszeit ohne Ende ist das Ende der Lebenszeit: Das Leben wäre nur noch Raum.

 

Sinnkonzeptionen sind im Planungshorizont der Ewigkeit dazu verflucht, Provisorien zu bleiben. Sie degenerieren zu vorbeiziehenden, womöglich oberflächlichen Lifestyle-Trends, kurzweiligen Attitüden von hoffnungslosen, verzweifelten Verlierern, die resigniert in den Seilen der unendlichen Zeit hängen. Jawohl: Verlierer wären wir im Falle der Unsterblichkeit.

 

Könnten wir unser Leben körperlich ewig behalten, würden wir es geistig verlieren. Die im vollen Bewusstsein durchzustehende Ewigkeit ist kein Gewinn. Man geht in ihr verloren. Man gibt sich darin auf. Der ewige Mensch suchte den Dämmerzustand: weggetreten sein, vergessen wollen, dass man für immer ist. Bewusstlosigkeit. Die Ewigkeit ist nur tot zu ertragen.

 

Sisyphos ist im Mythos dazu verdammt, einen Stein, der stets von einem Berggipfel hinunter rollt, immer wieder den Berg hinauf zu hieven. Weil er im Rollen des Steines seinen Sinn erlebt, müssen wir ihn uns nach einem berühmten Diktum von Albert Camus als glücklichen Menschen vorstellen. Das Glück des Sisyphos aber ist eben nur so lange anzunehmen, wie er sterblich ist. Die Aussicht auf Unsterblichkeit und damit ein unendliches Rollen würde es rasch vertreiben.

 

Die Ewigkeit macht jeden Sinn zunichte, außer dem, Gott, also nicht-menschlich zu sein. Jede Sinnkonzeption kapituliert vor der Ewigkeit. Richtig schlimm wäre es, wenn der Nachschub an Sinnkonzeptionen unterbricht (und als geistig beschränkte Wesen, die wir sind, ist abzusehen, dass genau das passieren würde).

 

Die Begrenzung der Lebenszeit ist die Voraussetzung, um sich überhaupt immer wieder aufzuraffen und Sinn nachhaltig (nämlich bis zum Tod) erzeugen zu können.


Wilhelm Schmid denkt darüber nach in seinem Büchlein "Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden."

Teilen Sie das doch ruhig einmal mit anderen!

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