Pete Doherty, Rockmusiker: Drogen, Sucht und Selbstzerstörung. Philosophischer Beistand aus "Fight Club" und von Georges Bataille.

3 Buchtipps: Chuck Palahniuk: "Fight Club" - Hans J. Heinrichs: "Der Wunsch nach einer souveränen Existenz. Georges Bataille" - Ludger Lütkehaus: "Nichts. Abschied vom Sein. Ende der Angst"

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Pete Doherty und die Drogen: Kurzer Abriss der letzten knapp 10 Jahre


Sehr geehrter Herr Doherty,


vor einigen Jahren – es müssen fast 10 sein – haben Sie Deutschland mit einem Konzert Ihrer Rockband „Babyshambles“ beehrt und wurden danach mit einer versifften Glaspfeife im Mund auf dem Rücksitz eines Autos gesehen.


Um den Inhalt der Pfeife benennen zu können, bedurfte es für die Öffentlichkeit in Ihrem speziellen Fall keiner sorgfältigen Analyse: Es konnte sich nur um illegale Drogen handeln. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen aufgenommen, aber das wird Ihnen kaum die Knie zum Schlackern gebracht haben. Denn Sie werden es schon damals gewohnt gewesen sein, dass sich nicht nur die mediale Öffentlichkeit, sondern auch diverse Organe zur Rechtspflege für Ihr Leben interessieren.


In den damaligen Jahren waren Sie einer der hauptamtlichen Materialproduzenten für all diejenigen, die gerne das Leben anderer im Fernsehen begaffen. Da gab es die zahlreichen Bilder, auf denen Sie in unvorteilhaften Posen über die Mattscheibe torkeln. Doherty, der Trinker, der Schniefer, der Drücker. Der Junkie-Freund von Kate Moss. Der endfertige, geschrottete Rockzombie.


Wir sahen Sie mit schlammbedeckten Hosen, im zerfetzten T-Shirt, mit bleichem Gesicht, verklebten Haaren und rot aufgequollenen Lippen, mal grölend auf dem Kiez, mal prügelnd und kotzend auf der Bühne. Und natürlich immer wieder: zugeballert im Auto, erschrocken und verwirrt in die Kameras blickend. Sie sind ein Verlorener, dem wir live „beim Sterben zusehen“, wie Thees Ulmann, der Sänger von „Tomte“, einmal bemerkte.


Vorläufiger Höhepunkt Ihres wilden, zartfüßigen Ritts auf Messers Schneide: Sie stolperten in ein Interview zu Ihren Bandkollegen und schossen aus einer Spritze eine rote Flüssigkeit auf die Kameralinse von MTV, bevor Sie eine äußerst befremdliche und ziemlich kaputte Solo-Performance ablieferten. Daraufhin distanzierte sich Ihre Plattenfirma von Ihnen. Zu schwierig sei momentan die Zusammenarbeit. Und die Fernsehsender fragten: Wann wird Pete Doherty endlich aus dem Verkehr gezogen?


Nun sind Sie, wenn man Medienberichten Glauben schenken darf, erneut rückfällig geworden.

Pete Dohertys Selbstzerstörung: Ein Imageproblem

Fassen wir es einmal zusammen: Sie haben ein verdammt schlechtes Image.


Ihr Problem: Alle Welt hat sich bereits negative Beschreibungen Ihres selbstzerstörerischen Lebensstils bereit gelegt und Sie lassen diese Leute unkommentiert gewähren.


Mein Rat: Machen Sie sich die Idee des Lebens als selbst geschaffenes Kunstwerk zu Eigen, starten Sie eine verstandesgeschützte Gegenoffensive und dichten Sie sich eine schmissige Philosophie, die Ihr Tun in ein zunächst nicht vernünftiges, aber doch interessantes Licht stellt! Die Vernunft wird dann schon von selbst folgen.

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Pete Doherty und die Philosophie: Georges Bataille und Tyler Durden aus "Fight Club"

Herr Doherty, Sie könnten der Allgemeinen Ökonomie des (natürlich nicht unumstrittenen) französischen Philosophen Georges Bataille zugetan sein, in der es nach dem Maßhalten, dem Anhäufen, dem Aufstieg eine Phase der unproduktiven Verausgabung, der nutzlosen (Selbst-)Verschwendung, des Abfalls geben muss.


In unserer Welt ist aber eigentlich kein Platz für diese andere Phase. Wir sind der Selbsterhaltung und dem Anhäufen hörig. Unser Pfeil bohrt sich immer nach oben in den Himmel, den Blick stets in die wärmende Sonne gerichtet, um dort Ausschau nach unbestimmten Träumen zu halten. Wir erreichen Ziele, verwirklichen Projekte, schmieden hochfliegende Pläne. Wir bauen auf und packen an, wir machen und schaffen. Sie dagegen stürzen sich in die Abgründe, richten sich bewusst zu Grunde und bewahren die Lust am freien Fall, der, in guter paradoxer Manier, eine Art des Höhenflugs ist.


Sie verbrennen Ihr Leben, vergeuden es nach allen Regeln der (Rock-)Kunst. Sie sind stark genug, um das Leben zu verachten. Sie demonstrieren, wieder paradoxerweise, trotz heftigster Drogenabhängigkeit die Freiheit des Menschen. Eine Freiheit, die sich so frei weiß, dass sie die Gesetze des Selbstschutzes und der Zukunftsorientierung in einem durchgeknallten Gelächter zu zerhauen imstande ist. Sie lassen sich nicht vom Selbsterhaltungstrieb versklaven.


Das ist wesentlich für die Erfüllung bataillescher Souveränität. Souverän ist nach Bataille nicht der, der sich fest im Griff hat, sondern der, der sich aus den Händen gleitet. Der sich aufs Spiel setzt. Der sich verliert. Der totale, endgültige Selbstverlust, der Tod, ist in Ihrem Leben allgegenwärtig. Und wenn man sich Ihr heruntergewirtschaftetes Äußeres anschaut, dann erkennt man, dass die Grenzen zwischen Leben und Tod fließend sein können. Aber: „Sogar die Mona Lisa verfällt.“, wie uns Tyler Durden in „Fight Club“ mitteilt.


Und:

Man weiß sein Leben nicht zu leben, wenn nicht auf jene Schwindel erregende Weise, wie man seinen Tod lebt – so beschrieb Michel Leiris die Lehre Georges Batailles.

Pete Doherty und die Philosophie: Das Nichts, Bernd Stromberg und Arthur Rimbaud

Sie sind dabei, alles zu verlieren. Vielleicht stehen Sie schon sehr bald vor dem absoluten Nichts. Aber ist dieser Verlust, noch einmal paradoxerweise, nicht vielleicht ein Gewinn, nämlich des Nichts, das am Ende eben alles ist? Das, was uns noch bleibt? Ist nicht vielleicht unser kurzes Leben, verglichen mit der Ewigkeit unseres Totseins, nur eine seltene Ausnahme? Eine kleine, unbedeutende Unterbrechung des Nichts, eine nicht weiter erwähnenswerte Unregelmäßigkeit im umfänglichen und darum entscheidenden Nichts?


„Wenn du eh schon auf der Titanic bist, dann kannste auch Hein Blöd ans Steuer setzen“, erkannte Bernd Stromberg einmal. Unser aller Leben ist eine Titanic, und Sie sind die besessen-fatalistische Version von Hein Blöd: Das Kentern und der Untergang sind gewiss, warum sie also nicht feiernd vorwegnehmen?


Mir kommen die Anfangszeilen von Arthur Rimbauds berühmtem Gedicht „Das trunkene Schiff“ in den Sinn: „Als ich hinabschoss, vom Gleichmut der Ströme getragen / Da spürte ich das Leitseil der Treidler nicht mehr.“ Ihr Leben, Herr Doherty, ist auch so ein trunkenes Schiff, das mit zerrissenen Segeln und bereits massiver Schlagseite wie ein Korken auf den Wellen schlingert und tanzt und sich von keinem Treidler mühselig, langsam und schwerfällig flussaufwärts ziehen lässt. Sie kappten die Leinen und überließen sich dem Fluss. Und wie dieser werden Sie sich irgendwann ins Meer auflösen.


Genau wie alle anderen Menschen auch, nur dass das kaum einer hören, geschweige denn forcieren will. Sie aber traten davon unbeeindruckt das dürftig zugemauerte Fenster zur anderen Seite des Lebens wieder ein und konfrontierten uns mit unserer Sterblichkeit in ihrer Tragik des Unvermeidbaren und dem möglichen Ekel des Dahinsiechens.


Von dort draußen, aus der Welt hinter dem Fenster, weht bedrohliche Zugluft, und Sie waren offenbar kurz vorm Hindurchschlüpfen. Aber Sie drehten sich noch einmal um und zeigten uns mit Ihrer trotzigen, unbezähmbaren Haltung, aus der Sie uns in den gierigen Klatschsendungen zuwinkten, dass es dahinter so bedrohlich vielleicht gar nicht ist. Nach dem sicheren Schiffbruch kommt das sanfte Schweben im Ozean.


Arthur Rimbaud starb übrigens mit dem Ihnen unmittelbar bevorstehenden Alter von 37 Jahren an den Folgen seiner extremen Existenz. Auffällig viele Rockmusiker mit einem Leben im Ausnahmezustand waren jedoch schon zehn Jahre früher weg vom Fenster: Jimmy Hendrix, Kurt Cobain, Jim Morrison und Janis Joplin zum Beispiel segneten mit 27 das Zeitliche, in einem Alter also, das Sie längst geschafft haben.


Nun, ich wünsche Ihnen, trotz aller philosophischen Einlassungen, ein langes, gesundes Leben.

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Direkt zu den Buchtipps:

 

Chuck Palahniuk: Fight Club

 

Hans-Jürgen Heinrichs: Der Wunsch nach einer souveränen Existenz. Georges Bataille.

 

Ludger Lütkehaus: Nichts. Abschied vom Sein. Ende der Angst.


Eine empfehlenswerte biographische Erzählung zu Arthur Rimbaud hat Henning Boetius geschrieben:

"Ich ist ein anderer"


Die zweisprachige Ausgabe des Gesamtwerkes von Rimbaud ist ebenfalls erhältlich:

"Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe"


Teilen Sie das doch ruhig mal mit anderen!

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Kommentare: 2
  • #1

    Peter R. (Dienstag, 11 August 2015 19:32)

    Interessant und lehrreich, toll! Als Todesursache Rimbauds nennt man anscheinend übrigens meist Knochenkrebs - wurde der durch seine Lebensführung begünstigt? Kannst du da vllt ne Biografie empfehlen?

  • #2

    Alex (Mittwoch, 12 August 2015 10:45)

    Danke fürs Lob! Ich habe vor langer Zeit ein Buch über Rimbaud gelesen: "Ich ist ein anderer" von Boetius:
    http://www.amazon.de/gp/product/3821802421?ie=UTF8&camp=1638&creativeASIN=3821802421&linkCode=xm2&tag=buzz043-21

    Das war sehr intensiv - ist aber auch schon über 10 Jahre her. Auch die zweisprachige Ausgabe des Gesamtkwerkes ist empfehlenswert:

    http://www.amazon.de/gp/product/342312945X?ie=UTF8&camp=1638&creativeASIN=342312945X&linkCode=xm2&tag=buzz043-21

    Hoffe, es gefällt!