Skandal-Kritik an Gender Mainstreaming! Der eine typische Denkfehler, der mit der Natur des Menschen argumentiert. Inkl. Buchtipp im Booktube

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Buchtipp Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen

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Am Ende dieses Beitrages werdet ihr einen Buchtipp bekommen (bzw. im Booktube-Video entdeckt haben) und verstehen, wo ein typischer Denkfehler bei der jetzt und immer wieder aufploppenden naturwissenschaftlichen Kritik am Gender Mainstreaming liegt und wie ihr ihm argumentativ begegnen könnt.

 

Es ist ein Denkfehler, dem ihr auch in eurem Alltag, sogar dann, wenn es um ganz andere Themen geht, häufig begegnet: der Argumentation mit der Natur des Mannes, der Frau und des Menschen allgemein.

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Gender Mainstreamung vs. Naturwissenschaft: Grobe Definition der Konfliktlinie

Eklat in Kassel! Ulrich Kutschera, Professor der Evolutionsbiologie an der Universität Kassel, scheint zu behaupten, dass unsere geschlechtsspezifischen Vorlieben, Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Rollen natürlich sind, das heißt weitgehend genetisch oder allgemein biologisch festgelegt und wenig vom Menschen zu beeinflussen. Daher sollten wir auch nicht versuchen, sie zu verändern und die beiden Geschlechter gegen ihre Natur einander anzugleichen.


Deshalb wettert er gegen das Gender Mainstreaming, eine Disziplin, der er unterstellt, das Gegenteil zu behaupten: Unser geschlechtsspezifisches Verhalten und unsere Rollen und Aufgaben sind sozial konstruiert, Verursacher ist also die Gesellschaft. Kulturelle Praktiken formen unsere Identität entlang unseres biologischen Geschlechtes. Folglich können wir dies sehr wohl verändern – und sollten es auch im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit und Freiheit.


Ob Gender Mainstreaming hiermit vollständig beschrieben ist, sei dahingestellt. Geistige Strömungen, die diese Positionen vertreten, existieren jedoch, und das Gender Mainstreaming gehört sicherlich dazu.


Natürlich gibt es auf dem Spielfeld weitere Akteure, es finden sich Mischform-Weltanschauungen, in denen die Anteile der unveränderlichen Natur, der wir uns zu unterwerfen haben, und der veränderlichen Kultur, die wir gestalten können und sollten, schwanken.

Des Biologen "Beweise" gegen Gender Mainstreaming: Naturalistischer Fehlschluss

Der Professor zieht Studien heran, nach denen bestimmte männliche und weibliche Verhaltensmuster, vor allem Präferenzen für Eigenschaften beim anderen Geschlecht, länderübergreifend übereinstimmend vorkommen. Das beweist aber weder die Unveränderbarkeit durch Menschenhand noch die Wünschbarkeit des Ist-Zustandes. Aus der Tatsache, dass etwas so ist, wie es ist, zu schließen, dass es so sein soll und immer so weitergehen muss, ist Quatsch. Oder, um es philosophisch zu sagen: ein naturalistischer Fehlschluss vom Sein zum Sollen.


Wenn es stimmt, dass Männer und Frauen aktuell so sind, wie der Professor es konstatiert, dann muss es sich dabei nicht unbedingt um einen zementierten Status quo halten, den wir zu verteidigen gezwungen sind, weil er angeblich „unserer Natur entspricht.“


Aktuell feststellbare Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern, und seien sie auch naturwissenschaftlich wasserdicht nachprüfbar, müssen nicht der kulturellen oder natürlichen Weisheit letzter Schluss sein.

Veränderbarkeit unseres Selbst ist wahrscheinlicher als seine Unveränderbarkeit

Bei einem weiten Blick zurück auf die Menschheitsgeschichte drängt sich im Gegenteil ein anderer Gedanke auf: Den Unterschied zwischen Kultur und Natur sollten wir nicht als Gattungsunterschied betrachten, sondern als Beschreibungen für verschiedene Grade und vor allem Geschwindigkeiten der Veränderungsfähigkeit. Das, was wir „Natur“ nennen, ist wahrscheinlich weniger und langsamer veränderbar – womöglich auch weniger gezielt –, als das, was wir „Kultur“ nennen. Letztlich müsste Evolutionsbiologe Kutschera das eigentlich bestätigen.

Erforschung der natürlichen und kulturellen Anteile im Menschen gestaltet sich schwierig

Aber die beiden Anteile zu erforschen, um sie letztgültig voneinander separieren zu können, das ist ein schwieriges, vielleicht menschenunmögliches Unterfangen. Auch wenn kulturübergreifend Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern vorhanden sind, heißt das noch nicht, dass diese natürlich sind und nichts mit der Sozialisation zu tun haben.

 

Mit Kultur und Natur verhält es sich, um ein Bild der Soziologin Eva Illouz zu entlehnen, ein bisschen so wie mit Regen und Sand: Sobald die beiden aufeinander treffen, kann man sie nicht ohne weiteres wieder voneinander trennen. Wir sind ein Matsch aus Einflussfaktoren. Wahrscheinlich gibt es auch Wechselwirkungen zwischen beiden.

Doch auch wenn wir ewige geschlechtsspezifische Unterschiede entdecken könnten: Freiheit darf uns wichtiger sein

Und selbst wenn wir beides fehlerfrei erforschen könnten und selbst wenn es nachweisbar wäre, dass auf ewig feststeht, dass Frauen dies besser können und Männer das weniger oder umgekehrt: Wir könnten uns politisch immer noch dafür entscheiden, dass wir mehr Optionen für die Individuen wollen, auch wenn diese dann evtl. höhere Kosten produzieren – denn Freiheit und Selbstbestimmung sollten uns etwas wert sein.


Wenn es dem Gender Mainstreaming denn um Freiheit geht – und nicht darum, dass jetzt jeder von uns klassische Rollenbilder ablehnen muss, um seine Emanzipation zu beweisen. Das ist ja die Freiheits-Gretchenfrage der Gleichstellungsforderer: Sag, wie hältst du’s mit der freien Entscheidung, dem klassischen Rollenbild zu entsprechen?

Fazit: Lasst euch nicht entmutigen und einschränken

Es mag sein, dass der eine oder andere aus dem Gender-Lager etwas zu übermütig und optimistisch ist, wenn es darum geht, einengende Rollenbilder und -verhalten von heute auf morgen zu revidieren bzw. zu egalisieren. Aufgeben sollten wir es aber nicht.


Lasst euch nicht entmutigen von den naturalistischen Konservativen, die eure Freiheit mithilfe der Biologie einschränken wollen. Aber geht auch nicht in die Falle derjenigen Emanzipationsbewegten, die euch Freiheit versprechen, indem sie euch die freie Wahl eures Seins verbieten, wenn sie ihnen politstrategisch nicht passt. (Affiliate Link)

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Vertiefung: Die fragwürdige und fragile Natur des Menschen

Erforschungen des Menschen, seiner Bedürfnisse und seines Verhaltens, haben den jetzigen Menschen zum Untersuchungsgegenstand. Die aktuelle Verfassung des Menschen bildet die Grenze alles über ihn unmittelbar Erfahrbaren. Es besteht keine kleine Gefahr darin, dass man dieses Wissen für ewig nimmt und damit letztgültige Wahrheiten postuliert. Das macht den Übermut einiger Wissenschaftler aus: Sie nehmen den Raum (oft nur einen Teil des Raumes) in den Blick und vergessen die Zeit, die brutale, spielfreudige Supermacht mit dem letzten Wort darüber, was der Mensch ist.


Die ahistorische, auf das Heute beschränkte Wissenschaft vom Menschen birgt die Chance der Anpassung gesellschaftlicher Strukturen auf seine Bedürfnisse. Aber auch das Risiko des sozialen Stillstands oder Rückschritts. Die Interpreten, die die Wissenschaft vom Menschen auf den Status quo begrenzen, wollen mit einem gewissen Recht, dass die politische und wirtschaftliche Umwelt ein Produkt des Menschen ist, mit dem er sich wohlfühlt. Aber sie drohen zu verkennen, dass der Mensch, allem Anschein nach, auch ein Produkt seiner Umwelt ist, geworden ist, wie er ist, durch die Verhältnisse, in denen er aufwächst, und sich ändern kann, wenn die Verhältnisse sich ändern, in denen er lebt.


Wer diesen Punkt leugnet, gibt den Menschen auf. Er lokalisiert sich am Ende der Geschichte und will es dem aktuellen Menschen lediglich bequem machen, indem er die Strukturen einfordert, die dieser braucht und vernünftig findet.


Auf der Suche nach der menschlichen Natur muss der fundamentalistische Anthropologe die aus dem von ihm gesetzten Rahmen fallenden Subjekte ignorieren, für entfremdet erklären oder aus der Klasse der Menschen herausdefinieren: Das betrifft zahlreiche seiner Zeitgenossen, viele seiner Vorgänger – und womöglich seiner Nachfolger. So gehört metaphysische (Teil-)Arroganz gegenüber allen Zeiten zu seiner operativen Grundausstattung.

Anstelle der Frage nach der Natur des Menschen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Deshalb meine ich, dass wir die Frage nach der naturhaften, wesenhaften Substanz des Menschen durch die Frage ersetzen sollten, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Ein Intellektueller, der uns über die ewige, nicht-kontingente Natur des Menschen Auskunft gibt, beansprucht eine Autorität, die ihm prinzipiell nicht zusteht. Mein Vorschlag, alle Fragen nach ewigen Wahrheiten über den Menschen (nach „anthropologischen Konstanten“) aufzugeben und sie von Fragen nach einer besseren Zukunft verdrängen zu lassen (ohne dabei jedoch die Bedürfnisse des aktuellen Menschen bei der politischen Entwicklung zu vergessen), resultiert in einer Erdung des öffentlichen Diskurses über das, was ein wünschenswertes soziales Projekt sein könnte.


Eine Aussage, nach der bestimmte politische und kulturelle Forderungen zwar gut seien, aber wegen der Natur des Menschen unmöglich, verlöre ihren Sinn. Wenn wir die betreffenden Forderungen gut finden, dann sollten wir tatsächlich dranbleiben, ihre Umsetzung zu probieren. Zu sagen, es sei gut, aber völlig unmöglich, protokolliert eine politische Resignation, die sich als altersweise Einsicht tarnt. (Wenn Junge sie äußern, handelt es sich um ein sicheres Zeichen von Frühvergreisung.)


Hier wird nicht behauptet, dass alles möglich sei, es keine Grenzen der Veränderung des Menschen gebe. Ich sage nur, dass wir uns mit Urteilen über diese Grenzen zurückhalten sollten. Weil sie oftmals schlecht gesichert sind. Und um niemals das mutige Hinausgreifen in die Zukunft zu verlernen. (Affiliate Link)

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