Buchtipp: Sich selbst widersprechen, freies Denken lernen: Peter Sloterdijks „Du musst dein Leben ändern“ und „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“


Die Großbücher „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ und „Du musst dein Leben ändern“ von Peter Sloterdijk widersprechen einander. Eine dialektische Synthese zeigt: Damit bringt der Autor das lachende Spiel der Freigeister auf die Bühne, von dem wir lernen können, unsere eigenen Horizonte aufzureißen.

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Sollen wir progressiv oder konservativ sein?

Die Kritiker erkennen in ihm neuerdings mit einer Selbstverständlichkeit einen Konservativen, die vergessen lässt, dass sein letztes großes Buch „Du musst dein Leben ändern“ mit Verve in die Gegenrichtung drängte: Nicht ist, wie im neuen Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“, die Veränderung das Schreckliche, sondern die Drift in den fortkopierten Straßen der Tradition – man sollte sein Leben eben ändern, wie der Titel unmissverständlich appellierte.


Welch ein Witz, dass er erst mehrere hundert Seiten der radikalen fortgesetzten Lebensveränderung samt Übungsmuster der sezessierenden Individuen vorlegt – ein Schlüsselsatz lautete damals „Hiermit steige ich aus der gemeinsamen Wirklichkeit aus.“ – und wenige Jahre später einen ebensolchen Buch-Backstein publiziert, in dem genau diese Tat die Hölle ist. Die schrecklichen Kinder der Neuzeit sollen zwar ihr Leben ändern, das heißt allerdings, es in die Form der Alten zu bringen. Also: Einmal noch ändern und dann stabilisieren, vererben.

Freigeist und Philosoph statt Gesetzgeber: Der missverstandene Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk ist in seinen philosophischen Werken unterm Strich weder Konservativer noch Progressiver, weder Bewahrer des Alten noch Jubilar des Neuen. Er ist ein Denkpositionen Probierender, jemand, der sich Perspektiven leiht, sie schmückt und auskleidet, ohne sie gleich kaufen und besitzen zu wollen. Ein Spieler, ein Experimentator unter einer ganz eigenen Sonne (wenn er Tipps zur Steuerreform gibt, bisweilen einer dunklen).


Diese Haltung des sich in verschiedene Richtungen ausrollenden, freien Denkers ist die des Weisheitsliebenden, des Philosophen, der Verantwortung für sein Denken niemals übernehmen kann, weil es ihn denkt.


Sloterdijks Kunst besteht darin, Beschreibungen des Großen und Ganzen in beliebiger Tendenz einzufärben, sodass man immer schon auf seiner Spur ist, lange bevor er zum Punkt kommt – zu dem er dann auch eher selten und höchst nebenbei gelangt. Seine Grundthesen sind immer recht leicht, aber seine Illustrationen und Assoziationen glänzen vor Pomp.


Manche sagen auch, er raune oder schwurbele, ach, und beides ist wahr und schön. Ein Sloterdijk-Buch, vor allem jüngeren Datums, lohnt sich als Paradigma für einen Autor mit idiosynkratischer, hochgepitschter Sprache, die zeigt, was sie alles kann, im Sinne Richard Rortys: Sprache hat die Macht, alles gut und alles schlecht erscheinen zu lassen, je nach kontingenter Beschreibung.


Die beiden hier erwähnten Bücher mögen demnach gekauft und gegeneinander gelesen werden – die Lektüre des Letzteren steht mir allerdings noch bevor.

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Zum im Text erwähnten Richard Rorty gibt es bei BuzzNews ebenfalls einen Buchtipp. Formgebend für die Hoffnung der Postmoderne wirkt immer noch sein Werk "Kontingenz, Ironie und Solidarität".

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