Nietzsches Dionysos: Der rote Faden im vielgestaltigen Werk des Philosophen

Dionysos ist unter anderem der Gott, der in zahlreichen Erscheinungen daherkommt. Hierzulande vor allem in Gestalt griechischer Restaurants. Bei Friedrich Nietzsche aber wird er zum Namen für ein universelles Weltprinzip und bildet die stärkste Konstante in seinem facettenreichen, unsystematischen Denken. Andreas Meyer fährt in seinem Buch "Nietzsche und Dionysos" im Boot des Gelehrten zu den Quellen des Lebens sowie von Nietzsches Werk und Seele.

Nietzsches Dionysos für die Wissenschaft und ein breiteres Publikum

Es wurde Zeit, dass jemand Nietzsches Dionysos-Konzept nicht nur wissenschaftlich, sondern auch populär für das interessierte Laienpublikum aufbereitet - immerhin handelt es sich um den zentralen Punkt seiner Lebensphilosophie, sein Geschenk an die Menschheit. Andreas Meyer meistert dieses Unterfangen und spürt der Bedeutung des Begriffes von der "Geburt der Tragödie" bis hin zu den letzten geistigen Regungen Nietzsches nach und beleuchtet ebenso die antiken Ursprünge sowie historischen kulturellen Rezeptionen.

 

Was das Dionysische nun ist, bringt das Buch nicht auf den Punkt, es liefert verstreute Hinweise. So bleibt es etwas blaß und kühl, weil es die Glut nicht konzentriert, sondern verteilt. Nietzsche selbst hat in seinem berühmten, mit den Worten "Und wisst ihr auch, was mir 'die Welt' ist?" beginnenden Passus im Nachlass (siehe Ende dieses Artikels) eine wunderbare Gesamtschau gegeben, eine kraftvolle, mitreißende literarische Explosion, die den idealen Ausgangspunkt bietet, um Einzelheiten der Perspektive zu entfalten und ein Gefühl für die existenzielle Bedeutung zu vermitteln, etwa auch die Metapher des ziellosen heraklitischen Weltspiels, die Nietzsche im Zentrum seines dionysischen Denkens ansiedelt. Ich war überrascht, diesen Abschnitt und dieses Bild in Meyers Buch nicht zu finden.

 

Meyers Buch, in dem es munter anthroposophiert (man könnte den Eindruck gewinnen, dass Rudolf Steiner einer der bedeutendsten Nietzsche-Interpreten war), verlässt den formalen Rahmen einer gelehrten Abhandlung nicht, es ist keine an der Praxis orientierte Ausarbeitung einer dionysischen Lebensphilosophie nietzscheanischer Prägung und wollte das auch nicht sein. Dennoch hätten dionysisch Sprachgrenzen sprengende Passagen, dosiert und wohlbedacht eingesetzt, das Sujet auch vorführen können, als gute Ergänzung zu den informativen und durch Farbbilder aufgelockerten Hintergrundinformationen. Ein systematischer Aufbau mit einem strukturierten Inhaltsverzeichnis, bei dem ein roter Faden erkennbar wird, hätte dann für die nötige Form gesorgt, die Orientierung erleichtert und die Wirkung gerundet.

 

Der am Ende abgedruckte Bilder-Zyklus veranschaulicht die blind schaffende und zerstörende Ur-Kraft des Dionysischen: In wildem Chaos werden vereinzelte Formen erkennbar, die umfangen sind von ihrem Untergang. Sie sind mehr Schemen als scharf umrissene Gestalten, halb nur da und halb schon hingerissen ins sinnlos schöne Treiben der Farbströme.

Zur handwerklichen Qualität des Buches

Mir sind beim Lesen diverse handwerkliche Mängel aufgefallen, die den Gesamteindruck nicht signifikant stören, aber doch beeinträchtigen:

  • Die Druckqualität der Schrift auf den Seiten, deren Rückseite Farbabbildungen enthalten, ist auffällig schlecht. Man kann sie problemlos lesen, aber der Kontrast zu anderen Texten ist doch erheblich.
  • Ein neues Korrektorat könnte die doch häufigen Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichensetzungs- sowie einige schriftgestalterische Flüchtigkeitsfehler beseitigen.
  • Insgesamt wirkt das Layout seltsam vorläufig: Das Cover ist, obwohl so angelegt, grundlos nicht mittig gesetzt, sondern um wenige Millimeter nach rechts verrutscht, was sofort als Asymmetrie ins Auge sticht. Die Seitenzahlen sind unschön tief platziert, der Autorenname in der Titelei merkwürdig klein im Vergleich zum Rest und die Schrift auf dem Cover mit altmodischen Schattierungen versehen.

Fazit

Meyers Buch trägt wichtige Aspekte von Nietzsches Dionysos zusammen und stößt damit eine fruchtbare Beschäftigung mit einem Thema an, das zur Klammer, zum zentralen Fluchtpunkt für Nietzsches Denken ausgebaut werden kann.

Und hier noch der Nietzsche-Passus zum Dionysischen aus dem Nachlass

"Und wißt ihr auch, was mir ,die Welt' ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom ,Nichts' umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, son-dern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo ,leer' wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dein Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste, dies mein ,jenseits von Gut und Böse', ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat -, wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!"

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