Neuer Realismus ist schlechte Philosophie! Definition. Kritik an Markus Gabriel mit dem überlegenen Gegner: Richard Rorty, Neopragmatist. Buchtipps

Buchtipp Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt; Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität

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Neuer Realismus: Worum es geht und warum du das lesen solltest.

Im Jahr 2013 trumpfte der junge Philosophieprofessor Markus Gabriel mit der knalligen Behauptung auf, dass es die Welt nicht gibt (Affiliate Link), und tourte damit in forscher Denkbegeisterung quer durch die Medien.

 

Diese These bildete die Vorhut einer gerade erst entstehenden philosophischen Formation, unter deren Label „Neuer Realismus“ sich einige prominente und weniger prominente Geister versammeln.

 

Klicke hier, wenn du dich vorher grundsätzlich darüber informieren möchtest, was Philosophie eigentlich ist.

 

Der Neue Realismus soll im Folgenden definiert und kritisiert werden, um anschließend Richard Rortys Neopragmatismus (Affiliate Link), der eigentlich der wirkmächtigste Gegner der Strömung ist, als bessere Alternative ins Feld zu führen.

 

Du wirst also nach der Lektüre wissen, warum es die Welt doch gibt und der Neue Realismus entgegen seiner pompösen Verlautbarungen das nächste große geistesgeschichtliche Ding zu werden nicht verdient hat. Du erhältst auch einen Einblick in eine Praxis des philosophischen Argumentierens und bekommst eine Vorstellung davon, wie und inwiefern die Philosophie heute immer stärker der Elfenbeinturmisierung anheimfällt.

 

Natürlich rufe ich dazu auf, ihr wieder die Relevanz für das menschliche Leben zurückzugeben, die sie mal hatte. Doch dazu muss man erst einmal den Schutt wegräumen, der sich angehäuft hat.

 

Nachdem der Blödsinn überwunden ist, lernst du mit Richard Rorty einen Philosophen kennen, der dein Denken über Wahrheit, Freiheit und Fortschritt auf fruchtbare Weise herausfordert. Der dir hilft, zu dir selbst zu finden und zu stehen.

 

Um den Neuen Realismus und meine Kritik daran zu verstehen, braucht man nicht viel philosophisches Vorwissen. Entscheidend ist, dass man den Streit zwischen Realismus und Konstruktivismus grob nachvollziehen kann.

Realismus, Konstruktivismus - WTF?

Was philosophischer Realismus grundsätzlich ist:

 

Realisten meinen, dass es die Realität tatsächlich gibt und wir sie so erkennen können, wie sie ist.

 

Üblicherweise beziehen sie sich mit dem Wort „Realität“ auf den Bereich, der unabhängig vom Bewusstseinszustand wirklich existiert. Real ist also das, was bewusstseinsunabhängig ist.

 

Es gibt ein eigentliches So-Sein der Realität, das wir erkennen können – oftmals genau ein einziges So-Sein, gegenüber dem alle anderen Beschreibungen falsch sind.

 

Was Konstruktivismus grundsätzlich ist:

 

Seit einigen hundert Jahren werden in der Philosophie tatsächlich die Stimmen lauter, die behaupten, dass sich zwischen die Realität und uns die Erscheinungen drängeln. Weil diese uns die Sicht versperren, ist uns die Realität, das Ding an sich, angeblich nicht so gegeben, wie sie an sich ist.

 

Schuldige variieren: Mal ist es die Vernunft, mal sind es die Sinne, auch unser Bewusstsein wurde schon verdächtigt, und seit einigen Jahrzehnten verlegt man sich auf das Inkriminieren der Sprache und des Gehirns. Unsere Erkenntnisse sind Konstruktionen – deren Vielfalt, von einem imaginierten absoluten, objektiven Standpunkt gesehen, oftmals als aus gleichberechtigt nebeneinander stehenden Perspektiven gedeutet wird. Diese Position nennt sich Konstruktivismus.

 

Am zuverlässigsten gelangt man zu einem Zweifel am Realismus durch skeptische Hypothesen:

 

„Wie kannst du ausschließen, dass alle deine Sinneseindrücke bloß Einbildungen sind und du ein Gehirn in einem Tank bist, dem ein Wissenschaftler die Realität nur vorgaukelt?“

 

Die skeptische Hypothese, dass wir nur Gehirne in einem Tank sind, lässt sich nicht ausschließen. Folglich ist es möglich, dass sie wahr ist. Also ist es möglich, dass die Realität nur Einbildung ist und jede Aussage über sie nicht eigentlich, objektiv wahr.

 

Ein harter, radikaler Konstruktivismus, nach dem die Realität nicht existiert, wird heute seltener vertreten. Sehr populär ist jedoch die Annahme, dass sie zwar existiert, wir sie aber nicht erkennen können.

 

Gelegentlich wird, um diese Position zu verteidigen, aus dem Umstand, dass wir alles durch unsere menschlichen Brillen sehen, auf den Illusionscharakter unserer Erkenntnisse geschlossen, also auf das Abweichen der Realität von ihren Erscheinungen.

Stoßrichtung dieses Textes: (Neue) Realisten und Konstruktivisten können es beide nicht.

Die einfache Haltung des Realismus, die auf den ersten Blick sofort einleuchtet, lässt sich problematisieren. Daran ändert auch der Neue Realismus (Affiliate Link) nichts. Das Gleiche gilt leider auch für den Konstruktivismus. Darauf basiert die Hälfte der Kritik meines Textes.

 

Die andere Hälfte besteht aus der Behauptung, dass die durchaus ehrenwerten Ziele, die Markus Gabriel verfolgt, mit seinem erklärten Kontrahenten Richard Rorty (Affiliate Link) viel besser erreicht werden können.

Was ist der Neue Realismus in der Philosophie? Eine Definition.

Der Neue Realismus in der Philosophie begreift sich als Ablösung der Postmoderne.

 

Seine Vertreter wollen den Streit zwischen einem (naiven) Realismus, der einen Realitätsbegriff auf Basis des Kriteriums der Bewusstseinsunabhängigkeit etabliert, und jeder Form des Konstruktivismus, der Erkenntnis als bloße Konstruktion darstellt und der ihrer Meinung nach die zeitgenössische Philosophie dominiert, zugunsten eines neuen, gewissermaßen erweiterten Realismus beenden.

 

Markus Gabriel, als prominenter Vertreter dieser Strömung, ist der alte Realismus zu wenig pluralistisch und der Konstruktivismus zu bescheiden und beliebig.

 

Er legitimiert eine begrifflich vermittelte Multiperspektivität bei Wirklichkeitszugängen (wir sehen die Wirklichkeit bzw. die Dinge unterschiedlich), da er die daraus entstehenden Wahrheiten nicht, wie mancher Anti-Realist es tun würde, als Konstruktionen mit einer dahinterliegenden und prinzipiell unerkennbaren Realität versteht.

 

Vielmehr schreibt er, in direkter Zurückweisung des Kantischen „Ding an sich“, jeder Perspektive, genauer: jeder Entität einer Perspektive bzw. eines Bereiches, die bei ihm „Sinnfelder“ heißen, eine tatsächliche Existenz und Erkennbarkeit zu.

 

Eine Erscheinung ist nicht länger als Abgrenzung zum eigentlichen Ding an sich bzw. zur Realität zu verstehen, sondern als Spielart des Dinges an sich. Eine Erscheinung ist ein Ding an sich in einer Perspektive, einem bestimmten Kontext, Gegenstandsbereich bzw. „Sinnfeld“. Das, was erscheint, existiert so, wie es erscheint, und in verschiedenen Sinnfeldern durchaus unterschiedlich (sogar widersprüchlich?).

 

Dinge in unserem Bewusstsein oder in Romanen sind demnach nicht weniger real als Dinge im empirisch wahrnehmbaren (z. B. physikalischen) Sinnfeld, egal wie perspektivenabhängig die Sichtungen in beiden Bereichen notwendig sind: „Wenn es keinen Blick von Nirgendwo geben kann (…), folgt daraus nicht, dass uns die Tatsachen verborgen sind. Vielmehr folgt daraus, dass wir die Dinge und Tatsachen, wie sie an sich sind, je perspektivisch auffassen.“

(Quelle: ZEIT Online)

 

Also: Alles ist Perspektive, aber jede Perspektive ist eine der möglichen Beschreibungen des eigentlichen So-Seins der Dinge. Damit ist der Neue Realismus ein ontologischer Pluralismus.

 

Entsprechend wettert Gabriel gegen den Konstruktivismus ebenso wie gegen einseitige „Weltbilder“ wie z. B. den Szientismus, der in seinen Augen ein unzulässiger Reduktionismus ist. Gegen Weltbilder sei außerdem anzuführen, dass sie die Existenz einer Entität postulieren, die bei aller Liebe des Neuen Realismus zu phänomenologischer Vielfalt nach Meinung von Gabriel ausgerechnet gerade nicht existiert: die Welt.(Affiliate Link)

Die 3 Ziele des Neuen Realismus

1. Streitschlichtung:

Beendigung der Kontroverse zwischen Realismus und Konstruktivismus durch einen erweiterten Realismus


2. Pluralisierung:

Vergrößerung der als wahr und real annerkennungsfähigen Aussagen bzw. Entitäten, ohne in die Beliebigkeitsfalle des Konstruktivismus zu tappen


3. Selbstvertrauen:

Rückgabe des Selbstvertrauens in die Erkenntnisfähigkeiten des Menschen

Ein dritter Weg zwischen altem Realismus und Konstruktivismus

Markus Gabriel und seine Komplizen vom Neuen Realismus wollen nicht das realistische bzw. ontologische (Ontologie = Lehre vom Sein, also von dem, was ist/existiert) Projekt fortsetzen, die Grundbestandteile der Realität zu erforschen und vom bloßen Schein abzugrenzen.


Vielmehr wollen sie Streitereien um den ontologischen Status einzelner sprachlich artikulierter Entitäten beenden, indem sie das Prädikat der Existenz jeder Entität gönnen, wenn auch beschränkt auf spezifische Reviere, die z. B. Kontext, Gegenstandbereich oder Sinnfeld heißen.


Vom mehr oder weniger naiven Realismus, der eine enorme Beschränkung der als real geltenden Entitäten proklamierte, distanzieren sie sich, ohne in eine vermeintliche postmoderne Beliebigkeit, in den Schwebezustand eines bösen Relativismus, der uns die Überzeugung nimmt, dass unsere Erkenntnisapparate funktionieren, abzugleiten.


Sie gehen einen dritten Weg, der in ihren Augen das Beste beider Strömungen vereint: die Stabilität durch Realitätsverankerung des alten Realismus und die Vielfalt der Wahrheiten in der konstruktivistischen Postmoderne.

Das Scheitern des Neuen Realismus: Zwischen allen Stühlen fällt man auf den Boden

Mit dem Ergebnis, dass sie auf keinem der beiden Schauplätze reüssieren. Die quälenden, unfruchtbaren Anwürfe des Skeptizismus lassen sich mühelos auf den Neuen Realismus adaptieren, da dieser einfach axiomatisch setzt, was eigentlich zur Debatte stand: die Existenz und Erkennbarkeit der Dinge.

 

„Woher willst du wissen“, könnte man Gabriel fragen, „dass deine Sinnfelder und die Dinge darin real existieren und nicht nur Gaukeleien unseres Erkenntnisapparates sind?“

 

Diese skeptizistischen Fragen sind allerdings ebenso fruchtlos wie das, worauf sie zielen. Nicht nur deshalb, weil sie von den Realisten nicht beantwortet werden können, sondern weil sie selbst in ihren eigenen Strudel gerissen werden können und sich dann gegen ihre Urheber richten: Woher will der Konstruktivist wissen, dass die Realität abweicht und solche Fragen deshalb sinnvoll sind?

 

Die Tatsache, dass wir alles durch unsere menschlichen Brillen sehen, beweist nicht die Falschheit des Gesehenen. Nur weil wir uns eine nicht-kausale Welt gar nicht vorstellen können, heißt das nicht, dass Kausalität eine Zutat unseres Verstandes zu unserer Erkenntnis ist und gar nicht in der Realität vorkommt.

 

Besonders kurios ist Gabriels Impetus, die Metaphysik niederzuringen, da seine Sinnfeld-Ontologie problemlos als Metaphysik gelesen werden kann – sogar dann, wenn man diesen Begriff strenger auffasst als ich.

 

Die Streitschlichtung zwischen den beiden Kontrahenten Realismus vs. Konstruktivismus funktioniert also nicht.

 

Zusätzlich ernten die Neuen Realisten Spott, weil sie behaupten, dass Einhörner genauso existieren wie Berge, Autos, Moral und die Bundesrepublik Deutschland. Damit verhindern sie eine Privilegierung von Existenz-Aussagen auf Basis kluger Kriterien. Im Zweifel existiert halt alles irgendwo, die Behauptung „Es gibt X und es hat Eigenschaft Y“ kann immer als wahr gelten – sogar innerhalb eines einzelnen Sinnfeldes.

 

Zumindest gibt uns Gabriel keine Hinweise darauf, wie man das Problem konkurrierender Wahrheitsansprüche löst. Hier lauert die Beliebigkeit, die er eigentlich bekämpfen will. Und für das Vertrauen in unsere Erkenntnisfähigkeiten hat er damit ebenso wenig getan. Letztlich banalisiert er die Existenz- und Wahrheitsattribution, sodass sich fragen lässt, welchen Sinn es noch haben soll, von einem Ding zu sagen, dass es existiert, bzw. von einer Aussage, dass sie wahr ist.


Gabriels Neuer Realismus besagt, dass jede wahre Erkenntnis eine Erkenntnis eines Dinges an sich ist. Selbst nach einer Klärung, was er unter „wahr“ versteht, bleibt unbeantwortet, was damit gewonnen ist, wenn wir einer wahren Erkenntnis bescheinigen, dass sie ein Ding an sich beschreibt. Richard Rorty würde hier ein „leeres metaphysisches Kompliment“ konstatieren.

Bessere Alternative zum Neuen Realismus: Neopragmatismus von Richard Rorty

Die Tragik von Markus Gabriels Eskapaden besteht darin, dass er sich den Philosophen zum harsch befehdeten Gegner sucht, von dem er am meisten lernen könnte und der ihm motivational am ähnlichsten ist: Richard Rorty.

 

Beide wollen, neben den obigen Zielen, weg vom Skeptizismus und beide schießen gegen einen Szientismus, der echte Realitätszugänge ausschließlich auf selektierte Naturwissenschaften reduziert, nur dort von Wahrheit zu sprechen bereit ist und alles nebenan als ggf. schöne Poesie, aber doch defizientes Gelaber subalternisiert.

 

Richard Rortys Werk, seines Zeichens Neopragmatist, liefert geeignete Kriterien für die Bewertung einer Aussage als wahr oder unwahr. Außerdem bietet Rorty einen Ansatz, der die oben formulierten Ziele besser erreicht und somit den Neuen Realismus obsolet werden lässt.

 

Das Kriterium, um Aussagen als wahr (bzw., wer es braucht, Entitäten als real) zu klassifizieren, lautet – zunächst bis zur Gefahr des Missverstehens grob vereinfacht – Nützlichkeit der jeweiligen Behauptung. Damit entgeht man der Gefahr der Beliebigkeit.

 

Der Ansatz, um den fruchtlosen, langweilig gewordenen Streit zwischen Realismus und Konstruktivismus zu beenden, besteht darin, das Erkennen von Wahrheiten nicht mehr als das Erkennen der Realität darzustellen, Aussagen also nicht mehr als Anwärter für das Hochamt der Realitätsdarstellung zu betrachten. Sprache, in der unsere Erkenntnisse immer formuliert sind, dient nicht mehr länger der Realitätsdarstellung, sondern als Werkzeug, um mit der Realität klarzukommen.

 

Wenn unser Erkenntnisapparat nicht die Aufgabe hat, die Realität darzustellen, abzubilden, widerzuspiegeln oder ähnliches, dann ist ein Diskurs darüber, ob uns diese Aufgabe gelingt oder nicht, sinnlos. Der Streit ist also beendet.

 

Gleichzeitig muss man sich nicht länger düpiert fühlen, weil sich die Realität unserer Erkenntnis prinzipiell entzieht oder wenigstens entziehen könnte. Schließlich stellen wir bei einem Blick auf unseren Alltag fest, dass die meisten unserer Wahrheiten halbwegs gut funktionieren.

 

Auch wenn natürlich nie ausgeschlossen werden kann, dass alles in Wirklichkeit ganz anders ist als gedacht. Man wird es dann jeweils sehen, wenn unsere bisherigen Beschreibungen nicht mehr funktionieren und wir uns um neue kümmern müssen. Das ist eines der spannenden Abenteuer des Lebens, von dem uns ohnehin niemand befreien kann und oft auch nicht sollte.

 

Alles andere, etwa Aussagen über den mutmaßlichen unausweichlichen Scheincharakter unserer Erkenntnis, sind nette Gedankenexperimente, für unser Leben jedoch irrelevant. Pragmatisten meinen dazu ganz trocken, dass das, was praktisch keinen Unterschied macht, auch theoretisch keinen machen sollte.

 

Trotzdem bedarf es an dieser Stelle sicherlich einer vertiefenden Erklärung des Neopragmatismus von Richard Rorty, um die merkwürdige Rückführung von Wahrheit auf Nützlichkeit oder Zweckdienlichkeit plausibel und akzeptabel erscheinen zu lassen.

Wie jetzt: Eine Aussage ist wahr, wenn sie nützlich ist?

Das, was bei Markus Gabriel „Sinnfeld“ heißt, lässt sich in die Sprache von Rorty halbwegs unfallfrei mit „Vokabular“ oder „Sprachspiel“ übersetzen (angelehnt an den späten Ludwig Wittgenstein), mit dem wir das Leben bewältigen, und so zu einem brauchbaren Konzept befördern.

 

Nach einem berühmten Diktum Rortys ist Wahrheit eine Eigenschaft von Sätzen, Sätze sind Bestandteile von Vokabularen, und weil Vokabulare von Menschen gemacht sind, gilt dasselbe auch von Wahrheiten. Wir lassen zwar sehr häufig die Realität entscheiden, was wir als wahr betrachten, das heißt aber nicht, dass die Realität uns die Beschreibung, also die gebrauchten Wörter, vorgibt.

 

Beliebigkeit oder Relativismus treten dabei nicht als ernst zu nehmende Bedrohungen auf, da wir durch den mächtigen Druck, den die Realität auf das notwendig mit ihr verhakte menschliche Leben ausübt, diszipliniert werden, nicht allzu viel Stuss zu reden. Zur privaten Selbsterschaffung können wir problemlos von der Existenz von Einhörnern ausgehen und uns eine Realität zurechtphantasieren, in der Markus Gabriel ein bedeutender Philosoph ist.

 

Sobald wir jedoch auf die Straße treten, die wuchtige Existenz eines zügig herannahenden Autos leugnen und uns ihm furchtlos in den Weg stellen, werden wir schmerzhaft darüber belehrt, dem Sprachspiel, das Autos als potentiell körperverletzend beinhaltet, Glauben zu schenken, falls Unversehrtheit unser Ziel ist. Zudem ist auch der Schock des Fahrers ein gutes Argument, vorsichtig zu agieren, ergo das Sprachspiel zu übernehmen.

 

Wollen wir zudem ein politisches Unterfangen voranbringen, stellen wir fest, dass wir uns mit anderen Interessierten einigen müssen auf die Sprachspiele, die wir anwenden wollen, und die Bedeutung der Worte, das heißt auf die Dinge, die wir konkret für das Leben fordern oder ablehnen. Beliebig im Sinne einer philosophischen Realitätsverdrängung ist hier wenig bis nichts.

 

Politische und sonstige Forderungen stützen sich im Idealfall auf Argumente (manchmal auch nur auf die schlechten des Gegners), die mehr oder weniger überprüfbar sind. Wir argumentieren hier mit der Realität, um wünschenswerte Zustände zu erwirken. Wir blicken also auf die Folgen unserer Aussagen, um zu gewährleisten, dass sie wahr und richtig sind. Und wir bezeichnen die Aussagen als wahr, die sich bewährt haben.

 

Das gilt auch für die Naturwissenschaften. Eine Theorie in diesem Bereich bezeichnen wir als wahr, wenn sie eine Prognose erlaubt und optimalerweise eine Gelegenheit benennt, wie wir die Realität verändern können. Der Zweck oder Nutzen anderer Vokabulare – religiöser, literarischer, philosophischer, politischer, unternehmerischer etc. – kann anders lauten und subjektiv und/oder intersubjektiv gelten.

 

Die „Objektivität“ in den Naturwissenschaften beschreibt Rorty neu als Ausdruck dafür, dass wir dort relativ mühelos Einigung über die Richtigkeit einer Theorie erzeugen können, was unter anderem daran liegt, dass die Vorstellungen vom Ziel, also vom Zweck/Nutzen, der Theorien unter den Interessierten stärker übereinstimmen als in anderen Lebensbereichen.

 

Gabriels esoterisch alltolerierende Sinnfelder bringen uns bei der Bewertung von Aussagen nicht weiter, weil sie, so ohne weitere Anmerkungen, viel eher das verkörpern, was er unbedingt vermeiden wollte und seinen Gegnern vorwirft: Beliebigkeit.

 

Richard Rortys Ansatz erlaubt es uns also, uns nicht mehr an philosophischen Elfenbeinturm-Diskussionen wie zum Beispiel die, ob wir die Realität erkennen können oder nicht, zu beteiligen (was die meisten Menschen intuitiv sowieso unterlassen). Erkenntnistheorie ist langweilig, sowas sollte man nicht mehr machen. Wer es nicht glaubt, lese die entsprechenden Bücher.

 

Stattdessen können wir uns drängenden Fragen stellen, die direkt im Leben siedeln, großen sozialen wie vermeintlich kleineren, die eher privat, individuell sind und der eigenen Selbsterschaffung dienen.

Wie kurios die Vorstellung, Erkenntnisse sollten die Realität darstellen, eigentlich ist

Bei näherer Betrachtung erweist sich die Vorstellung, eine sprachliche Aussage müsse, um als wahr zu gelten, die Realität abbilden, spiegeln, darstellen etc., als nicht notwendig und weit weniger unmittelbar einleuchtend. Der gesunde Menschenverstand hat sich an diese Beschreibungen unserer Erkenntnis gewöhnt, im Grunde kurios.

 

Sprache lässt sich ansehen, als Schrift oder als Lippenablesen, fühlen wie bei der Blindenschrift oder hören. Diese Sinneseindrücke von Sprache sind völlig verschieden von denjenigen, die die Entitäten auslösen, die durch Sprache beschrieben werden. Ein Tisch klingt anders und sieht anders aus als das Wort, das ihn bezeichnet – wobei es eine Herausforderung für Designer wäre, das mal anzugleichen …

 

Manchmal wird gesagt, Erkenntnisse sollten die Realität repräsentieren. Damit entledigt man sich des Zwanges, dass Erkenntnis und Erkanntes sich ähnlich sein sollten – ein Repräsentant darf anders gestaltet sein als das, was er repräsentiert. Dass eine Erkenntnis aber für etwas anderes steht als eben für eine Erkenntnis, ist mindestens ebenso fragwürdig und nicht besonders hilfreich.

 

Ich schlage vor, Gabriels Behauptung, dass wir die Realität erkennen können, in der Form „Wir können wahre Aussagen über die Realität tätigen“ zu reformulieren. Um lebensnah zu beschreiben, was „wahr“ bedeutet, hilft eine funktionalistische empirische Analyse, wann wir eine Aussage im jeweiligen Kontext als wahr bezeichnen. So gerät man schnell in den Landeanflug auf Rortys Pragmatismus und findet die Ansicht, dass Wahrheit etwas mit Nützlichkeit / Zweckdienlichkeit zu tun hat, weniger befremdlich, sogar sehr fruchtbar.

Eine der größeren Schwächen im Werk von Richard Rorty

Es scheint eine der größeren Schwächen im Werk Richard Rortys zu sein, dass er sich um die Missverständnisse, die aus seiner Wahrheitsvorstellung erwachsen können, zu wenig gekümmert hat. Allzu oft wird Wahrheit in seiner Spielart des Neopragmatismus daher auf Nützlichkeit oder Zweckdienlichkeit verkürzt, was ein Einfallstor sein kann für die absurde Überzeugung, ich dürfe die Realität gegenüber Dritten so beschreiben, wie es mir gefällt, vulgo lügen.


Es fehlt eine pragmatistische Ethik, die in etwa darauf hinausläuft: Wenn ich abweiche in meiner Beschreibung vom anzunehmenden Konsens-Sprachspiel, dann muss ich diese Abweichung transparent machen – und ggf. verteidigen.


Bei alltäglichen Sprachspielen, etwa der Frage an einen Zeugen, wer den Mord begangen hat, der Gärtner oder der Poolreiniger, ist es verhältnismäßig leicht, das Konsens-Sprachspiel herauszufinden. Wir wissen, was mit „Gärtner“, „Poolreiniger“ und „Mord begehen“ gemeint ist und haben vermutlich auch wenig Interesse, hier Neubeschreibungen vorzunehmen.


Bei Wörtern wie „Leistungselite“, „Sozialschmarotzer“ oder „Gerechtigkeit“ ist das weniger klar – und es kann politische Strategie sein, die eigenen Neubeschreibungen gerade nicht zu kennzeichnen, um sie am kritischen Bewusstsein vorbei in die Hirne der Wähler zu drücken.

Oder ist Rorty doch nur ein Konstruktivist?

Es könnte der Eindruck entstanden sein, dass Rorty doch nur ein Konstruktivist ist, also einer, der behauptet, die Wahrheit ist „bloß“ konstruiert.

 

Er sagt zwar in seinem eingangs wiedergegebenen Diktum, dass die Wahrheit vom Menschen gemacht und ein nützliches Konstrukt ist. Allerdings geht damit gerade nicht diese Behauptung einher: "Ich, Rorty, bin ausgezogen, die Wahrheit zu erforschen, und kehre mit dem Resultat zurück, dass sie in Wirklichkeit nur ein Konstrukt ist!“ Er versteht seine Aussage, dass die Wahrheit vom Menschen gemacht wird, nicht als Aussage über das eigentliche, objektive So-Sein der Wahrheit, nicht als Aussage über das Wesen der Wahrheit.

 

Stattdessen macht er geltend, dass es nützlich ist, in einem bestimmten Sinne nützliche Aussagen wahr zu nennen. Der Pragmatismus wird also favorisiert auf Basis der Kriterien, die er selbst erst hervorbringt. Die Nützlichkeit dieser Wahrheitsauffassung besteht zum Beispiel in den drei Zielen, die auch der Neue Realismus verfolgt – denn diese teilt Rorty.

Auflösung des Streites zwischen Realismus und Anti-Realismus

Realismus und Konstruktivismus ergeben als Positionen nur dann Sinn, wenn Vertreter beider Seiten die Auffassung teilen, dass Erkenntnis Widerspiegelung, Abbildung, Repräsentation o.ä. der Realität bedeutet. Dass unser Geist also die Aufgabe hat, Dinge zu produzieren, die so anmuten wie die Realität. Nur wenn unser Geist die Realität spiegeln soll, entsteht der Streit darüber, wie gut der Spiegel geputzt und ob er generell putzbar ist. Dieser Streit führt zu nichts, wir sollten ihn aufgeben.

 

Im Disput Realismus vs. Anti-Realismus (=Konstruktivismus) schlägt sich Rorty auf keine der beiden Seiten. Lieber unterminiert er, seiner Maxime von der Veränderbarkeit der Sprachspiele folgend, die Voraussetzung, auf der der Streit beruht: Die Vorstellung, dass Sprache/Erkenntnis dazu da ist, die Realität darzustellen, abzubilden, widerzuspiegeln etc. Statt ein Problem zu lösen, wie Markus Gabriel es versucht, löst er es auf.

 

Richard Rorty fegt all diese Figuren – Realisten wie Anti-Realisten – vom (Sinn-)Feld, indem er ein ganz neues Spiel erfindet. Darin gibt es vielfältige, echte, wenn auch oft temporäre und regionale bis hin zu individuellen  Wahrheiten ohne „Relativismus“ oder „Beliebigkeit“ in einer lebensnahen, plausiblen Gesamtsicht des menschlichen Erkennens, über das man grundsätzlich nicht viele Worte machen muss.

 

Rorty entwurzelte damit einen langweiligen Streit, den Gabriel und Konsorten jetzt unfreiwillig wieder einpflanzen. Dass ihr Baum üppiger, vielfältiger blüht als der ihrer Vorgänger, kompensiert nicht die Schwäche, dass sie die gleiche Erde benutzen.

Das wichtigste Gut des Pragmatismus: Die Freiheit des Menschen, sich selbst hervorzubringen

Am wichtigsten war Richard Rorty (er ist 2007 gestorben), dass wir mit seiner Philosophie neue Freiheitsräume erobern: Wenn Sprache kontingent ist, das heißt, wenn unsere Beschreibungen der Realität Menschenwerk sind und damit von keiner höheren Macht wie etwa der Natur oder Gott aufoktroyiert werden, dann können wir die Dinge neu beschreiben, um neue Wege aufzuzeigen, die wir ausprobieren können.

 

Und wir können im Politischen herzhaft um den richtigen Weg ringen. Denn Rortys Neopragmatismus (Affiliate Link) ist die Weiterentwicklung des Konstruktivismus, indem er ihn vom Problem der Selbstbezüglichkeit befreit, das dem Konstruktivisten in unterschiedlichen Variationen vorgeworfen wird und im Kern so aussieht: Welchen Wahrheitsstatus hat die konstruktivistische Behauptung, dass alle Wahrheiten nur konstruiert sind?

 

Alles, was wir wollen und denken, ist kontingent, also vom Menschen gemacht und nicht von einer höheren Macht, folglich austauschbar. Aber trotzdem können wir unerschrocken für das einstehen, woran wir glauben.

 

Das Überwinden der Zaghaftigkeit im Denken und des Verzichts im Handeln, die konsequenten Konstruktivisten theoretisch anhaften, unter Beibehaltung der Aufmerksamkeit für die Kontingenz, um geistig beweglich zu bleiben, ist ein elementarer praktischer Anspruch des Pragmatismus.

 

Über die Schiene des Neopragmatismus lässt sich die Pluralisierung anerkennungsfähiger Beschreibungen angriffssicherer betreiben als über Markus Gabriels Existenz-Ausdehnungen.(Affiliate Link)

Die Welt gibt es nicht? Warum es sie doch gibt!

Ich will noch kurz die Gabrielsche Botschaft von der Unmöglichkeit der Existenz der Welt streifen.

 

Mit seiner Definition von „Welt“ als dem Ganzen, in dem alles enthalten ist, evoziert er das Bild eines größten Gefäßes (oder auch des Sinnfelds aller Sinnfelder) für alle Entitäten und bereitet so seine Pointe vor, dass die Welt nicht existiert und es prinzipiell nicht kann. Begründung: Da sie alle Entitäten, die es gibt, enthält, sich aber nicht selbst enthalten kann, kann sie nicht existieren.

 

Aus Systemen bzw. Definitionen kriegt man nur das heraus, was man vorher hineingesteckt hat. Bei philosophischen Großtheorien ist die Logik eine „Magd der Rhetorik“ (Rorty), die veranschaulicht, wie der Sprecher denkt, also wie seine Argumente gebaut sind. Inkonsistenzen der Form „A und Nicht-A“ lassen sich ggf. mühelos ausbügeln.

 

Rorty geht sogar so weit, zu behaupten, dass derjenige, der anderen solche Widersprüchlichkeiten nachweist – wie z. B. Gabriel uns nachweist, dass wir, reden wir von der Welt, einer Illusion aufsitzen – nur noch nicht richtig verstanden hat, wie der andere tickt, wie sein Sprachspiel funktioniert, da dieser andere ja ein Paradigma darstellt für konsistenten, lebensfähigen Sprachgebrauch.

 

Lassen Sie es mich im Duktus des Urhebers selbst ausdrücken: Im Sinnfeld von Gabriels Gedankenkosmos existiert die Welt nicht. In meinem benutze ich das Wort „Welt“ hochvergnügt und rege, da es einen guten Job macht, wenn ich einen Namen für die Gesamtheit der Dinge, für das allgemeine Ganze suche, das man sich nicht als Behältnis zu denken braucht.

 

Falls Markus Gabriel mir hier mithilfe seiner logischen Taschenspielereien Inkonsistenzen nachweist, weise ich ihm vielleicht nach, dass dieser Nachweis eine Inkonsistenz in seiner Sinnfeld-Theorie darstellt: Wenn nach Gabriel das (und nur das), was in Sinnfeldern erscheint, existiert und wenn die Welt in meinem Sinnfeld erscheint, wie kann Gabriel dann behaupten, dass die Welt nicht existiert?

 

Aber wie bereits gesagt: Auch solche Erwiderungen gehören in den Bereich der philosophischen Tricks, die uns womöglich eher ausbremsen als weiterbringen.

 

Dass sich das Leben der Menschen, die von Gabriels Weisheit Kenntnis erhalten, nicht signifikant geändert haben dürfte und das Leben derjenigen, die nie in den Genuss seines Wissens kommen, unter diesem Mangel keinen erkennbaren Schaden nimmt, obwohl mutmaßlich beide Gruppen sich ein Bild von der Welt machen, sich auf sie beziehen und davon ausgehen, dass sie in der Welt leben, muss als Signal für einen Sturm im akademischen Wasserglas gedeutet werden, das vom Elfenbeinturm aus in die Menge gehalten wurde. Ein gelungenes Stück Philosophie-PR ist es, mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

 

Richard Rortys grandioses Hauptwerk "Kontingenz, Ironie und Solidarität" sollten Sie auf jeden Fall lesen.(Affiliate Link)

Vertreter des Neuen Realismus bzw. Philosophen, die unter dieser Bezeichnung debattieren

Markus Gabriel, Umberto Eco, Hilary Putnam, John Searle, Thomas Nagel, Paul Boghossian, Maurizio Ferraris, Quentin Meillassoux, Mario de Caro, Susan Haack, Diego Marconi, Jocelyn Benoist, Andrea Kern, Anton Friedrich Koch, Lewis Gordon, Pirmin Stekeler-Weithofer, Akeel Bilgrami, Dieter Sturma, Manfred Frank


Weiterführende Links zum Neuen Realismus und Neopragmatismus

Das beste Hauptwerk von Richard Rorty ist auch in einem separaten Buchtipp zu finden auf BuzzNews.

 

Eine gründliche, textnahe und luzide Kritik an Markus Gabriels Begründung für die Nicht-Existenz der Welt bringt Eberhard Wesche vor.

Hier geht es weiter zur Antwort auf die Frage: Was ist Philosophie?

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Kommentare: 31
  • #1

    Der rote Don (Sonntag, 02 August 2015 20:34)

    Sehr geehrter Herr Janke,

    vielen Dank für Ihren Text. Gern möchte ich Sie am veröffentlichungsfähigen Teil meiner Gedanken teilhaben lassen:

    1. Erstmal: Klasse geschrieben insofern, als es auf das Wesentliche reduziert ist, schön kernig, gut geradeaus. Gut gefällt mir auch die Strukturierung und der Ausblick.

    2. Beim Konstruktivismus würde ich zwischen epistemischem und ontologischem unterscheiden (mit Schurz). Die Problematik des ontologischen besteht dann darin, die Außenwelt selbst für eine Konstruktion zu halten. Wie dazu die Ausführung zum „Ding an sich“ und den sich zwischen uns und die Realität schiebenden Elementen passt, ist mir unklar (eben auch für den radikalen Konstruktivismus). Diese Problematiken scheinen mir quer zueinander zu liegen.

    3. „Eine Erscheinung ist nicht länger als Abgrenzung zum eigentlichen Ding an sich bzw. zur Realität zu verstehen, sondern als Spielart des Dinges an sich. Eine Erscheinung ist ein Ding an sich in einer Perspektive, einem bestimmten Kontext, Gegenstandsbereich bzw. „Sinnfeld“.“ Bitte lies mal über die Wesen-Erscheinungs-Differenzierung in der materialistischen Gnoseologie nach. Das ist ganz richtig und dort schon alles enthalten.

    4. Von solchen Begriffe wie „der überlegene Gegner“ halte ich immer nicht so viel – das soll, wenn überhaupt, der Leser entscheiden.

    5. Die Welt existiert.

    6. „Komplizen“? Das ruft den Juristen auf den Plan. Für welches Delikt denn?

    7. Die Frage ob das Konzept des Neuen Realismus eine fortschrittliche Kompromisslösung ist oder zwischen den Stühlen durchfällt: Das hängt davon ab, wie viel es – hegelianisch gedacht – von den Antithesen in sich aufhebt und ob das die packenden, mobilisierenden Momente sind.

    8. „Besonders kurios ist Gabriels Impetus, die Metaphysik niederzuringen, da seine Sinnfeld-Ontologie problemlos als Metaphysik gelesen werden kann – sogar dann, wenn man diesen Begriff strenger auffasst als ich.“ Wo ist die Grenze?

    9. „Die Streitschlichtung zwischen den beiden Kontrahenten Realismus vs. Konstruktivismus funktioniert also nicht.“ Diese Schlussfolgerung kommt mir etwas unvermittelt, vielleicht auch zu früh. Warum soll er nicht funktionieren? Dass bestimmte alte Gegenargumente auch gegen ihn greifen heißt ja nicht, dass er nicht dennoch eine bessere Fassung, gar ein Kompromiss zwischen beidem sein kann.

    10. Besonders gut gefällt mir, dass du mehrfach den motivationalen Aspekt ansprichst: den vermuteten Gleichlauf zwischen Gabriel und Rorty.

    11. Zu Rorty das alte Problem:
    1. Wahrheit und Nützlichkeit sind zwei verschiedene paar Schuhe. Die konsequentialistisch-utilitaristische Abwägung hat nur dort Platz, wo die Wahrheitsfrage nicht entscheidbar ist. Diese Frage ist aber keiner abstrakten Lösung zugänglich, sondern hängt vom Untersuchungsgegenstand ab (Siehe: Schüssel auf meinem Tisch: wahrheitsfähig. Objektive Wertlehre in der Ökonomietheorie: Nicht wahrheitsfähig, also nach Nützlichkeit vorgehen.)
    2. „Wenn unser Erkenntnisapparat nicht die Aufgabe hat, die Realität darzustellen, abzubilden, widerzuspiegeln oder ähnliches...“ Doch, hat er.
    3. „Pragmatisten meinen dazu ganz trocken, dass das, was praktisch keinen Unterschied macht, auch theoretisch keinen machen sollte.“ Gefällt mir. Danke dafür.

    12. „Richard Rortys Ansatz erlaubt es uns also, uns nicht mehr an philosophischen Elfenbeinturm-Diskussionen wie zum Beispiel die, ob wir die Realität erkennen können oder nicht, zu beteiligen (was die meisten Menschen intuitiv sowieso unterlassen). Erkenntnistheorie ist langweilig, sowas sollte man nicht mehr machen. Wer es nicht glaubt, lese die entsprechenden Bücher.“ Als persönliches Statement ok, meines Erachtens in der Sache völlig unhaltbar. Ob und inwieweit sie einzelwissenschaftlich oder philosophisch betrieben gehört, ist die viel spannendere Frage. Uninteressant wird sie nur für jene, die meinen, ihre letztgültigen Antworten gefunden zu haben, wie du. Dies ist nicht sarkastisch gemeint.

    13. „Da sie alle Entitäten, die es gibt, enthält, sich aber nicht selbst enthalten kann, kann sie nicht existieren.“ Finde ich auch Quark, ist wortakrobatisch konstruiert.

    MfG

    Der rote Don

  • #2

    Alex (Sonntag, 09 August 2015 14:02)

    Sehr geehrter Herr roter Don,
    danke für den Kommentar, hier meine Replik, nummeriert zu Ihren Unterpunkten, aufgeteilt auf zwei Kommentare, da es offenbar eine Obergrenze von 5.000 Zeichen gibt...:

    1. Danke!

    2. Zwischen epistemischem und ontologischem Konstruktivismus unterscheide ich ja direkt bei der Beschreibung des Konstruktivismus. Da ich beide Formen für überwindungs- bzw. weiterentwicklungswürdig halte, spielt die Unterscheidung für diesen Text jedoch keine Rolle. Zweifel and er Existenz der Außenwelt (ontologischer Konstr.) gibt es m. E. heutzutage auch eher weniger.

    Das Ding an sich ist lt. Kant unerkennbar, weil es sich uns nur als Erscheinung zeigt, basierend auf den Kategorien unseres Verstandes, die diese Erscheinungen konstruieren. Insofern hat Gabriel Recht, wenn er Kant als Konstruktivisten bezeichnet. Eigentlich doch ein epistemischer Konstruktivismus, oder liege ich falsch?

    3. Gnoseologie – What? Na, jedenfalls: ich halte die Unterscheidung zwischen Realität und Erscheinung im Alltag manchmal für brauchbar (obwohl ich auch hier dafür plädiere, verschiedene Grade der Nützlichkeit eines Satzes zu sehen statt Gattungsunterschiede wahr vs. falsch). Ich meine aber, dass diese Unterscheidung als philosophisches Sujet witzlos und nutzlos ist und nur Probleme schafft, wo keine sein müssten. Deshalb sollten wir sie einfach fallenlassen.

    4. Von solchen Begriffen wie „Der überlegene Gegner“ halte ich immer ganz schön viel. Denn ich muss ja nicht erst zum Leser werden, um klar Position beziehen zu dürfen. Oder verwirkt man sich als Autor dieses Recht? Verpflichtet man sich zur Neutralität zwischen zwei Positionen? Darf man nicht mehr tendenziös bis entschlossen sein?

    5. Wenn du es sagst! Ich sage es ja auch, da sind wir schon mal zwei.

    6. Für das Delikt, die Welt mit neuem Blödsinn zu überziehen und dabei Richard Rorty verächtlich zu machen.

    7. Ob eine Theorie Antithesen notwendig in sich aufheben muss, um fortschrittlich zu sein, bezweifle ich. Aber es ist ein Weg zum Fortschritt – manchmal, wenn das neue nicht unangemessen viele neue Probleme hervorruft. Zwecks Fortschritt kann man auch einfach aufhören, bestimmte Vokabulare zu benutzen, um neue zu verwenden und anders zu denken.

    8. Metaphysik üblicherweise: Die ewige Substanz, Realität, die ahistorischen Strukturen der Wirklichkeit hinter den flüchtigen, oberflächlichen Erscheinungen.
    Metaphysik in meinem Sinne (von Rorty übernommen): Jede Aussage, die beansprucht, das eigentlich So-Sein der Dinge auszudrücken/darzustellen – unabhängig davon, ob es sich um eine Erscheinung oder das Dahinterliegende handelt. Metaphysik ist m. E. abzulehnen.

    9. Wenn alte (und zentrale) Gegenargumente greifen, dann ist er meiner Meinung nach überflüssig – zumal eine bessere Lösung greifbar ist (Rortys Neopragmatismus).

    10. Mir auch!

  • #3

    Alex (Sonntag, 09 August 2015 14:04)

    11.

    1) Ja, wie im Text bereits dargestellt: Nützlichkeit und Wahrheit sind für den Pragmatisten nicht dasselbe, aber sie glauben, dass man „die Wahrheit nicht ohne Nützlichkeit haben kann.“, wie Rorty in seinem letzten Buch „Philosophie als Kulturpolitik“ auf Seite 271 in der Fußnote 19 des Aufsatzes „Naturalismus und Quietismus“ anmerkt.

    Du benutzt den Satz „Der Schlüssel liegt auf dem Tisch“ als Beispiel für einen wahrheitsfähigen Satz in deinem Sinne und im Gegenteil führst die die Objektive Wertlehre in der Ökonomietheorie als Beispiel für einen nicht-wahrheitsfähigen Gegenstand an, der entsprechend dann nach Nützlichkeit beurteilt werden sollte.
    Ein Pragmatist sagt jetzt: Wir können den Satz über den Liegeplatz des Schlüssels verwenden, um anderen mitzuteilen (oder uns selbst daran zu erinnern), wo der Schlüssel liegt. Da die Begriffe dieser „Theorie“ weitgehend unmissverständlich sind, werden sie vermutlich im Leben weiterhelfen: Wir gucken auf den Tisch, wenn wir den Schlüssel suchen, finden das, was wir unter „Schlüssel“ verstehen, dort vor und sind glücklich. In diesem Sinne ist es ein nützlicher Satz und in diesem Sinne ist er wahr. Unsere Erwartungen, die er schürt, werden erfüllt.

    Ähnlich verhält es sich mit einer wirtschaftswissenschaftlichen Theorie – nur dass es hier komplexer zugeht. Die verwendeten Wörter sind unschärfer, was es erschwert, ein gemeinsames Verständnis von ihnen zu erringen. Und – noch wichtiger –: Wann sie als wahr bewiesen werden konnte, finden wir ebenfalls viel schwerer zu beurteilen. Wenn aber die Erwartungen, die wir aufgrund der zentralen Aussagen einer Theorie hegen, erfüllt werden, wenn also die Folgen von uns so erwartet wurden, dann neigen wir dazu, sie wahr zu nennen.

    Versuch doch mal, Wahrheit festzustellen und die Deckungsgleichheit unserer Erwartungen und der Folgen auszuklammern.

    2) Du sagst, dass unser Erkenntnisapparat die Aufgabe hat, die Realität darzustellen, abzubilden, widerzuspiegeln oder ähnliches (was ich leugne). Wie beweist du deine Behauptung? Und was hältst du von dem Passus in meinem Text, in dem ich andeute, weshalb das gar nicht so plausibel ist, wie viele denken?

    3) Freut mich, dass du zumindest die Praxis als das (pragmatistische) Kriterium zur Beurteilung von theoretischen Streitereien anerkennst und damit zu meinen scheinst, dass zwei um Dominanz buhlende Theorien nicht mehr streiten sollten, wenn sich praktisch aus ihnen dasselbe ergibt.

    Du kannst dieses Kriterium ja mal auf deine Wahrheitstheorie anwenden, nach der Wahrheit bedeutet, die Realität abzubilden, darzustellen, widerzuspiegeln. Mich würde interessieren: Was bleibt denn übrig von einem wahren Satz, wenn wir seine Brauchbarkeit abziehen? Und bevor du jetzt sagst „Die Wahrheit ist brauchbar, Sätze sind brauchbar, WENN und WEIL sie wahr sind“: Wie kann ich denn einen wahren Satz anders erkennen als über seine Brauchbarkeit/Nützlichkeit?

    Zumal mir das Prädikat „bildet Realität ab“ völlig unklar geworden ist – wie soll ein Satz etwas abbilden? Ich gucke mir Sätze an und ich gucke mir die gegebene Realität an und erkenne absolut keine Ähnlichkeiten.

    12. Einzelwissenschaftliche Verständigungen darüber, was geeignete Kriterien zur Sicherstellung der Zuverlässigkeit von Theorien in diesen jeweiligen Disziplinen sein könnten, halte ich nicht grundsätzlich für unfruchtbar.

    Meine Behauptung der Nutzlosigkeit und Langweiligkeit zielt lediglich auf die Erkenntnistheorie an sich. Ich glaube, mit Rorty, dass man über Erkenntnis an sich nicht viel philosophisch Interessantes sagen kann. Die Frage der Erkenntnistheorie „Können wir die Welt erkennen und wenn ja, inwiefern?“ hat bisher nichts hervorgebracht, das einer guten Antwort nahe kommt. Ich freue mich über Gegenbeispiele!

    Ich meine nicht, dass ich letztgültige Antworten auf diese Frage gefunden habe – im Gegenteil: Ich glaube, es gibt keine, da ich die Frage für prinzipiell antwortunzugänglich halte, da nie vor skeptizistischen Angriffen geschützt. Daher plädiere ich, wieder mit Rorty, dafür, die Frage fallen zu lassen.

    Meine Frage, auf die ich in Rortys Neopragmatismus eine gute Antwort gefunden zu haben glaube, lautet: Wie sollten wir uns das Erkennen der Welt vorstellen, um uninteressante, unbedeutende, irrelevante, nutzlose philosophische Diskussionen über unsere grundsätzliche Erkenntnisfähigkeit endlich zu beenden und zu besseren, d. h. pluralistischeren, freieren Auffassungen von Erkenntnis zu gelangen?

    Ob diese Antwort letztgültig ist oder ob sie neue Probleme hervorruft, die dann später durch eine Reformulierung gelöst werden, vermag ich nicht zu sagen – ich vermute aber: Auch die neopragmatistische Antwort Rortys ist nicht ahistorisch.

    Ich brauche sogar noch nen dritten Kommentar...

  • #4

    Alex (Sonntag, 09 August 2015 14:06)

    13. Der Gabrielsche Beweis ergibt sich logisch aus seinen Definitionen – eine Eigenschaft, die Beweise immer haben. (Es gibt frivole Situationen, in denen ich behaupte: Die Beweise einer Aussage sind Definitionen der Aussagenbegriffe.) Daher ist er nicht wortakrobatischer als andere Beweise auch.

    Nutzlos ist er trotzdem: Wozu braucht man solch eine Definition von „Welt“? Wir haben doch längst eine bessere, die sich bewährt hat (es gibt sogar mehrere je nach Kontext, die alle ihren Dienst tun).

    Nochmal: Danke für deinen Kommentar! es ist immer erhellend, mit einem vertreter der Gegenseite zu diskutieren ;)

  • #5

    ben (Mittwoch, 26 August 2015 00:03)

    dem 1. punkt des vorkommentators kann ich mich anschließen: du vereinfachst die (mitunter doch recht komplizierten) dinge und machst sie so verständlich, ohne sie aber zu einfach erscheinen zu lassen. den informativen, zuspitzenden, aber doch nicht plumpen stil hast du wirklich drauf ;)

    inhaltlich kann ich mich deinem artikel größtenteils anschließen. über die ablehnung von gabriels neuem realismus haben wir uns ja schon verständigt, da bin ich ganz bei dir. besonders überzeugend finde ich hier das argument "Aus Systemen bzw. Definitionen kriegt man nur das heraus, was man vorher hineingesteckt hat" - bei gabriel ist das ja wirklich auffällig. da bleibt von seiner laut vorgetragenen These der nicht-existenz der welt schlicht nichts mehr übrig: viel wind um nichts.

    ein wenig überraschend fand ich deine doch recht kritische einstellung dem Konstruktivismus gegenüber. ich selbst würde mich zwar nicht als eisernen verfechter des Konstruktivismus bezeichnen (dass sich die heutige philosophie häufig in der Zuordnung in bestimmte -ismen, also bestimmte philosophische lager, erschöpft, halte ich für eine bedenkliche Entwicklung. da geht es mitunter fast um Glaubensbekenntnisse der Wissenschaftler zu den verschiedenen lagern. gibt man sich als "moderater realist", als "gemäßigter dezisionist" usw zu erkennen, ist für alle beteiligten gleich alles klar: man hält sich dann an einen kanon bestimmter argumente und behandelt nur bestimmte probleme). dennoch halte ich ihn im grunde philosophisch für unabweisbar. dass er sich lebensweltlich kaum bewähren kann, muss ja noch nicht als philosophische Widerlegung des konstruktivismus verstanden werden. der begriff "konstruktivmus" selbst gefällt mir nicht so - jmd meinte mal, das klänge so nach Baustelle. mit Nietzsches perspektivismus hat man, denke ich, schon ausreichend denkmittel und -möglichkeiten. eine interessante Ausformung des konstruktivismus findet sich mMn auch bei Luhmann, den du ja, glaube ich, auch gut kennst.

  • #6

    Alex (Donnerstag, 27 August 2015 16:30)

    Danke dir!

    Ich dachte mir schon, dass dich meine Haltung zum Konstruktivismus leicht irritieren wird. Hier nochmal zur Erklärung: Ich gehe davon aus, dass ein Konstruktivist dieselbe Vorstellung von der Tätigkeit des Erkennens hat wie der Realist: Er glaubt, dass es darum geht, die Realität abzubilden, darzustellen etc. Mit dem Unterschied, dass er dem Menschen diese Fähigkeit abspricht, während ein Realist an sie glaubt.

    Daraus erwächst ein Streit, der m. E. nicht entscheidbar ist und auch keine Relevanz für das Leben hat – was für mich zwei sehr gravierende Argumente dafür sind, nach Alternativen Ausschau zu halten. Da sind wir also anderer Meinung. Ich glaube, dass Philosophie sich überhaupt nur rechtfertig, indem sie das Leben der Menschen weiterbringt, in irgend einer Form. Philosophische Probleme, die nur Philosophen interessieren, sind überflüssige Probleme, mit denen man sich nicht befassen sollte.

    Der Konstruktivismus, der in Nietzsches Perspektivismus bereits angelegt ist, wie du ja auch feststellst, ist in meinen Augen ein Vorbote des Neopragmatismus. Denn nur der Neopragmatismus liefert meines Wissens ein ordentliches neues Wahrheitskriterium, das lebensnah ist und bestimmte argumentative Krämpfe sowie Probleme der Selbstbezüglichkeit des Konstruktivismus vermeidet, ohne sein wertvollstes Gut, die Freiheit und Vielfalt möglicher anerkennungsfähiger Weltbeschreibungen und Denkweisen, zu verlieren.

    Auch Nietzsche hat diese Kriterium – grob gesagt: Nützlichkeit fürs Leben – zwar hin und wieder klar ausgesprochen, es aber, soweit ich blicke, nie theoretisch so eingegliedert, dass es konsistent gedacht werden kann. Es finden sich bei ihm z. B. verwirrende Aussprüche von der Sorte: was wir Wahrheiten nennen, sind nur nützliche Lügen.

    Das produziert nur unnötigen Klärungsbedarf.

    Zum aktuellen Zustand der Philosophie: Da fehlt mir etwas der Überblick. Ismen finde ich nicht so tragisch wie viele andere, für mich sind das Abkürzungen, um Bündel von Überzeugungen grob zu benennen und ungefähre Orientierung zu bieten. Aber eines ist natürlich richtig: Die Vertreter der Ismen sollten miteinander reden, statt nur im eigenen Saft zu schmoren. Ich habe aber auch nicht wirklich etwas gegen beinharte intellektuelle Ignoranten, die nur ihren Stiefel durchziehen. Man muss ihnen ja nicht bedingungslos in allem folgen. Ich glaube aber, dass es für die Vertreter selbst lehrreicher ist, sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen. Und sei es nur, um das eigene Denken zu schärfen, zu konturieren und zu profilieren.

    Du überschätzt meine Luhmann-Kenntnisse übrigens maßlos: Im Studium damals bin ich der Systemtheorie aus dem Weg gegangen, inzwischen finde ich das interessant. Habe einige Bücher dazu gelesen, aber eher für Einsteiger. Irgendwann komme ich darauf nochmal zurück. Wo siehst du eigentlich die praktische Andockung der sozialen Systemtheorie? Was kann man damit machen, erkennen etc.?

  • #7

    Dr. Klaus Robra (Sonntag, 31 Januar 2016 22:19)

    Das Wesentliche zur Erkenntnistheorie haben anscheinend Kant, Hegel und Karl R. Popper gesagt, ergänzbar durch Neurowissenschaftler wie Jean-Pierre Changeux.
    Wohl zu Recht unterscheidet Kant zwischen Ding an sich und Erscheinung. Wer wollte denn bezweifeln, dass wir zu den Gegenständen der Außenwelt keinen direkten, sondern "nur" einen durch Sinne, Verstand, Vernunft, Sprache, Unbewusstes u.a.m. vermittelten Zugang haben?
    Hegel will Kants Unterscheidung "aufheben", indem er behauptet, die Dinge könnten nur "ihrem Wesen" gemäß erscheinen, so dass sie uns im "An-und-Für-sich", d.h. in dialektischen Subjekt-Objekt-Bezügen zugänglich sind. Worin aber erscheint das Wesen
    einer Sache, wenn nicht in der Bestimmung ihrer Merkmale und Eigenschaften, also wiederum nicht "an sich", sondern vermittelt (s.o.)?
    Popper ergänzt all dies durch seinen Hinweis auf die Theoriegebundenheit jeglicher Erkenntnis. Kriterium für die (vorläufige) Angemessenheit einer Theorie (bzw. einer Erkenntnis) kann nicht die (neo)pragmatistische 'Nützlichkeit' sein. Nur zu oft wurde objektiv Falsches als "nützlich" ausgegeben, wie sich vor allem an Beispielen aus totalitären Ideologien unschwer zeigen lässt.
    Neurowissenschaftlich verbindet Jean-Pierre Changeux seine Ergebnisse mit Einsichten Kants und Hegels, so in seiner Theorie der Mentalen Objekte (1983).
    Näheres zum Thema auch in meinem Buch WEGE ZUM SINN (2015) unter:

    https://tredition.de/autoren/klaus-robra-15892/wege-zum-sinn-e-book-78570

    M.f.G. Dr. Klaus Robra

  • #8

    AlexJ (Dienstag, 02 Februar 2016 14:27)

    Was bleibt denn, wenn man die Merkmale und Eigenschaften von eienr Sache abzieht? Woher will man wissen, dass der sprachlich, sinnlich uder sonstwie "vermittelte" Zugang zur Realität falsch ist, also nicht mit dem Ding an sich übereinstimmt?

    Das Ding an sich ist ein überflüssiges theoretisches Problem, das auf bestimmten Unterschieden basiert, die man gar nicht erst machen sollte.

    Die neopragmatistusche Nützlichkeit haben Sie leider falsch verstanden.

  • #9

    Dr. Klaus Robra (Mittwoch, 03 Februar 2016 20:34)

    Lieber Alexj,
    leider haben auch Sie Einiges missverstanden (was ja vorkommt und nicht weiter tragisch ist). Jedenfalls geht es nicht darum, Merkmale und Eigenschaften - als Kriterien des "Wesens" einer Sache - von dieser Sache "abzuziehen", sondern zu zeigen, dass der Zugang zu diesen Kriterien den gleichen Bedingungen unterworfen ist wie jedes Ding überhaupt (egal ob "an sich" oder "für sich"). Diese Bedingungen, z.B. Gefühle, Sinneswahrnehmungen, Gedanken, Begriffe usw., garantieren bekanntlich keine Unfehlbarkeit. Es gibt Sinnestäuschungen, Denkfehler, Begriffsstutzigkeit usw. Hieran - und an Kants Analysen - knüpft Popper mit seinen Konzepten der Falsifizierbarkeit, Falsifikation, Verifikation usw. an.
    Was ich über "Nützlichkeit" als Wahrheitskriterium zu bedenken gegeben habe, kann ich nur bekräftigen. Jedenfalls widerlegen Sie es nicht damit, dass Sie mir pauschal vorwerfen, ich hätte "die neopragmatistische Nützlichkeit ... falsch verstanden", obwohl ich mich auf diese Theorie als Ganze überhaupt nicht bezogen habe.
    Viel Nützliches über An-sich und Für-sich hat Jean-Paul Sartre in 'L'Etre et le Néant' ('Das Sein und das Nichts') geschrieben.
    M.f.G. Ihr K. Robra

  • #10

    AlexJ (Donnerstag, 04 Februar 2016 09:22)

    Kant hat mit Sinnestäuschungen wie Fata Morganas nichts zu tun. Bei Kant geht es um die prinzipielle Unfähigkeit des menschlichen Erkenntnisapparates, die Dinge an sich zu erkennen. Das ist Erkenntnistheorie und nicht, wie etwa bei Popper, Wissenschaftstheorie (woei ich kein Popper-Experte bin).

    Dass es MÖGLICH ist, dass wir die Dinge an sich nicht erkennen können, heißt ja nicht, dass wir sie TATSÄCHLICH nicht erkennen können. Es ist also möglich, dass wir eben doch "einen direkten Zugang" zu den Dingen haben - oder können Sie es widerlegen? (Stichwort: Popper; etwas ist so lange wahr, bis wir es widerlegen können :) )

    Im übrigen ist es völlig irrelevant, ob wir die Realität an sich oder grundsätzlich vermittel/verzerrt erkennen. Denn wir kommen mit dieser mutmaßlichen Fälschung erstaunlich gut zurecht: Wissenschaften gedeihen, und auch der private Lebensvollzug leidet nicht. Wir können das Ding an sich - und damit auch die Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung - auf sich beruhen lassen.

    Sie haben sich sehr wohl auf den Pragmatismus bezogen, weil Sie ja auf meinen obigen Text reagiert haben - und dort geht es um die pragmatistische Nützlichkeit. Wie die zu verstehen ist, steht ebenfalls im Text.

  • #11

    Dr. Klaus Robra (Donnerstag, 04 Februar 2016 18:55)

    Wie dem auch sei,
    wir reden offenbar aneinander vorbei.
    ("Altweiber"-Gedicht!?)
    Grund (wahrscheinlich): Ich habe den Rorty nicht gelesen und Sie anscheinend nur wenig von Kant, Hegel und Popper.
    Das ist natürlich keine Gesprächsgrundlage. "Eigentlich" schade. So what. Nichts für ungut!
    M.f.G. Ihr K. Robra

  • #12

    AlexJ (Freitag, 05 Februar 2016 09:03)

    Äh, nun ja, von Kant habe ich definitiv genug gelesen, um zu verstehen, was ich oben geschildert habe.

  • #13

    Dr. Klaus Robra (Freitag, 05 Februar 2016 18:26)

    Kleiner Nachtrag zu Popper
    Popper hält "Objektive Erkenntnis" (auch Titel eines seiner Werke) für möglich, und er verkennt dabei nicht die Rolle des Subjekts in der Subjekt-Objekt-Beziehung. Beide, Subjekt und Objekt, gehören aber - auch erkenntnismäßig - zur Welt der Erscheinungen (die natürlich ihrerseits Teil der Wirklichkeit - und nicht nur der Realität - als solcher ist).
    Insofern haben Sie Recht: Beim tatsächlichen Erkenntnis-Vorgang spielt das Ding an sich keine Rolle (mehr). Allerdings: Wir erkennen ja nicht dauernd etwas. Die Dinge existieren aber als solche - auch ohne uns. Sie haben v o r dem Menschen existiert und werden wahrscheinlich auch n a c h ihm existieren. Nur: In welcher Form? Wie existieren denn die Dinge "als solche", wenn wir uns nicht auf sie beziehen (bzw. wenn sich niemand auf sie bezieht)? Anscheinend eben doch als Dinge an sich! Was leider auch Markus Gabriel verkennt.
    M.f.G. Dr. K. Robra

  • #14

    AlexJ (Montag, 08 Februar 2016 09:53)

    Dass die Dinge unabhängig von unx existieren ist etwas anderes als die Behauptung, dass die Wahrheit über die Dinge unabhängig von uns existiert.

    Und gerne nochmal: Es ist nicht belegt, dass der menschliche Erkenntnisapparat die Dinge an sich nicht erkennen kann. Es ist höchsten möglich, dass er es nicht kann. Und insgesamt führt die Frage, ob er es kann, zu einem fruchtlosen Gegrübel, das in den letzten 200 Jahren zu wenig geführt hat und das wir deshalb einfach mal unterlassen sollten. Die philosophsiche Unterscheidung Wirklichkeit - Erscheinung ist eine nutzlose Erfindung überambitionierter Epistemologen, die viel zu viel Aufmerkmsakeit bekommt.

  • #15

    Dr. Klaus Robra (Montag, 08 Februar 2016 15:43)

    Wenn die Dinge an sich nicht erkennbar sind, sind sie dem menschlichen "Erkenntnisapparat" in der Tat nicht zugänglich! (Definitionsfrage!?)
    Es geht allerdings nicht, wie Sie meinen, um die Unterscheidung Wirklichkeit - Erscheinung; denn jede Erscheinung ist zweifellos Teil der Wirklichkeit. Was die umstrittene Relevanz der Unterscheidung Ding an sich - Erscheinung betrifft, haben sie vielleicht Recht. Die Sache scheint mir aber nicht unwesentlich, wenn es um die Frage des Fallibilismus, also um die "Störanfälligkeit" unseres Erkenntnisvermögens geht.
    M.f.G. Ihr K. Robra

  • #16

    AlexJ (Montag, 08 Februar 2016 20:34)

    Genau so ist das Ding an sich aber ja definiert bei Kant: Als die objektive (subjektunabhängige) Wahrheit über die Dinge, die uns nicht zugänglich ist aufgrund von Erkenntnisbeschränktheiten (Kategorien der Anschauung und des Verstandes).

    Fallibilismus beschreibt ja nicht die Störanfälligkeit unseres Erkenntnisvermögens, da "Störanfälligkeit" bedeutet, dass es normalerweise exakt arbeitet, nur eben mehr oder weniger leicht und stark gestört werden kann. Fallibilismus ist demgegenüber aber ein grundsätzlicher Zweifel daran, dass wir Gewissheit über unsere Aussagen über die Wirklichkeit erlangen können. Aber auch diese Vermutung bezieht sich eben auf die Möglichkeit eines Dinges an sich. Der Fallibilismus ist genau so uninteressant wie die Idee vom Ding an sich (bei der es übrigens essentiell um die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Erscheinung geht).

  • #17

    Dr. Klaus Robra (Montag, 08 Februar 2016 21:37)

    Was Sie da behaupten, halte ich für teilweise unzutreffend. Da ich aber von der ganzen Rechthaberei nichts halte, schlage ich vor, unseren Disput nunmehr zu beenden. Ich kann nur empfehlen, Kant, Hegel, Popper und die anderen "Konstruktivisten" (einschließlich der Radikalen ...) genau zu lesen, natürlich auch Marx, Engels, Lenin, Bloch, die Neomarxisten und Neurowissenschaftler wie Jean-Pierre Changeux.
    Gut Holz!

  • #18

    AlexJ (Dienstag, 09 Februar 2016 09:11)

    Was Sie da empfehlen, halte ich für teilweise arrogant. Da ich von Diskussionen, die Sie mit Rechthaberei verwechseln, viel halte, stimme ich Ihnen nicht zu, respektiere aber Ihren Wunsch. Ich kann nur empfehlen, statt väterliche Lektüretipps zu erteilen, sachlich zu argumentieren und auf die Argumente des Gegenübers auch ruhig einmal einzugehen.

  • #19

    Dr. Klaus Robra (Mittwoch, 10 Februar 2016 19:14)

    Meine Resignation entzündete sich an Ihrem Insistieren auf der angeblich hohen Relevanz des Gegensatzes (?) von Wirklichkeit und Erscheinung, den ich deshalb für nicht sehr bedeutend halte, weil uns ja die Wirklichkeit tatsächlich als solche e r s c h e i n t, obwohl es sie ja immer schon gegeben hat, d.h. sehr lange bevor sie irgend einem menschlichen Wesen als solche erschienen ist (bzw. erscheinen konnte). Haarspalterei? Genau das wollte ich vermeiden!
    Für ganz unberechtigt halte ich Ihren - indirekten - Vorwurf, ich sei auf Ihre Argumente nicht eingegangen. Das Gegenteil ist der Fall.
    Außerdem kann es doch nicht angehen, die Probleme der Erkenntnistheorie lediglich an Hand von zwei Publikationen (M. Gabriel und Rorty) abhandeln zu wollen. Sollten meine entsprechenden Hinweise "arrogant" gewirkt haben, tut mir dies natürlich leid, zumal ich nach wie vor überzeugt bin, dass Rechthaberei und Besserwisserei nicht weiterführen.
    Wenn Sie und Ihre Leser/innen mich und meine Überzeugungen etwas besser kennenlernen wollen, hier ein Link zu einem neuen Video auf youtube:
    https://youtu.be/pHstLnEGW5k
    Und: Selbstverständlich diskutiere ich gern weiter mit Ihnen, wenn Sie es wünschen.
    M.f.G. Ihr K.R.



  • #20

    AlexJ (Donnerstag, 11 Februar 2016 09:13)

    Danke für die Klärung. Ihre Lektürevorschläge suggerieren: Hey Bürschchen, lies dich erst mal ein, dann weißt du,w as ich meine.

    Glauben Sie mir: Nur weil es im Text um Gabriel und Rorty geht, heißt das nicht, dass ich nur die gelesen habe.

    Ich übrigens halte den Unterschied (nicht: Gegensatz) zwischen Wirklichkeit und Erscheinung, wie gesagt, im philosophsichen Kontext für überhaupt nicht bedeutend, das ist sogar eine meiner zentralen Ideen, die mir bei Nietzsche/Rorty u.a. sofort einleuchten. Aber: Immanuel Kant hielt ihn für bedeutend (oder etwa nicht?) Und: Er markiert eine Art Gründungspunkt der Erkenntnistheorie. Man muss ihn wichtig nehmen, um Erkenntnistheorie zu betreiben - oder man "fällt hinter Kant zurück", wie es immer so schön dämlich heißt.

    Also, was ist denn nun Ihr Punkt eigentlich? Gestartet sind Sie ja mit einer Verteidigung des Unterschiedes zwischen Ding an sich und Erscheinung?

  • #21

    Dr. Klaus Robra (Donnerstag, 11 Februar 2016 13:45)

    Lieber Herr Janke,
    Sie werden mir wahrscheinlich bestätigen: Wir sind Teil der Wirklichkeit und haben daher unmittelbaren, direkten Zugang zu ihr. Anders steht es mit der Erkenntnis. diese wird uns stets durch unseren "Erkenntnisapparat" vermittelt, also nicht unmittelbar. Zum Verhältnis von Wirklichkeit, Ding an sich und Erscheinung fand ich in Rudolf Eislers 'Kant-Lexikon' folgende schöne Erklärung: "ERSCHEINUNG ist nicht Schein (...), sondern hat Realität, wenn auch nicht die absolute Realität des "Ding an sich" (...), sondern "empirische Realität". E. ist die Wirklichkeit in Beziehung auf die Sinnlichkeit und den Verstand, die Art und Weise, wie sich das Wirkliche in den Formen der Anschauung (Raum und Zeit) und des Verstandes (Kategorien) darstellt, und zwar allgemein für alle erkennenden Subjekte."
    Ich selbst halte allerdings auch Raum und Zeit für Kategorien.
    Nun zu Ihrer Frage. Wie ich schon sagte, halte ich Kant, Hegel, Popper und Changeux in der Sache für maßgebend, wenn auch nicht uneingeschränkt. Worin diese Einschränkungen bestehen, kann ich hier auf engem Raum leider nicht darlegen. Im Übrigen darf ich erneut auf meine Publikationen verweisen, insbesondere auf WEGE ZUM SINN (529 S.). Darin finden Sie vieles zu den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis unter den Aspekten von Sinn, Wert, Telos, Zeit und Raum. Kurz gefasst auch in der Leseprobe in der Vorstellung meines Buches im Verlag tredition.
    Weitestgehend stimme ich auch mit Ernst Blochs Erkenntnistheorie überein (kurz dargestellt bei Wikipedia).
    M.f.G. Ihr K. Robra

  • #22

    Dr. Klaus Robra (Samstag, 13 Februar 2016 14:53)

    Wer sich mit Erkenntnistheorie beschäftigen möchte, sollte sich zuvor über den Begriff 'Erkenntnis' Klarheit verschaffen. Hierzu zwei Lektüre-Empfehlungen (für einen möglichst raschen Einstieg):
    1. Carl Friedrich von Weizsäcker: 'Zeit und Wissen', München 1995, S. 39-59,
    2. R. Eisler: 'Kant-Lexikon', Hildesheim 1964, S. 135-141.
    M.f.G. Dr. K. Robra

  • #23

    AlexJ (Donnerstag, 18 Februar 2016 17:06)

    Und schon wieder Lektüreempfehlungen - im Ernst, Sie wollen mir erzählen, ich müsse mich über den Begriff der Erkenntnis einführend informieren, wie ein Erstsemester? Ich bitte Sie!

    Ich verstehe Ihr Sprachspiel von Erscheinung und Wirklichkeit oder von empirischer Realität und absoluter oder was auch immer schon ganz gut - aber ich teile es nicht, weil ich es für todlangweilig, witz- und nutzlos halte, völlig unangebracht, irrelevant, Beispiel für "In Schönheit sterben".

    Das Problem: Sie werden allein meine Aussage, dass ich Ihr Sprachspiel nicht teile, vermutlich geradezu frivol, kenntnislos und illegitim finden, weil Sie doch total neutral und objektiv analysieren, was Erkenntnis ist und welche "Bedingungen der Möglichkeit" denn nun dafür erfüllt sein müssen, stimmt`s? Herr Dr. Robra, dicke Schinken über die notwendigen Bedingungen der Erkenntnis locken im Jahr 2016 niemanden mehr, da kriegt keiner feuchte Finger. Eigentlich schon seit 100 - 150 Jahren nicht mehr (seit Nietzsche spätestens).

    Die Richtung der Philosophie, für die Sie zu stehen scheinen, verschanzt sich im Elfenbeinturm.

    Kurz zu Ihrem Sprachspiel mit der vermittelten Realität:

    Sie sehen die Realität auf der einen Seite und sich auf der anderen. Dazwischen hockt, dick und etwas bräsig, ein Untier namens "Erkenntnisapparat". Das sind so die Sinne und die Vernunft mit ihren Kategorien. Tja und durch die muss die Realität ja erst einmal durch! Potzblitz! Also ist "uns" die Realität nur mittelbar gegeben, vermittelt durch eben diesen Apparat. Na herzlichen Glückwunsch. Und nun erforscht die Philosohie noch knallhart die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis - und kommt zu bahnbrechenden Erkenntnissen wie der, dass wir alle kausal denken und wohl nicht anders können. Das sagt meines Erachtens noch lange nicht aus, dass die Realität an sich nicht evtl. auch kausal sein könnte.

    Deshalb unterminiere ich Ihr Sprachspiel: Ich trenne nicht zwischen mir und meinem Erkenntnisapparat, jedenfalls nicht grundsätzlich im philosophischen Sinn, und lasse das Ding an sich mal in Ruhe vor sich hin vegetieren. Denn dieses Dingens braucht heute noch nicht einmal mehr das Feuilleton. Und Erkenntnistheorie kann gleich mit entsorgt werden, die Bücher sind strunzlangweilig, wohlfeil, tun niemandem weh, Universitätsphilosophie im üblen Sinne - auf ihrem Grabstein nach Nietzsche: "Sie hat niemanden betrübt."

    Jetzt habe ich mal ein paar Lektüretipps für Sie:

    1. Friedrich Nietzsche: Gesamtwerk
    2. Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität; Philosophie & die Zukunft; Hoffnung statt Erkenntnis; Wahrheit und Fortschritt
    3. Andreas Urs Sommer: Die Kunst des Zweifelns; Die Kunst, selber zu denken
    4. Werner Stegmaier: Die Substanz muss Fluktuanz werden (Aufsatz, online verfügbar)

  • #24

    Dr. Klaus Robra (Freitag, 19 Februar 2016 16:45)

    In Eile: Von "Elfenbeinturm" kann sicherlich nicht die Rede sein, zumal Sie meine WEGE ZUM SINN doch offenbar gar nicht lesen wollen. (Was ich bedaure, aber selbstverständlich respektiere.)
    Natürlich trenne auch ich nicht zwischen mir und meiner Erkenntnisfähigkeit, bin ja nicht schizophren! Dennoch ist das Be-kannte noch nicht (bzw. nicht immer auch schon) das Er-kannte (frei nach Hegel). Also sollte man sich über die Erkenntnis und das Erkennen größtmögliche Aufklärung verschaffen.
    Meine Lektüre-Empfehlungen waren übrigens gar nicht auf Sie persönlich gemünzt. Oder liest außer Ihnen und mir niemand diesen Blog?
    Von Ihren 4 Empfehlungen interessiert mich nur die vierte.
    M.f.G. Ihr K.R.

  • #25

    Dr. Klaus Robra (Freitag, 19 Februar 2016 22:06)

    Ein paar Nachträge:
    Nietzsche kenne ich ziemlich gut, natürlich auch seine Kritik am Idealismus. Zweifellos war er ein g e w a l t i g e r Filosof! Dennoch ist er mir manchmal zu unsachlich, zu aggressiv, zu intolerant, zu sehr "durchgeknallt". Er war ein Feind von Demokratie, Sozialismus, Allgemeinen Menschenrechten und caritativ-sozialem Christentum. - Andererseits war er in Einigem seiner Zeit weit voraus, so als Vorläufer der Psychoanalyse. -
    Leider haben sich einige seiner elitären Gewaltphantasien in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts in grauenvoller Weise verwirklichen lassen...
    Zu Hegel. Sein 'Substanz'-Begriff (nicht derjenige Kants!) ist darauf angelegt, flüssig gehalten zu werden, zumal er nahezu gleichbedeutend ist mit dem Begriff Geschichte bzw. der "Sache selbst", die Hegel ja auch "das geistige Tierreich" nannte.
    Zum Erkenntnisvermögen: M.E. gibt es drei Sphären, in denen Erkenntnisse gewonnen werden (können): 1. das Leben selbst (bzw. jegliche Praxis), schon im Pflanzen- und Tierreich!, 2. die Naturwissenschaften, 3. die Geisteswissenschaften. In Letzteren ist die Lage insofern kompliziert, als es weniger um Sachen als um das Verstehen von Personen (genitivus subjektivus et obiectivus!) geht. Merkwürdiger Weise schwankt die geisteswissenschaftliche Hermeneutik zwischen Objektivismus und Subjektivismus. Einerseits strebt man nach "objektiver Erkenntnis", andererseits ist man überzeugt, dass "man anders versteht, wenn man überhaupt versteht" (Gadamer: 'Wahrheit und Methode', Tübingen 1965, S. 280 f.)

  • #26

    AlexJ (Samstag, 20 Februar 2016 12:39)

    Danke Ihnen für Ihre Beiträge.


    PS: Diesen Blog und speziell diesen Text lesen monatlich mehrere Leute - aber ich fürchte, unsere kleine Kommentarschlacht hier findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weitgehend zumindest :)

    Dass meine Buchempfehlungen Sie kaum interessieren, wundert mich nicht: zu unterschiedlich sind die geistigen Traditionen, denen wir beide uns zugehörig fühlen.

    Nietzsche ist definitiv, politisch gewendet, indiskutabel, klar. So richtig geil finde ich antidemokratische Staatsformen nämlich auch nicht ...

  • #27

    Dr. Klaus Robra (Sonntag, 21 Februar 2016 15:39)

    Lieber Herr Janke,
    in Ihren Anmerkungen zu meinem Text 'Sinn und Wert' lehnen Sie anfangs meine Unterscheidung zwischen Sinn und Wert strikt ab, während Sie am Schluss das Gegenteil behaupten. Ein Widerspruch, der von allgemeinem Interesse sein könnte. Daher hierzu das Folgende:
    Wert und Sinn stehen zueinander in ähnlichem Verhältnis wie Praxis und Theorie. Werte erfahren wir wahrscheinlich schon vorgeburtlich, ihren Sinn jedoch nicht. Um Werte zu beurteilen, bedarf es einer Theorie des Sinns. Insofern ergibt sich nicht aus jedem Wert (Unwert) automatisch ein Sinn (Unsinn), sondern erst dann, wenn wir darüber nachdenken. Zumal Sinn nicht nur zum Reich der Sinne, sondern auch zu demjenigen des Verstandes, der Vernunft, des Denkens, kurz: der Theorie gehört. Da aber Sinn durch Werte vermittelt werden kann, bezieht sich auch die Kategorie Sinn auf Ursprüngliches, Grundlegendes, Prinzipielles. Zwischen Wert und Sinn liegt u.a. die Bewährung in Theorie und Praxis.
    Daher behandele ich in meinem Buch nach dem Wert-Problem das Handlungsproblem (Ziele und Zwecke, Teleologie), sodann das Zeit-Problem als Folie der Theorien von Wert, Handlung und Sinn.
    Außerdem ist zu beachten, dass mein Text 'Sinn und Wert' Teil der Buchvorstellung des tredition-Verlags ist. Auf diesen Text folgen dort eine Leseprobe (aus der Einleitung) und das umfangreiche Inhaltsverzeichnis. Ich darf daher darum bitten, wenigstens diese Teile der Buchvorstellung zur Kenntnis zu nehmen, wenn mehr Aufschluss über die Zusammenhänge zwischen Wert, Telos, Zeit und Sinn gewonnen werden soll.
    M.f.G. Ihr K.R.

  • #28

    AlexJ (Montag, 22 Februar 2016 09:24)

    Ach Herr Dr. Robra, wir sind schon so zwei, die sich nicht verstehen.

    Ich will Ihnen philosophisch als auch markentingberatend antworten:

    Ich habe nichts abgelehnt, das ich später "behauptet" habe. Für mich sind Unterscheidungen Entscheidungen, also etwas, das Menschen bewusst machen (statt sie nur passiv von der Welt zu empfangen). Daher rührte meine Anmerkung, dass ich den Sinn Ihrer Unterscheidung zwischen Sinn und Wert oder auch zwischen Materiellem und Nicht-Materiellem nicht erkennen kann.

    Im Verlauf des Textes habe ich dann versucht, dieser Unterscheidung etwas abgzugewinnen, das war aber mehr Krampf - ich finde sie aber weiterhin eher unwichtig und fruchtlos.

    Ihren obigen Kommentar lese ich als Verdeutlichung Ihrer Definitionen von Wert und Sinn - und verstehe ihn nicht (Beispiele wären gut). Vor allem aber kann ich absolut nicht erkennen, inwiefern diese Unterscheidung das Leben und Denken voranbringt. Ich finde sie, wie bereits gesagt, schlicht uninteressant, höchstens trivial.

    Abschließend ein Marketing-Tipp (von jemandem, der in der Branche arbeitet): Kein Mensch wird sich länger mit Ihrem Buch beschäftigen als, sagen wir, 30 Sekunden, wenn Titel und Klappentext nicht sofort catchen. Der Titel Ihres Buches ist ganz plakativ und gut, zieht sicherlich Leute an - Sinn suchen wohl viele. Der lange Klappentext, den Sie mir schickten, ist dann schon eher was für Philosophie-Nerds, die total Bock haben auf Begriffsdefinitionen statt unmittelbarem Lebensbezug.

    Ich muss Ihnen entsprechend den Zahn ziehen, dass irgendwer, zum Beispiel ich, nachdem ich Ihnen bereits ausführlich mitgeteilt habe, warum mich der (komplizierte) Text nicht eingefangen hat, noch weiter mit Ihrem Buch beschäftigen werde. Sie treten an gegen 100.000 Neuerscheinungen jährlich + die verfügbaren Bücher + alle möglichen weiteren Freizeitbeschäftigungen. Da dürfen Sie gerne darum bitten, dass sich jemand ausführlich mit Ihren Elaboraten beschäftigt - aber leider sind wir hier nicht an der Uni und Sie sind nicht der Prof und die Welt besteht nicht nur aus Ihren Studenten. Auch ich muss mit meinem kleinen Blog zusehen, dass ich die Leute sofort reinziehe in die Texte, dass ich direkt antworte auf Fragen, die sie ihrem Leben stellen (welches Buch soll ich lesen? womit soll ich mich geistig beschäftigen und was bringt mir das? etc.) und in die Suchmaschine tippen.

    Ich wünsche Ihnen wirklich viel Erfolg mit dem Buch, da steckt sicherlich eine Menge Arbeit drin. Aber Empfehlung ganz klar: Drehen Sie die Perspektive (meinetwegen: eine kopernikanische Wende) von Ihrem Anliegen hin zu den Bedürfnissen Ihrer Zielgruppe.

  • #29

    Dr. Klaus Robra (Dienstag, 23 Februar 2016 16:45)

    Heute mal nur dies: Der Text 'Sinn und Wert', den Sie, lieber Herr Janke, gelesen und kommentiert haben, ist n i c h t der Klappentext meines Buches. Letzterer umfasst nur ca. 6 Zeilen und befindet sich in der Buchvorstellung WEGE ZUM SINN des tredition-Verlags.
    M.f.G. Ihr K.R.

  • #30

    AlexJ (Donnerstag, 25 Februar 2016 13:30)

    Spielt keine Rolle, ob das der Klappentext ist oder nicht. Entscheidend ist: Es ist ein Werbetext, mit dem Sie Ihre potenziellen Leser (in diesem Fall mich) von dem Buch überzeugen wollen.

    Und genau das leistet dieser Text meines Erachtens nicht.

  • #31

    Tim (Freitag, 24 Juni 2016 00:15)

    Euer Streit liest sich besser als jeder Comic! Meine Buchempfehlung: Wittgenstein, der sich im Übrigen lustig gemacht hätte über sich zu ernst nehmende 'Philosophen'...