Rezension zu Gerd Kommer: „Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs“, 5., vollständig aktualisierte Auflage

Im Frühjahr 2018 ist die fünfte Auflage des ETF-Buchklassikers „Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs“ Werbung von Gerd Kommer erschienen. Zeit für eine Rezension dieses Standardwerkes und eine kleine Hommage an den Autor inmitten einer Revolution der Geldanlage für Privatanleger.

Gerd Kommer sollte für seinen Einsatz für die Aktienkultur in Deutschland das Bundesverdienstkreuz erhalten. Das ist gar nicht so absurd, wie es anfangs klingt, das haben schon ganz andere für weniger Leistung bekommen.

 

Menschen wie Gerd Kommer sind von unschätzbarem Wert für unser aller Vermögensbildung: Er ist seit der ersten Auflage im Jahr 2002 ein Vermittler zwischen der Kapitalmarktforschung und dem eher zwangsweise an Geldanlage interessierten Durchschnittsbürger. Damit leistet er aufklärerische Arbeit, die uns vor dem Schaden durch schlechte Finanzprodukte bewahrt.

Reifeprozess eines Anlegers zum souveränen Investieren mit ETFs

Meine erste Aktie kaufte ich Mitte der 90er Jahre, da war ich etwa zehn oder elf Jahre alt. Ziemlich schnell lernte ich:

  1. Einzelne Papiere zu erwerben ist aufregend, rauschhaft, auf die Dauer aber eine Performance-Sackgasse sowie extrem fordernd.

  2. Aktiv gemanagte Aktienfonds sind ihr Geld nicht wert.

Ich träumte von etwas, das man heute „ETF“ nennt, damals aber praktisch unbekannt und nicht verfügbar war, bis 1998 in Deutschland sogar verboten. Also nahm ich mit Indexzertifikaten vorlieb und schätzte das Emittenten-Risiko (Pleite des Herausgebers) wohl fälschlicherweise sehr gering ein. Das Prinzip, einfach „den Markt zu kaufen“ und Ruhe zu haben, leuchtete mir ein.

 

Von der Börse habe ich mich in der mittleren Pubertät verabschiedet. Erst jetzt, unleugbar über 30 Jahre alt, befasste ich mich wieder damit, stieß sehr schnell auf börsengehandelte Indexfonds – und immer wieder auf diesen Namen: Gerd Kommer.

 

An Weihnachten 2017 unterhielt ich mich mit einem Verwandten über ETFs. Welches von ihm frisch gekaufte Buch zückte er? „Souverän investieren…“ in der zu dem Zeitpunkt aktuellen vierten Auflage, Autor: Gerd Kommer. Wieder dieser Name.

 

Ich verabreichte mir den Schinken über die Feiertage, war entflammt und rezipiere seitdem diverse Infos über ETFs und den Weltportfolio-Gedanken sowie Gerd Kommers im Internet verstreute Wortmeldungen.

Wie „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“ von Gerd Kommer dir hilft

Ich halte Kommers ETF-Buch für das wichtigste Werk über Börse und Aktien, das jemals geschrieben wurde. Es hat die Chance, die Deutschen zu vernünftigen Anlegern zu machen. Wer es gelesen hat, ist ein anderer und denkt anders. Kommer übersetzt wissenschaftliche Fakten in Handlungsempfehlungen, ohne reißerische Versprechen abzugeben.

 

Das ist überhaupt sein Markenzeichen: Die Fülle der Studien und theoretischen Aufsätze, die in seiner Strategie verwertet werden, sowie die Länge der Datenreihen, die er betrachtet, dürften unter deutschen Sachbüchern zur Geldanlage einzigartig sein.

 

Er hilft dabei, Risiken an den Kapitalmärkten und in den von den Deutschen heißgeliebten Anlageklassen Eigenheim und Bankguthaben besser zu verstehen, um klügere Entscheidungen zu treffen.

 

Die neue Auflage, inzwischen die fünfte, las ich wieder in wenigen Tagen komplett durch, um anschließend die zahlreichen während der Lektüre markierten Stellen zu wiederholen. Das meiste, was ich über ETFs und langfristige passive Geldanlage weiß, habe ich von Gerd Kommer gelernt (flankierend ist der „Finanzwesir“ Albert Warnecke zu nennen).

 

Die erste Hälfte des Buches ist das trockene Brot, das ein passiver Anleger kauen und schlucken muss, um seiner Strategie auch dann folgen zu können, wenn es an den Börsen hoch hergeht, wenn also Bullen- oder Bärenmarkt den Handel dominieren und im Extremfall die Kurse explodieren oder abstürzen. Hier darf der überzeugte Index-Anleger nicht umkippen, weder sollte er im Aufschwung vermeintlich heiße Aktien kaufen noch im Abschwung seine ETF-Anteile panisch abstoßen.

 

Ich finde die ersten 200 Seiten sehr spannend, weil sie fundiert auf den Punkt bringen, dass aktives Investieren nicht systematisch funktioniert sowie Nerven und Zeit kostet. Dabei macht der Autor den Leser mit einigen empirischen Fakten und theoretischen Einsichten vertraut, die in ihrer Dramatik verblüffen.

 

Diese erste Hälfte argumentiert also indirekt für passives Investieren, indem sie verrät, wie Wertpapiermärkte funktionieren und wie man daher nicht in ihnen agieren sollte (aktiv). In der zweiten erfahren wir dann, wie wir unser Weltportfolio im Kommerschen Sinne bauen können.

 

Ich folge dem Autor nicht auf all seinen Wegen, wenn es um die konkrete Zusammenstellung des Weltportfolios geht, aber die Grundprinzipien habe ich mir gerne von ihm einbläuen lassen. In meine Artikelserie über meine eigene, sehr einfache Spielart des Weltportfolios habe ich mein Wissen einfließen lassen und dargestellt, warum ich von seiner Version abweiche.

Im  Folgenden beschränke ich mich daher auf Anregungen zur Optimierung des Buches, wie sie sich der Autor ausdrücklich von seinen Lesern wünscht

  • Da ETFs an der Börse gehandelt werden: Bestimmen Angebot und Nachfrage den Kurs der ETFs und wäre es also möglich, dass er sich bei hoher Nachfrage nach oder hohem Angebot an ETF-Anteilen deshalb sogar vom Index und den im Fonds enthaltenen Werten löst, um ein wildes Eigenleben um seinen eigentlichen Buchwert (Nettoinventarwert) zu führen, so wie eine Einzelaktie, und zwar in vielen Fällen dann eine eher illiquide und damit hochvolatile? Oder muss beispielsweise der ETF-Anbieter die Papiere zurücknehmen, handele ich also gar nicht mit anderen Marktteilnehmern, sondern letztlich nur mit der ETF-Gesellschaft, vermittelt durch ihre Market Maker?

    Wikipedia hat hierzu einen hilfreichen, beruhigenden Absatz (Creation-Redemption-Prozess), trotzdem liegt diese Frage nahe und ein paar Erläuterungen hierzu würden dem Buch gut anstehen. Wen es interessiert: Albert Warnecke hat den Prozess wie immer sehr anschaulich beschrieben – es besteht kein Grund zur Sorge.
    Einige interessante Details mehr verrät JustETF.com.
  • Eine Empfehlung zum operativen Umgang mit ETFs, zum Beispiel ob ein Kauf bzw. Verkauf über die Börse oder im Direkthandel vorteilhafter ist, rundete die Informationen gut ab.
  • Kommer könnte ein Kapitel über die Entnahmephase eines Portfolios ergänzen: Wieviel sollte ich wann entnehmen, vor allem im Alter? Wann sollte ich mein Portfolio umschichten, etwa den risikobehafteten Teil verringern und den „risikolosen“ ausweiten? Etc.
  • Besseres Korrektorat: Insbesondere die zahlreichen Kommafehler stören eine auf diesem Gebiet empfindliche Seele doch arg.
  • Eine Empfehlung, wie viele verschiedene Aktien die durch optimiertes Sampling replizierenden ETFs eines Weltportfolios aus Diversifikationssicht mindestens haben sollten, wäre speziell bei der Umsetzung des integrierten Multi-Factor-Investings relevant, weil die Anzahl der verschiedenen Titel hierbei stark schrumpfen kann. Kommer streift diese Frage nur. Ich übrigens lehne ein integriertes Multi-Factor-Portfolio ab und halte es mit Standard-ETFs.
  • Es fehlen genauere Angaben, was eine Übergewichtung von Faktoren gegenüber der Aufteilung nach Marktkapitalisierung konkret in Zahlen bedeutet. Wenn ein Asset wie Small Caps nach Marktkapitalisierung sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern jeweils einen Anteil von 14 % am Gesamtmarkt hat: Ab und bis zu welcher Prozentzahl in einem Portfolio ist es sinnvoll übergewichtet, sodass der Faktor langfristig spürbar wird?
  • Aufgrund der Gewichtung nach Marktkapitalisierung, zu der Kommer in der neuen Auflage stärker neigt als zu der nach BIP, erscheint es angebracht, den hohen Anteil der USA im Portfolio zu bewerten. Nicht als Prognose der zukünftigen Entwicklung der USA und ihrer Börsen – damit beschäftigen sich passive Anleger natürlich nicht –, sondern als Antwort auf die Frage, ob es ein Risiko darstellt, wenn eine politische und wirtschaftliche Region so stark präsent ist, wenn auch mit durchaus flexiblem Anteil.

  • Das Kapitel über die Besteuerung von ETFs in Deutschland darf gerne ausgebaut werden. Sinnvoll wäre unter anderem eine einfache, übersichtliche und mit realistischen Beispielen versehene Erklärung der Berechnung der Vorabpauschale. Das gibt es zwar zahlreich im Netz, sollte jedoch zusätzlich im Sinne der Vollständigkeit in Kommers Buch aufgenommen werden, da es ein Nachschlagewerk sein will.
  • Insbesondere das siebte Kapitel, in dem die verschiedenen Spielarten des Kommerschen Weltportfolios vorgestellt werden, sollte nicht als Fließtext, sondern übersichtlicher in tabellarischer oder anderweitig klar strukturierter Form aufbereitet werden. Das hat mich vor allem beim schnellen Nachschlagen gestört.
  • An einer Stelle behauptet Kommer, dass es einen ETF auf den MSCI World IMI gibt. Ich habe keinen gefunden und gehe davon aus, dass es keinen gibt. Was schade ist, denn interessant wäre er für diejenigen, die den Small-Cap-Factor in Industrieländern nicht berücksichtigen, sondern marktneutral investieren wollen: Sie könnten statt zwei ETFs (MSCI World + MSCI World Small Cap) einen kaufen, was die Komplexität des Depots reduziert. (Hey Blackrock, liest du hier mit?)
  • Kommer teilt sein Weltportfolio in einen "risikolosen" und einen "risikobehafteten" Teil auf, wodurch er einen abschreckenden sprachlichen Fokus auf die Gefahren und Schmerzen legt und überdies, trotz zahlreicher, sich im Buch befindender Anführungszeichen und Klarstellungen, dass risikoloses Investieren nicht existiert, unbeabsichtigt falsche Hoffnungen weckt. Kommer übernimmt hier die wissenschaftlich etablierten Beschreibungen, wodurch er seine Ausführungen kommunikativ anschlussfähig macht - allerdings zu dem Preis, dass bei den durchschnittlichen Lesern mutmaßlich in erster Linie das Wort "risikolos" in seiner normalsprachlichen Bedeutung hängen bleibt.

    Deshalb habe ich mich in meinem Weltportfolio-Text entschlossen, die beiden Begriffe durch "sicherheitsorientiert" und "renditeorientiert" zu ersetzen. Dieser Dualismus drückt den Zielkonflikt zwischen Rendite und Sicherheit besser aus, zeigt eindeutiger die zentrale Stellschraube für das Gesamtrisiko eines Portfolios und vermeidet vor allem bei der Sicherheit durch den abschwächenden Zusatz "orientiert" den Eindruck einer Absolutheit, die es nicht gibt.

Fazit: Lesen lohnt!

Das war eine lange Liste mit Bekrittelungen, die letztlich den Wert des Buches nicht schmälern können. Kommers Buch ist zurecht ein Klassiker, den jeder lesen sollte, der sich mit langfristiger, vernünftiger Vermögensbildung befassen möchte.

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Kommentare: 2
  • #1

    Ansgar (Mittwoch, 25 Juli 2018 10:37)

    Hi Alex, ich freu mich sehr über diese Artikelreihe bei Dir, vor allem, dass es Dir gelungen ist, Herrn Kommer zu interviewn. Ich habe das Thema ETF erst in diesem Jahr entdeckt, bin dann schnell auf Kommer (und Finanzwesir) gestoßen. Erst habe ich die diversen Youtube Filme von Kommer geschaut, dann das Buch gelesen. Hochspannend! Und überhaupt eine tolle Herangehensweise an das Thema Finanzen, die auch für relative Laien wie mich immer schlüssig ist. Viele Grüße, Ansgar

  • #2

    AlexJ (Samstag, 28 Juli 2018)

    Hi Ansgar, danke für das Lob, freut mich, wenn dir die Reihe gefällt (du meinst sicher die zu meinem ETF-Weltportfolio) und mein Interview mit Gerd Kommer für dich interessant war.

    In der Tat halte ich Kommer und Finanzwesir auch für Augenöffner - und empfinde Kommer keienswegs als "unzumutbar" für den durchschnittlich Interessierten. Manche halten ihn ja für zu trocken ud zahlenlastig, was ich absolut nicht nachvollziehen kann.

    Ich wünsche dir viel Erfolg mit deinen ETFs!