Gerd Kommer im Interview: Wichtige Aspekte von ETF-Investments, die du bisher nicht bedacht hast

Gerd Kommer beleuchtet im Interview einige weniger bekannte Aspekte beim Investieren mit ETFs:

 

Flash Crashs, Direktinvestments in Staatsanleihen versus Anleihen-ETF, Anzahl der Unternehmen in einem Weltportfolio mit Faktor Investing, das Klumpenrisiko USA bei einem Portfolio nach Marktkapitalisierung– und einiges mehr.

 

Darüber hinaus hat Kommer eine interessante Erkenntnis zum Leverage-Effekt bei kreditfinanzierten Wohnimmobilien zur Selbstnutzung.

Das Interview mit Gerd Kommer

Die Hervorhebungen in den Antworten von Gerd Kommer stammen von BuzzNews.

 

BuzzNews: Für wie gefährlich halten Sie Flash Crashs, also die Tatsache, dass der Kurs eines ETF zumindest für kurze Zeit deutlich unter oder über seinem Nettoinventarwert (NAV) notieren kann?

 

Gerd Kommer: Ganz abschließend werde ich diese Frage im Rahmen dieses kurzen Interviews wohl nicht beantworten können, aber ich versuch‘s mal mit einigen zentralen Aspekten:

 

(a) Der berühmte Flash Crash vom Mai 2010, bei dem ETFs im Zentrum standen, wurde vermutlich durch kriminelle Aktivitäten eines britischen Derivate-Traders verursacht. Googlen Sie einfach "Flash Crash" in der englischen Wikipedia, wenn Sie das genauer nachlesen wollen.

 

(b) Für Buy-and-Hold-Anleger ist ein Flash Crash bei einem ETF – also eine starke Abweichung zwischen ETF-Preis und NAV, die jedoch nur wenige Minuten andauert und typischerweise nur alle paar Jahre mal vorkommt – irrelevant, weil ein Buy-and-Hold-Anleger definitionsgemäß nicht verkauft, weil die Kurse plötzlich sinken oder volatiler werden.

 

(c) Bei anderen Finanzprodukten sind starke Abweichungen zwischen dem Kurs und dem NAV schon in viel gravierender Form, viel häufiger und viel länger anhaltend vorgekommen, aber merkwürdigerweise ist das in den Medien kaum dauerhaft präsent. Dauerhaft präsent ist es nur für ETFs. Klar, das hat mit der wachsenden Popularität von ETFs seit etwa 2009 zu tun und insbesondere mit der schrägen und schrillen ETF-Kritik, die aus dem Lager derjenigen kommt, deren seit Jahrzehnten dicke Gewinnmargen von ETFs erfreulicherweise bedroht werden. Und weil die Medien alle Naslang gerne den drohenden "Weltuntergang" thematisieren – so funktioniert Journalismus halt leider –, springen sie auf diesen Zug auf.

 

(d) In den vergangenen 25 Jahren – so lange existieren ETFs schon – hat jedenfalls nach meinem Wissen weltweit noch kein einziger Privatanleger aus der rechtlichen und marktinfrastrukturellen Struktur von ETFs einen Schaden erlitten. Das Gleiche kann man über Offene Immobilienfonds, Geschlossene Immobilienfonds, Lebensversicherungen, Zertifikate und Hedge-Fonds nicht sagen.

 

(e) Die rechtliche und marktinfrastrukturelle Struktur von ETFs ist übrigens zu drei Viertel oder noch mehr identisch mit der ganz normaler Investmentfonds und wurde, was den ETF-spezifischen Teil anbelangt, in den letzten 20 Jahren immer weiter verbessert. Vollkommene Sicherheit gibt es nicht und kann es nicht geben. Denken Sie einmal daran, wie viele Privathaushalte allein in Europa jahraus, jahrein durch Fehler in den Verkaufsdokumenten oder durch Betrug bei Kauf oder Verkauf von Immobilien finanzielle Schäden erlitten haben.

 

BuzzNews: Wie können Privatanleger aus diesem Phänomen entstehende Schäden minimieren?

 

Gerd Kommer: Das Risiko von Schäden kann man minimieren, indem man ganz simpel und unaufgeregt Buy-and-Hold praktiziert, so, wie ich das in meinem Büchern seit bald 20 Jahren propagiere und Privatanleger es ganz selbstverständlich bei einer Immobilie oder bei einer kapitalbildenden Lebensversicherung tun, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen; ferner, indem der Anleger keine nennenswerten Geldbeträge in exotische ETFs investiert wie z. B. ETFs auf illiquide Hochzins-Anleihen – im Branchen-Jargon Junk Bonds oder Mittelstandsanleihen genannt – oder in ETFs auf sehr "kleine, enge" Asset-Klassen wie z. B. lateinamerikanische Small Caps. Auf solche Investments sollte ein normaler Privatanleger meines Erachtens sowieso verzichten, ob in ETF-Form oder als Direktanlage.

 

BuzzNews: Welche Vor- und Nachteile haben ETFs auf kurzlaufende Staatsanleihen höchster Bonität in Euro gegenüber einem Direktinvestment in die entsprechenden Anleihen?

 

Gerd Kommer: Solche ETFs haben gegenüber der Direktanlage den Vorteil, einfacher und weniger arbeitsintensiv zu sein, insbesondere muss der Anleger nicht alle paar Monate neue Anleihen zukaufen, weil die alten inzwischen teilweise oder ganz fällig geworden sind, also zurückgezahlt wurden. Warum sollte sich ein normaler Privatanleger die mit solchen Einzelanlagen in Anleihen verbundene Arbeit antun, wenn die laufenden Mehrkosten eines entsprechenden ETFs hier mit ca. 0,1 bis 0,15 Prozent p.a. recht gering sind? Vermutlich werden diese laufenden Kosten in der mittelfristigen Zukunft sogar noch weiter sinken. Bei den Transaktionskosten für Kauf und Verkauf wären Einzelanlagen über einen längeren Zeitraum hinweg teurer als ein entsprechender ETF, weil bei Einzelwertpapieren ja häufiger gekauft werden muss.

"Auf den Aktienteil des Portfolios bezogen und unter der Annahme, dass das Portfolio grundsätzlich weltweit diversifiziert sein soll, sollten es nicht weniger als 1.000 Aktien sein"

BuzzNews: Wie viele verschiedene Unternehmen sollten passive Investoren mindestens in ihrem Weltportfolio haben, um eine ausreichende Diversifizierung zu gewährleisten? Ich frage speziell im Hinblick auf Smart-Beta-ETFs sowie der immer wieder kolportierten Zahl von 20 bis 30, ab der ein weiterer Diversifikationsnutzen nicht oder nur in geringem Umfang vorhanden ist.

 

Gerd Kommer: Auf den Aktienteil des Portfolios bezogen und unter der Annahme, dass das Portfolio grundsätzlich weltweit diversifiziert sein soll, sollten es nicht weniger als 1.000 Aktien sein. Mehr ist natürlich eher besser, aber wenn diese 1.000 eine repräsentative Stichprobe der ausgewählten Asset-Klassen darstellen und keine unabsichtlichen Überlappungen beinhalten, dürfte das schon reichen. Zum Hintergrund: Der Weltaktienmarkt besteht in den geregelten Börsensegmenten aus ungefähr 10.000 einzeln Aktiengesellschaften.

 

BuzzNews: Ab und bis zu welcher Prozentzahl der Gewichtung in einem Portfolio ist eine Asset-Klasse wie z. B. Small Caps sinnvoll übergewichtet, sodass der Faktor-Vorteil langfristig spürbar wird?

 

Gerd Kommer: Das kann man nicht pauschal sagen, weil es auf die Definition der Asset-Klasse ankommt. Am Beispiel "Small Caps" lässt sich das schön erläutern. Viele Privatanleger glauben, dass es eine objektive, quasi gottgegebene Definition davon gäbe, was ein Small Cap ist. Stimmt aber nicht. Die Abgrenzung zwischen Small Caps, Mid Caps und Large Caps sind letztlich völlig willkürlich. Einige Experten sagen Small Caps seien die kleinsten 33% aller Aktiengesellschaften, andere die kleinsten 15% und wieder andere die kleinsten 10%. Damit hört die Ambivalenz jedoch noch nicht auf. Wenn Sie diese Prozentsätze z. B. getrennt auf die USA oder auf Irland anwenden, kommen bei den jeweiligen Unternehmensgrößen völlig unterschiedliche Ergebnisse raus. Auch hier zeigt sich: Die Welt ist auch beim passiven Investieren halt nun einmal nicht so einfach, wie manche von uns sich das wünschen.

 

BuzzNews: Braucht man für ein nach Marktkapitalisierung und weitgehend ohne Faktor Investing strukturiertes Weltportfolio wirklich die Small Caps aus Industrie- und Schwellenländern als IMI-Variante der MSCI-Indizes? Die Kursverläufe beispielsweise des MSCI Emerging Markets und seiner IMI-Variante sind ziemlich identisch, ein besseres Risiko-Rendite-Profil scheint die IMI-Variante nicht zu bieten.

 

Gerd Kommer: Sehe ich nicht so. Über die letzten 20 Jahre von 1999 bis 2018 hatte der MSCI ACWI IMI Index, der Schwellenländer und Small Caps mit einschließt, eine um 0,5 Prozentpunkt höhere jährliche Rendite als der MSCI World Standard, der weder Schwellenländer noch Small Caps berücksichtigt. Außerdem geht es hier auch ein wenig ums Prinzip und rational Investieren hat sehr viel mit Prinzipien zu tun: Wenn ich global diversifizieren möchte, und das setze ich hier als grundsätzliches Anlegerziel voraus, warum sollte ich dann rund 25% der weltweiten Marktkapitalisierung ohne Not aus meinem Portfolio ausschließen, nur weil dieser Ausschluss in den letzten, sagen wir mal, drei oder X Jahren keinen großen Rendite- oder Risikounterschied machte. Das ergibt für mich keinen Sinn.

"Ich persönlich halte es für sinnvoll, den USA-Anteil im Aktienteil des Portfolios von rund 55%, was der Marktkapitaliserungsgewichtung entspräche, auf zwischen 25% bis 35% runterzudrücken."

BuzzNews: Wer ein nach Marktkapitalisierung gewichtetes Weltportfolio aufbaut, hat einen hohen USA-Anteil im Depot. Stellt es ein Risiko dar, wenn eine politische und wirtschaftliche Region so stark präsent ist?

 

Gerd Kommer: Ich persönlich halte es für sinnvoll, den USA-Anteil im Aktienteil des Portfolios von rund 55%, was der Marktkapitaliserungsgewichtung entspräche, auf zwischen 25% bis 35% runterzudrücken. Dieser Anteil entspricht eher der Wirtschaftskraft der USA relativ zum Rest der Welt. Hier könnte man in der Tat von einem Klumpenrisiko USA sprechen.

 

BuzzNews: Was ist grundsätzlich, als Faustformel, eine gute Entnahmestrategie für ein Weltportfolio in der Rentenphase und wie sollten Portfolio-Entnahmen grundsätzlich getätigt werden?

 

Gerd Kommer: Aus meiner Sicht ist dieses Frage zu komplex, als dass man hier verantwortungsvoll Faustformeln oder Daumenregeln in den öffentlichen Raum stellen sollte. Die in der Blogosphäre vielgehörte Faustformel, dass anfänglich vier Prozent pro Jahr (in den Folgejahren entsprechend der Inflation erhöht) eines 50/50-Portfolios (Aktien/risikoarm) entnommen werden könnte, ist meines Erachtens zu aggressiv, sprich zu hoch. Hierzu haben wir vor kurzem einen Blog-Beitrag veröffentlicht. Aber weil die Finanzbranche und manche Blogger ihre Kunden gerne mit unrealistischen Versprechungen einlullen, irrlichtert diese Zombi-Faustformel, obwohl schon vor langen Jahren von Wissenschaftlern als fragwürdig oder falsch identifiziert, halt immer noch durch die Medien und die Ratgeberliteratur.

 

BuzzNews: Können Sie die Rechnung aufstellen, mit der Anleger entscheiden, ob sich eine Umschichtung in einen günstigeren ETF (auf denselben Referenzindex) lohnt, also etwa Einsparungen bei den Kosten abzüglich Steuern und Transaktionsgebühren im Falle des Austausches in einem angemessenen (wie langen?) Amortisationszeitraum?

 

Gerd Kommer: Dazu muss man einfach schätzen, was die Transaktionskosten der Umstellung sind, und sie dann durch die Differenz bei den laufenden Kosten teilen. Allerdings wird bei dieser einfachen Formel ein eventuell bestehender Barwertvorteil bei der Abgeltungsteuer nicht berücksichtigt.

"Ich rate normalen Privatanlegern vom Direkthandel, also dem außerbörslichen Handel, eher ab."

BuzzNews: Sollten Anleger ETFs besser im Direkthandel kaufen und verkaufen, um Transaktionskosten steigernde Teilausführungen von Orders zu vermeiden?

 

Gerd Kommer: Ich rate normalen Privatanlegern vom Direkthandel, also dem außerbörslichen Handel, eher ab. Hier kann, wer nicht erfahren ist, manches falsch machen und man kann kostenmäßig über den Tisch gezogen werden. Der mögliche, aber eben keineswegs garantierte Kostenvorteil von Direkthandel ist für einen Buy-and-Hold-Anleger mit normalen Anlagegrößenordnungen wohl marginal.

 

BuzzNews: Sie argumentieren unter anderem deshalb für passives Investieren mit ETFs, weil ein überwältigender Teil der aktiv gemanagten Fonds und anderer aktiver Portfolios einen korrekt gewählten Benchmark-Index über Zeiträume von drei Jahren an aufwärts nicht schlägt. Nun dürfte das in abgewandelter Weise auch für ETFs gelten, die ihren Referenzindex, abzüglich ihrer gegenüber aktiven Fonds sehr viel geringeren Kosten, ja explizit abbilden und nicht übertreffen wollen. Sollte man daher nicht präziser formulieren, dass ein überwältigender Teil der aktiv gemanagten Fonds eine deutliche Unterperformance gegenüber korrekt gewählten ETFs aufweist, und entsprechend die Renditen vergleichen, statt sich auf eine Indexentwicklung zu beziehen?

 

Gerd Kommer: Ja und nein. Natürlich muss man, um aktive Fonds ganz, ganz fair zu beurteilen, auch die Benchmark (den Index) mit realistischen Kosten belasten oder alternativ mit Indexfonds vergleichen, wie Sie vorschlagen. Das ist aber methodisch schon etwas aufwändiger und überdies stellen sich dann subjektive Abwägungsfragen, die sich bei einem reinen Indexvergleich nicht stellen. Am Ende des Tages ist dieser Sachverhalt eher von untergeordneter Bedeutung, weil er das Gesamtbild so oder so nicht grundsätzlich ändert. Außerdem sähe die durchschnittliche Unter-Performance aktiv gemanagter Fonds noch schlimmer aus als bei der üblichen Standardvergleichsmethode "Aktiv versus Index", wenn man wirklich alle anderen Faktoren, die hier tatsächlich ins Gewicht fallen, einbezöge. Was meine ich damit? Erstens werden bei der Standardmethode die Kauf- und Verkaufskosten der aktiven Fonds nicht berücksichtigt – die sind jedoch viel höher als bei ETFs. Zweitens werden Steuernachteile aktiv gemanagter Fonds gegenüber Indexfonds, die unter dem amerikanischen (nicht jedoch dem deutschen) Fondsbesteuerungsregime anfallen, nicht berücksichtigt. (Der amerikanische Fondsmarkt ist der mit Abstand größte der Welt.) Und drittens wird nicht die so genannte "geldgewichtete" (fondsvolumensgewichtete) Rendite zum Vergleichen verwendet. Auch hier steht ein Indexfondsanleger auf Buy-and-Hold-Basis besser als der durchschnittliche Anleger in einem aktiven Fonds. Zöge man diese drei Faktoren beim Vergleich in Betracht, würden aktiv gemanagte Fonds sogar noch schlechter abschneiden, als sie es auf der Basis der jetzigen Standardmethodik schon tun.

 

BuzzNews: Warum kann man mit einer teilweisen Kreditfinanzierung einer eigenen Wohnimmobilie nach Ihrem Blogartikel aus 10/2018 keinen Leverage-Effekt auf die Eigenkapitalrendite beobachten – sind die Fremdkapitalkosten so hoch, dass sie die Hebelwirkung ausgleichen bzw. sogar unterlaufen oder gibt es (auch) andere Gründe?

 

Gerd Kommer: Es sind die Leverage-Kosten. In den letzten rund 50 Jahren waren die Kreditkosten im Sinne des Effektivzinses grob gesagt in der Hälfe alle Jahre höher als die Per-Annum-Prozentgröße "Wertsteigerung minus Instandhaltungskosten, minus Versicherungskosten, minus sonstige Kosten und minus aus Jahre umgelegte Transaktionskosten für Kauf und Verkauf". In den Jahren, in denen Leverage ein Vorteil war, war dieser insgesamt nicht hoch genug. Das war in Deutschland so und das war in den USA so – ich nehme an auch in anderen Ländern.

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Auf diese Fragen bin ich gestoßen, nachdem ich mir mein eigenes ETF-Weltportfolio zusammengestellt habe.

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