Rezension "Souverän investieren für Einsteiger" von Gerd Kommer

Zugegeben: Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“ ein „Souverän investieren für Einsteiger“ an die Seite gestellt wird, war ich skeptisch. Braucht es eine lediglich abgespeckte, womöglich stark vereinfachte Version, nach der der umsichtige Anleger zur Wissensvertiefung ohnehin nochmal zum Hauptwerk greift?

 

Die Lektüre hat meine Zweifel weggewischt, das Buch ist viel mehr und eine gute Einführung in evidenzbasiertes, passives Investieren.

 

Im Folgenden erläutere ich die Gründe.

3 Gründe, warum sich „Souverän investieren für Einsteiger“ von Gerd Kommer lohnt

1. Keine Überfrachtung des Weltportfolio-Ansatzes

Weltportfolio geht einfach und komplex, mit vielen und mit wenigen ETFs. Kommer hat sich dazu entschieden, in diesem Einsteiger-Buch die maximal einfache Version zu präsentieren, um Neulingen eine klare erste Route an die Börse zu weisen.

 

Es war richtig, Faktor-Investing mit und ohne Smart-Beta-ETFs komplett wegzulassen und dafür auf „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“ zu verweisen, das er übrigens niedlicherweise „SIMIE“ nennt, was ich ab jetzt gerne übernehme.

 

Für viele Anfänger wäre Faktor-Investing ein Zuviel an Komplexität, weil es zusätzliche Entscheidungen abverlangt, die potenziell handlungslähmend wirken. Wichtiger für Einsteiger ist das tatsächliche Einsteigen. Je niedriger die Schwelle, desto leichter fällt das. Später kann man immer noch nachoptimieren, muss man aber nicht.

2. Antworten auf operative Fragen

In SIMIE findet man zu den operativen Fragen des ETF-Investments wenig bis nichts, in das neue Buch haben sie jetzt Einzug erhalten, und da gehören sie auch hin. Das Kapitel begleitet den Einsteiger bis zur Order:

  • Interessante Tipps zu ETF-Sparplänen
  • Hinweise zu überbewerteten Märkten
  • Eine Abwägung zwischen Ausschüttern und Thesaurierern (recht eindeutig zugunsten der Letztgenannten)
  • Kriterien zur Auswahl eines Depots und konkreter ETFs
  • Eine aufschlussreiche Betrachtung zur Möglichkeit ethisch korrekten passiven Investierens, die einen eher so mäßig optimistischen Eindruck vermittelt

3. Raffung, Straffung, Zuspitzung

Das Buch ist keinesfalls eine Einleitung zum großen Bruder, sondern es kann für sich stehen und bringt auf den Punkt, was jemand wissen muss, der sofort starten und – wichtig – durchhalten will.

 

SIMIE muss nicht hinzugezogen werden, es sei denn, man möchte sich eingehender mit den Themen befassen und sie noch besser verstehen. Dazu rate ich natürlich, ahne aber auch, dass das durchschnittliche Interesse an diesen Dingen eher geringer ausgeprägt ist und die Menschen, die überhaupt ein Werk über Geldanlage lesen, einer nerdigen Minderheitenbeschäftigung nachgehen. Dieses Buch hingegen hat durchaus Geschenk-Potenzial – aber nur für Leute, die man wirklich mag, denn nur die haben es verdient.

 

Gerd Kommer wird, so kommt es mir vor, auch noch einmal deutlicher, pointiert stärker und verbietet sich ein Ausschweifen der Fußnoten, was dem Lesefluss dient. Der Zwang zur Kürze hat auch den theoretischen Teilen gutgetan, die zum schnellen Nachlesen klarstellen, woraus sich passives Investieren ableitet.

Fazit: Ein typischer Kommer

Für „Souverän investieren für Einsteiger“ gilt, was für jede Auslassung von Gerd Kommer gilt und zu seinem Markenzeichen gehört: immer etwas tiefer, transparenter, evidenter, genauer, datenreicher, stringenter und mit Blick aufs große Ganze argumentiert als die Konkurrenz. Dabei verständlich und mit dem nötigen motivierenden Schubser. Die Finanzwelt und die eigenen Geldangelegenheiten sehen hinterher anders aus als vorher. Schlagend überzeugend.

 

Wer Kommers Bücher und Blogbeiträge wahrgenommen hat, dem klingeln bei der anschließenden Lektüre typischer Artikel anderer Autoren über Geldanlage und Vermögensaufbau gefährlich unterkomplexe, orakelhafte Stammtischreden in den Ohren. Gerd Kommer verweigert sich dem Guru-Auftritt, den „Börsenexperten“ häufig pflegen. Weil er die simple, alte Kulturtechnik des ausführlichen und sachlichen Gebens und Nehmens von Gründen anwendet, hebt er sich von der aus bequemen Zeiten herrührenden bratkartoffeligen Selbstgefälligkeit einer eher schlimmen Zunft interessenkonfliktbehafteter Produktverkäufer wohltuend ab.

 

Ein Buch von Kommer zu lesen heißt: sich ein paar hundert Seiten lang geistig weiterzuentwickeln, um ein Leben lang finanziell zu profitieren.

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Ein paar kritische Anmerkungen zu Nebensächlichkeiten

Um vom Weltportfolio-Konzept überzeugt zu sein, muss man dem Autor nicht auch dort folgen, wo er weltanschaulich wird. Dass es sich bei der Marktwirtschaft unterm Strich um den vermutlich größten Segen der Menschheit handelt, ist genauso wahr wie das Bild von ihr schief, wenn man die historischen und aktuellen sozialen und ökologischen Verwerfungen während einer Eloge auf sie nicht einmal erwähnt, wie Kommer in seinem Einsteiger-Buch. Etwas kann im Allgemeinen und langfristig sehr richtig sein und dennoch den Teufel im Detail stecken lassen. In der Tat sind Menschen, die die Marktwirtschaft ablehnen, mutmaßlich nur teilinformiert über ihre Erfolge. Sie jedoch partiell zu kritisieren, um sie zu korrigieren und damit letztlich zu erhalten, ist ein löbliches Unterfangen. Nach meinem Eindruck ordnet Kommer Ablehner und Kritiker aber pauschal in dieselbe, alarmierend fehlgeleitete Gruppe ein.

 

Richtig irritiert hat mich darüber hinaus das Nachbeten des von neoliberaler Seite seit Jahrzehnten kolportierten Credos, dass das Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung unrettbar zerstört sei, weil immer weniger Arbeitnehmern immer mehr Rentner gegenüberstünden, weshalb die individuelle kapitalgedeckte Altersvorsorge einziger Lichtblick unserer Gesellschaft bleibe. Wer hier voraussichtliche Produktivitätsfortschritte komplett unterschlägt und Verteilungsfragen nicht einmal streift, der argumentiert einseitig und verkennt die Möglichkeiten politischer Gestaltung.

 

Aber nehmen wir einmal an, die Lobbyisten träfen einen echten Punkt: Wir müssen grundsätzlich unsere gesamte Gesellschaft – Junge wie Alte – zu einem gegebenen Zeitpunkt aus unserer dann vorhandenen Wirtschaftskraft versorgen. Wenn der demographische Faktor dazu führt, dass uns das nicht mehr gelingen wird, dann hilft auch die Umstellung auf individuelle kapitalgedeckte Altersvorsorge, gesellschaftlich gesehen, nicht – dass ich selbst ein großer Propagandist dieser zusätzlichen Säule bin und sie staatlich viel besser gefördert werden muss, als es derzeit der Fall ist, spielt dabei keine Rolle.

 

Meine ausführlichen Stellungnahmen zu diesen beiden Aspekten speisen sich mehr aus persönlicher Bewegtheit denn aus dem Platz, den sie im Buch einnehmen. Sie sind letztlich Nebensache, genauso wie die Zahl der Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, über die es übrigens Positives zu vermelden gibt: Gegenüber dem großen Bruder SIMIE spürte ich im Einsteiger-Buch nur sehr, sehr wenige davon auf. Etwas gewundert habe ich mich noch über die Platzierung der einen oder anderen Infobox, deren Zusammenhang mit dem vorher Gelesenen sich nicht immer erschloss.

 

Alles in allem bin ich auch von diesem Buch sehr angetan und wünsche ihm größte Verbreitung.

 

Meine persönlichen Schlüsse habe ich aus Kommers Ansatz bereits gezogen.

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