
Eines der berühmtesten Bücher der Menschheitsgeschichte - die Odyssee von Homer - fasse ich hier ausführlich zusammen, bleibe aber dennoch deutlich kürzer als das Original (etwa 10% des Epos). Und natürlich ist meine Zusammenfassung in heutiger Prosa geschrieben; die Versform ist nicht mehr zumutbar. Darunter gehe ich auf einige Aspekte des Werkes ein und interpretiere es. Die Zwischenüberschriften innerhalb der 24 Gesänge stammen von mir, Homer hielt sie nicht für notwendig.
Die Odyssee von Homer: Zusammenfassung
Erster Gesang
Die Geschichte beginnt zehn Jahre nach dem Fall von Troja. Während fast alle überlebenden griechischen Helden längst in ihre Heimat zurückgekehrt sind, wird Odysseus fern von seiner Familie auf der Insel Ogygia festgehalten. Die Nymphe Kalypso liebt ihn und möchte ihn als Ehemann behalten, doch Odysseus sehnt sich verzweifelt nach seiner Heimat Ithaka. Auf dem Olymp nutzen die Götter die Abwesenheit Poseidons, des erbitterten Gegners von Odysseus, um über dessen Schicksal zu beraten. Athena, die Göttin der Weisheit, ergreift Partei für den Helden und bittet ihren Vater Zeus, die Heimkehr zu ermöglichen. Zeus stimmt zu und beschließt, dass Odysseus endlich nach Hause finden soll.
Während der Götterbote Hermes zu Kalypso geschickt wird, begibt sich Athena selbst nach Ithaka. Sie ist besorgt um Odysseus' Sohn Telemachos, der in einem Haus voller Chaos aufwächst. Athena nimmt die Gestalt von Mentes an, einem alten Freund der Familie, und betritt den Palast. Dort herrscht eine unhaltbare Situation: Zahlreiche adlige Freier haben sich eingenistet. Sie verschwenden das Vermögen des abwesenden Königs, schlachten dessen Herden und feiern ausschweifende Gelage, während sie Penelope, die Ehefrau von Odysseus, zur Heirat drängen.
Eine göttliche Begegnung in Ithaka
Athena in ihrer Verkleidung als Mentes wird von Telemachos freundlich empfangen. Der junge Mann ist deprimiert und fühlt sich gegenüber den frechen Eindringlingen machtlos. Athena spricht ihm Mut zu und versichert ihm, dass sein Vater noch am Leben ist und bald zurückkehren wird. Sie rät ihm, eine Volksversammlung einzuberufen, um die Freier öffentlich aus dem Haus zu weisen. Zudem soll er ein Schiff ausrüsten und nach Pylos und Sparta reisen, um bei den Königen Nestor und Menelaos Informationen über den Verbleib seines Vaters einzuholen.
Inspiriert durch das Gespräch mit der vermeintlichen Gottheit – die sich am Ende wie ein Vogel entfernt und so ihre wahre Identität andeutet – zeigt Telemachos zum ersten Mal Entschlossenheit. Er weist seine Mutter Penelope in ihre Schranken, als sie einen Sänger bittet, ein trauriges Lied über die Rückkehr der Griechen zu beenden, und verkündet den Freiern direkt, dass er sie am nächsten Tag offiziell vor dem Volk zur Rede stellen wird. Die Freier sind über diesen plötzlichen Wandel erstaunt und reagieren mit Spott, doch Telemachos bleibt fest bei seinem Plan. Am Abend zieht er sich in sein Gemach zurück, unterstützt von der treuen alten Dienerin Eurykleia, und denkt über die bevorstehende Reise nach.
Zweiter Gesang
Am nächsten Morgen lässt Telemachos die Männer Ithakas zur Versammlung zusammenrufen – die erste seit Odysseus' Aufbruch vor zwanzig Jahren. Mit dem Zepter in der Hand klagt er vor den Ältesten der Stadt sein Leid: Sein Vater ist verschollen, und sein Haus wird von den Freiern ruiniert, die sich weigern, auf anständige Weise um Penelope zu werben. Er appelliert an das Gewissen der Bürger und droht mit der Rache der Götter.
Die Antwort der Freier, angeführt von Antinoos, ist jedoch voller Hohn. Er weist Telemachos die Schuld zu und behauptet, Penelope selbst trage die Verantwortung. Er berichtet von ihrer List mit dem Leichentuch für Laertes: Sie hatte versprochen, sich erst nach Fertigstellung des Tuchs neu zu vermählen, webte jedoch am Tag und trennte die Arbeit nachts heimlich wieder auf. Erst nach drei Jahren wurde sie von einer Magd verraten. Antinoos fordert Telemachos ultimativ auf, seine Mutter zu ihrem Vater zurückzuschicken, damit dieser eine neue Ehe für sie arrangiere.
Das Zeichen am Himmel und der Aufbruch
Während der hitzigen Debatte sendet Zeus ein Omen: Zwei Adler erscheinen am Himmel, kämpfen über den Köpfen der Versammelten und zerfleischen sich gegenseitig. Der Seher Halitherses deutet dies als Zeichen für die baldige Rückkehr des Odysseus und den drohenden Tod der Freier. Doch Eurymachos, ein weiterer Anführer der Freier, verspottet den Seher und erklärt, dass Odysseus längst tot sei. Er beharrt darauf, dass sie den Palast nicht eher verlassen werden, bis die Hochzeit vollzogen ist.
Telemachos bittet daraufhin um ein Schiff und zwanzig Gefährten für seine Erkundungsfahrt. Mentor, ein vertrauter Freund von Odysseus, kritisiert die Untätigkeit des Volkes gegenüber den Freiern, wird aber von diesen niedergeschrien, woraufhin die Versammlung ergebnislos aufgelöst wird. In seiner Einsamkeit wendet sich Telemachos an Athena. Die Göttin erscheint ihm nun in der Gestalt Mentors und verspricht ihm ihre persönliche Hilfe. Während Athena in Telemachos' Gestalt durch die Stadt geht und ein Schiff sowie eine mutige Mannschaft organisiert, bereitet Eurykleia im Geheimen die Vorräte für die Reise vor. In der Nacht stechen sie schließlich in See, ohne dass Penelope oder die Freier etwas davon bemerken, und steuern unter günstigen Winden Pylos an.
Dritter Gesang
Bei Sonnenaufgang erreicht das Schiff Pylos, die Stadt des weisen Königs Nestor. Telemachos und seine Gefährten finden das Volk am Strand vor, wo gerade ein gewaltiges Opferfest mit Hunderten von schwarzen Stieren zu Ehren Poseidons gefeiert wird. Obwohl der junge Telemachos zunächst schüchtern ist und nicht weiß, wie er einen so erfahrenen König ansprechen soll, ermutigt ihn die verkleidete Athena ("Mentor"), furchtlos auf Nestor zuzugehen.
Nestor und seine Söhne empfangen die Fremden mit vorbildlicher Gastfreundschaft. Noch bevor er nach ihrer Herkunft fragt, werden sie zum Essen eingeladen und erhalten Ehrenplätze beim Opfermahl. Peisistratos, einer der Söhne Nestors, überreicht Athena zuerst den Becher für das Trankopfer, was die Göttin aufgrund seiner Höflichkeit sehr freut. Nachdem alle gesättigt sind, gibt Telemachos seine Identität preis und erklärt den Zweck seiner Reise: Er sucht verzweifelt nach Informationen über das Schicksal seines Vaters Odysseus.
Das Schicksal der Heimkehrer und die Reise nach Sparta
Nestor beginnt zu erzählen, kann aber keine endgültige Nachricht über Odysseus geben. Er schildert ausführlich die Leiden vor Troja und die Schwierigkeiten bei der Heimreise. Er berichtet, dass nach dem Sieg Uneinigkeit zwischen den Heerführern Agamemnon und Menelaos ausbrach. Während Nestor und andere sofort aufbrachen, blieb Odysseus zunächst bei Agamemnon zurück, um weitere Opfer darzubringen. Besonders tragisch ist Nestors Bericht über Agamemnons Schicksal, der bei seiner Rückkehr von Ägisthos und seiner eigenen Frau Klytämnestra ermordet wurde. Er lobt jedoch Orestes, den Sohn Agamemnons, für dessen Rache und hält ihn Telemachos als Vorbild für Mut vor.
Nestor rät Telemachos dringend, auch Menelaos in Sparta aufzusuchen, da dieser erst vor kurzem von einer langen Irrfahrt aus Ägypten zurückgekehrt ist und möglicherweise mehr weiß. Als Telemachos und Mentor zum Schiff zurückkehren wollen, besteht Nestor darauf, dass sie im Palast übernachten. In diesem Moment verwandelt sich Athena vor aller Augen in einen Adler und verschwindet, was Nestor als Beweis für den göttlichen Schutz des Jünglings erkennt. Am nächsten Morgen feiert Nestor ein großes Dankopfer für Athena. Anschließend bricht Telemachos auf: In einem von Nestor bereitgestellten Wagen und in Begleitung von Peisistratos fährt er quer durch das Land in Richtung Sparta, wo sie nach zwei Tagen Reise bei König Menelaos ankommen.
Vierter Gesang
Telemachos und Peisistratos erreichen Lakedämon, die prächtige Residenz von König Menelaos in Sparta. Dort herrscht gerade festlicher Trubel, denn der König feiert die Hochzeiten seines Sohnes Megapenthes und seiner Tochter Hermione. Trotz der Feierlichkeiten empfängt Menelaos die fremden Jünglinge mit vorbildlicher Gastfreundschaft, lässt sie baden, neu einkleiden und an seine Tafel laden. Telemachos ist tief beeindruckt vom unermesslichen Reichtum des Palastes, der vor Gold, Silber und Elfenbein nur so strotzt. Menelaos erzählt wehmütig, dass er diesen Reichtum auf seiner achtjährigen Irrfahrt durch Ägypten und Libyen zwar erworben habe, sein Herz jedoch schwer sei, da währenddessen sein Bruder Agamemnon heimtückisch ermordet wurde. Als Menelaos beginnt, über seinen verschollenen Freund Odysseus zu sprechen und dessen Tapferkeit rühmt, bricht Telemachos in Tränen aus und verbirgt sein Gesicht hinter seinem Mantel.
Helena, die wunderschöne Gemahlin des Königs, tritt hinzu und erkennt sofort die verblüffende Ähnlichkeit des jungen Gastes mit Odysseus. Peisistratos bestätigt ihre Vermutung und erklärt das Ziel ihrer Reise. Die Stimmung wird schwermütig, da alle Anwesenden persönliche Verluste aus dem Trojanischen Krieg zu beklagen haben. Um die Trauer zu lindern, mischt Helena ein ägyptisches Zaubermittel in den Wein, das Schmerz und Groll vergessen lässt. In der nun entspannten Atmosphäre werden Geschichten über Odysseus erzählt: Helena berichtet, wie er sich als Bettler verkleidet in Troja einschlich, und Menelaos schildert die gefährlichen Stunden im Inneren des Trojanischen Pferdes.
Die Offenbarungen des Meergreises und die Verschwörung der Freier
Am nächsten Morgen bittet Telemachos den König offiziell um Nachrichten über seinen Vater. Menelaos berichtet daraufhin ausführlich von seiner eigenen Heimkehr und einer Begegnung mit dem Meergott Proteus in Ägypten. Proteus, der sich in verschiedene Tiergestalten verwandeln konnte, wurde von Menelaos mit einer List überwältigt. Der Gott offenbarte Menelaos nicht nur die Schicksale anderer Helden wie Ajas oder Agamemnon, sondern gab auch eine entscheidende Information über Odysseus: Er habe ihn auf der Insel Ogygia gesehen, wo die Nymphe Kalypso ihn gegen seinen Willen festhalte. Ohne Schiff und Mannschaft sei er dort gefangen und sehne sich verzweifelt nach Hause. Menelaos bietet Telemachos an, länger zu bleiben, doch dieser drängt zur Rückkehr.
Währenddessen herrscht in Ithaka helle Aufregung. Die Freier erfahren zufällig, dass Telemachos tatsächlich gegen ihren Willen mit einem Schiff und zwanzig Gefährten aufgebrochen ist. Antinoos, einer ihrer Anführer, gerät in Zorn und plant einen mörderischen Hinterhalt: Er will Telemachos auf der Rückreise im Sund zwischen Ithaka und Samos auflauern und ihn töten. Der Herold Medon belauscht den Plan und informiert die ahnungslose Penelope. Sie bricht verzweifelt zusammen und bangt nun um das Leben ihres einzigen Sohnes. Athena jedoch erbarmt sich ihrer und sendet ihr im Schlaf ein Traumbild ihrer Schwester Iphthime, das sie tröstet und ihr versichert, dass ihr Sohn unter göttlichem Schutz steht. Die Freier jedoch stechen bereits in See, um ihren blutigen Plan in die Tat umzusetzen.
Fünfter Gesang
Die Götter versammeln sich erneut auf dem Olymp, und Athena klagt erneut über das Schicksal des leidenden Odysseus, der noch immer auf Kalypsos Insel festsitzt, während man in seiner Heimat seinem Sohn Telemachos nach dem Leben trachtet. Zeus beschließt daraufhin, endgültig zu handeln: Er sendet den Götterboten Hermes zur Insel Ogygia. Hermes soll Kalypso befehlen, Odysseus ziehen zu lassen. Gleichzeitig legt Zeus fest, dass Odysseus ohne göttliches oder menschliches Geleit, nur auf einem selbstgebauten Floß, nach zwanzig Tagen die Insel Scheria erreichen soll, wo die Phäaken ihn ehren und schließlich nach Ithaka bringen werden.
Hermes fliegt über das Meer und erreicht die paradiesische Grotte der Nymphe. Die Insel ist von üppigen Wäldern, Quellen und Weinstöcken umgeben – ein Ort, der selbst einen Gott zum Staunen bringt. Kalypso empfängt Hermes gastfreundlich, ist aber tief getroffen, als sie den Befehl von Zeus hört. Sie wirft den Göttern Doppelmoral vor, da sie es den Göttinnen missgönnten, sterbliche Männer zu lieben. Dennoch beugt sie sich dem Willen des höchsten Gottes. Sie findet Odysseus am Ufer, wo er wie jeden Tag weinend aufs Meer blickt und sich nach seiner Heimat verzehrt. Kalypso teilt ihm mit, dass er gehen darf, und verspricht ihm ihre Hilfe beim Bau eines Floßes.
Odysseus’ mühsamer Aufbruch und der Zorn Poseidons
Odysseus ist zunächst misstrauisch und fürchtet eine Falle, doch Kalypso leistet einen heiligen Eid, dass sie nichts Böses im Schilde führt. Vier Tage lang arbeitet Odysseus unermüdlich. Er fällt zwanzig große Bäume, glättet die Stämme und zimmert fachmännisch ein breites, stabiles Floß mit Mast, Steuer und Segeln. Kalypso versorgt ihn mit Vorräten – Brot, Wasser und Wein – und schenkt ihm günstige Winde für die Reise. Am achtzehnten Tag seiner Fahrt erblickt er am Horizont bereits die schattigen Berge des Phäakenlandes. Doch Poseidon, sein alter Widersacher, kehrt gerade von den Äthiopiern zurück und bemerkt den Heimkehrenden. Erbost über den Beschluss der anderen Götter, entfesselt er einen gewaltigen Sturm.
Die Wogen türmen sich wie Berge auf, und das Floß wird von den Winden umhergeschleudert. Odysseus fürchtet bereits sein Ende und beneidet die Gefallenen von Troja um ihren ehrenvollen Tod. Eine riesige Welle zerschmettert schließlich sein Floß, reißt Mast und Segel fort und taucht Odysseus tief unter Wasser. In seiner Not erscheint ihm die Meeresgöttin Ino (Leukothea) in Gestalt eines Wasserhuhns. Sie rät ihm, seine Kleider abzulegen, das Floß zu verlassen und sich mit Hilfe eines unsterblichen Schleiers, den sie ihm überreicht, schwimmend ans Land zu retten. Odysseus zögert zunächst, doch als Poseidon eine weitere gewaltige Woge sendet, die die letzten Balken seines Floßes wegspült, bleibt ihm keine Wahl. Er springt ins Meer und schwimmt zwei Tage und Nächte lang. Mit Athenas Hilfe überlebt er die gefährliche Brandung an der felsigen Küste und findet schließlich die Mündung eines Flusses. Erschöpft schleppt er sich ans Ufer, verbirgt sich in einem dichten Gebüsch unter einem Haufen Blätter und fällt in einen tiefen, von Athena gesandten Schlaf.
Sechster Gesang
Während Odysseus am Ufer der Insel Scheria erschöpft schläft, begibt sich Athena in die Stadt der Phäaken. Das Volk der Phäaken lebte einst nahe bei den gewalttätigen Kyklopen, war aber unter König Nausithoos an diesen neuen, abgelegenen Ort gezogen. Athena nimmt die Gestalt einer Freundin von Nausikaa an, der schönen Tochter des aktuellen Königs Alkinoos. Sie erscheint der schlafenden Prinzessin im Traum und ermahnt sie, am nächsten Morgen zum Fluss zu fahren, um die Wäsche zu waschen, da ihre Hochzeit bald bevorstehe und alles glänzen müsse. Nausikaa erwacht voller Tatendrang, bittet ihren Vater um einen Wagen mit Mauleseln und fährt gemeinsam mit ihren Dienerinnen zum Fluss.
Nachdem die Kleider gewaschen und zum Trocknen am Strand ausgelegt sind, baden die Mädchen und spielen Ball. Als Nausikaa den Ball wirft, verfehlt eine Dienerin ihn, und er fällt in einen tiefen Strudel. Das laute Kreischen der Mädchen weckt Odysseus in seinem Gebüsch auf. Er ist verwirrt und fragt sich, ob er bei wilden Räubern oder gottesfürchtigen Menschen gelandet ist. Nackt und nur mit einem belaubten Zweig bekleidet, tritt er aus dem Dickicht hervor. Sein verwahrlostes Äußeres, gezeichnet vom Salzwasser und Schlamm, versetzt die Dienerinnen in Panik, und sie fliehen in alle Richtungen. Nur Nausikaa bleibt standhaft stehen, da Athena ihr den Schrecken nimmt.
Die Begegnung mit der Prinzessin und der Weg zur Stadt
Odysseus erkennt sofort die vornehme Art des Mädchens. Er nähert sich ihr nicht flehend, um sie nicht zu erschrecken, sondern hält Distanz und schmeichelt ihr mit klugen Worten. Er vergleicht ihre Schönheit mit der einer jungen Palme auf Delos und schildert ihr sein großes Unglück und seine zwanzigtägige Flucht vor den Stürmen des Meeres. Nausikaa zeigt sich tief beeindruckt von seinem würdevollen Auftreten und erkennt, dass er kein gewöhnlicher Mann ist. Sie erklärt ihm, dass er im Land der Phäaken sicher sei und dass ihr Vater Alkinoos hier herrsche. Sie ruft ihre Dienerinnen zurück und befiehlt ihnen, den Fremden zu speisen und ihm Kleider zu geben.
Odysseus badet im Fluss, salbt sich mit Öl und legt die Gewänder an, die Nausikaa ihm überlässt. Athena verleiht ihm dabei eine göttliche Ausstrahlung, die ihn größer und schöner erscheinen lässt, sodass Nausikaa bei seinem Anblick fast meint, er sei einer der unsterblichen Götter. Nach einer Stärkung bereitet sich die Gruppe auf die Rückfahrt zur Stadt vor. Nausikaa gibt Odysseus jedoch eine vorsichtige Anweisung: Um böses Gerede im Volk zu vermeiden, soll er ihr nicht direkt folgen. Sie erklärt ihm den Weg zum Palast ihres Vaters und rät ihm, im Palast direkt auf ihre Mutter, die Königin Arete, zuzugehen und deren Knie zu umfassen. Nur wenn er die Gunst der Königin gewinne, habe er Hoffnung, bald in seine Heimat zurückzukehren. Odysseus bleibt zunächst in einem Athena geweihten Pappelgehölz vor der Stadt zurück und betet zur Göttin um Beistand und ein gnädiges Empfängen durch die Phäaken. Athena hört ihn, zeigt sich ihm aber noch nicht offen, da sie den Zorn ihres Onkels Poseidon auf Odysseus respektiert.
Siebter Gesang
Nachdem Nausikaa in die Stadt zurückgekehrt ist, macht sich auch Odysseus auf den Weg. Um ihn vor den Blicken und möglichen Beleidigungen der Phäaken zu schützen, hüllt die Göttin Athena ihn in dichten Nebel. Am Stadttor begegnet sie ihm selbst in der Gestalt eines jungen Mädchens mit einem Wasserkrug. Sie weist ihm den Weg zum Palast des Königs Alkinoos und rät ihm eindringlich, sich im Inneren direkt an die Königin Arete zu wenden. Athena erklärt, dass Arete im Volk hochverehrt wird, klug ist und sogar Streitigkeiten unter Männern schlichtet; wenn er ihre Gunst gewinne, stehe seiner Heimkehr nichts mehr im Wege.
Odysseus erreicht den prachtvollen Palast und verweilt staunend vor der Schwelle. Das Gebäude glänzt wie die Sonne oder der Mond: Die Wände sind aus Bronze, die Türen aus Gold und die Pfosten aus Silber. Vor den Toren stehen goldene und silberne Hunde, die Hephästos einst unsterblich erschuf, um das Haus zu bewachen. Im Inneren leuchten goldene Jünglingsgestalten den Gästen bei nächtlichen Festmählern mit Fackeln. Ebenso beeindruckend ist der Garten: Dort wachsen das ganze Jahr über Früchte wie Birnen, Granatäpfel, Äpfel und Feigen, da ein steter Westwind die Blüten treibt und die Früchte reifen lässt.
Ein Fremder am königlichen Herd
Odysseus betritt den Saal, in dem die phäakischen Fürsten gerade Trankopfer darbringen. Immer noch vom göttlichen Nebel verborgen, eilt er zur Königin Arete und umfasst bittend ihre Knie; in diesem Moment löst Athena den Nebel auf. Die Anwesenden verstummen vor Staunen. Odysseus fleht um Unterstützung für seine Heimreise, da er schon lange fern von seinen Freunden in Not umherirre. Demütig setzt er sich in die Asche am Herd. Auf Drängen des Ältesten Echeneos führt Alkinoos den Fremden zu einem silberbeschlagenen Sessel und lässt ihm Speise und Trank servieren. Der König verspricht, am nächsten Tag eine Versammlung einzuberufen, um die Heimreise des Gastes zu organisieren.
Nachdem die anderen Gäste gegangen sind, bleiben Arete und Alkinoos mit Odysseus allein zurück. Die Königin erkennt die Kleidung, die er trägt, da sie und ihre Mägde sie selbst gewebt haben. Sie fragt ihn direkt nach seiner Herkunft und wie er zu diesen Gewändern gekommen sei. Odysseus berichtet daraufhin von seinem siebenjährigen Aufenthalt auf der Insel Ogygia bei der Nymphe Kalypso. Er erzählt von seinem mühsamen Aufbruch auf einem Floß, dem zerstörerischen Sturm Poseidons und seiner Rettung an die Küste Scherias. Dort habe er Nausikaa getroffen, die ihm geholfen und ihn eingekleidet habe. Alkinoos zeigt sich von der Art des Fremden so beeindruckt, dass er ihm sogar die Hand seiner Tochter anbietet, betont aber gleichzeitig, dass niemand gegen seinen Willen festgehalten werde. Er sichert ihm die Heimreise für den nächsten Tag zu, woraufhin Odysseus erleichtert schlafen geht.
Achter Gesang
Am nächsten Morgen führt König Alkinoos Odysseus zum Versammlungsplatz der Phäaken. Athena wandelt derweil in Gestalt eines Herolds durch die Stadt und fordert die Bürger auf, zum Markt zu kommen, um einen Fremden zu sehen, der den Göttern gleicht. Um Odysseus bei dem Volk beliebt zu machen, verleiht sie ihm eine besonders stattliche und würdevolle Erscheinung. Vor der versammelten Menge verkündet Alkinoos seinen Plan, ein neues Schiff mit 52 der besten jungen Männer auszurüsten, um den Gast nach Hause zu bringen. Zuvor lädt er jedoch alle Fürsten und die Schiffsmannschaft zu einem großen Festmahl in seinen Palast ein.
Während des Festes tritt der blinde Sänger Demodokos auf, dem die Muse zwar das Augenlicht nahm, aber die Gabe des süßen Gesangs verlieh. Er singt von einem berühmten Streit zwischen Odysseus und Achilles vor Troja. Als Odysseus diese Lieder hört, wird er von tiefer Trauer überwältigt. Er zieht seinen purpurnen Mantel über den Kopf, um seine Tränen vor den Phäaken zu verbergen. Nur Alkinoos bemerkt das Schluchzen seines Gastes. Um die Stimmung aufzuheitern, bricht der König das Mahl ab und schlägt vor, sich in sportlichen Wettkämpfen zu messen, damit der Fremde zu Hause von der körperlichen Überlegenheit der Phäaken berichten kann.
Provokation und sportlicher Triumph
Auf dem Kampfplatz treten die jungen Männer in verschiedenen Disziplinen wie Wettlauf, Ringen, Sprung und Diskuswurf gegeneinander an. Schließlich fordert Laodamas, der Sohn des Königs, auch Odysseus auf, sein Können zu zeigen. Als dieser aus Gram und Erschöpfung ablehnt, beleidigt ihn der junge Euryalos grob: Er behauptet, Odysseus sehe nicht wie ein Athlet aus, sondern wie ein gieriger Krämer, dem es nur um Gewinn gehe. Zornig weist Odysseus die Beleidigung zurück und betont, dass Schönheit und Verstand selten gemeinsam verliehen werden. Um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen, greift er einen Diskus, der weitaus schwerer ist als jene der Phäaken, und schleudert ihn mit gewaltiger Kraft weit über alle Markierungen hinaus.
Athena markiert in Menschengestalt den Einschlagspunkt und erklärt Odysseus zum unangefochtenen Sieger. Angestachelt durch diesen Erfolg, fordert Odysseus die Phäaken in fast jeder Sportart heraus, außer im Wettlauf, für den seine Beine nach der langen Zeit auf See zu geschwächt seien. Alkinoos greift vermittelnd ein und lässt stattdessen die besten Tänzer auftreten, während Demodokos eine humorvolle Ballade über das Liebesabenteuer von Ares und Aphrodite singt. Später werden Odysseus kostbare Geschenke überreicht: Jeder der zwölf Fürsten und der König selbst schenken ihm einen Mantel, einen Leibrock und ein Talent Gold. Euryalos versöhnt sich mit ihm durch die Gabe eines kostbaren Bronzeschwertes. Beim Abendessen bittet Odysseus den Sänger, von der List des hölzernen Pferdes zu berichten. Als er erneut in Tränen ausbricht, hält Alkinoos den Gesang an und bittet den Fremden eindringlich, endlich seine wahre Identität und seine Geschichte preiszugeben.
Neunter Gesang
Odysseus gibt sich den Phäaken zu erkennen und beginnt, seine abenteuerliche Heimreise von Troja zu schildern. Zuerst berichtet er vom Überfall auf Ismaros, die Stadt der Kikonen. Obwohl sie die Stadt plünderten, ignorierten seine Gefährten seinen Rat zur schnellen Flucht und schwelgten stattdessen in Wein und Fleisch. Dies nutzten die Kikonen für einen blutigen Gegenangriff, bei dem Odysseus pro Schiff sechs Männer verlor. Ein schwerer Sturm trieb sie daraufhin neun Tage lang über das Meer, bis sie das Land der Lotophagen erreichten. Dort kosteten drei seiner Männer von der Lotosfrucht, die so süß schmeckte, dass sie jede Erinnerung an die Heimat verloren und für immer bleiben wollten. Odysseus musste sie mit Gewalt zurück zum Schiff schleppen und unter den Bänken festbinden.
Die Fahrt führte sie weiter zum Land der Kyklopen, ein Volk von Riesen, die ohne Gesetze und Ackerbau im Vertrauen auf die Götter leben. Odysseus landete zunächst auf einer unbewohnten Ziegeninsel gegenüber der Küste. Getrieben von Neugier, ob die Bewohner des Festlandes gastfreundlich oder wild seien, fuhr er mit zwölf Gefährten zur Hauptinsel und betrat eine riesige Höhle. Es war die Behausung des Polyphemos, eines Sohnes des Poseidon. Die Männer fanden dort große Mengen Käse und Fleisch vor und baten Odysseus, Vorräte zu stehlen und sofort zu fliehen, doch er wollte den Besitzer persönlich treffen.
Der Kampf mit dem einäugigen Riesen
Polyphemos kehrte am Abend zurück, versperrte den Höhleneingang mit einem gigantischen Felsbrocken und entdeckte die Fremden. Statt das heilige Gastrecht zu achten, verspottete er die Götter, packte zwei Gefährten und fraß sie roh auf. Odysseus erkannte, dass er den Riesen nicht im Schlaf töten konnte, da die Männer den schweren Stein vor dem Ausgang niemals allein bewegen könnten. Am nächsten Tag fraß der Kyklop weitere vier Männer. Odysseus ersann eine List: Er bot Polyphemos einen besonders starken, ungemischten Wein an, den er mitgebracht hatte. Der Riese trank gierig, wurde betrunken und fragte Odysseus nach seinem Namen. Odysseus antwortete: „Niemand ist mein Name“.
Als Polyphemos in einen tiefen Rauschschlaf fiel, stießen Odysseus und seine verbliebenen Männer einen glühenden, angespitzten Pfahl aus Olivenholz in das einzige Auge des Riesen. Polyphemos brüllte so laut vor Schmerz, dass die benachbarten Kyklopen herbeieilten. Auf ihre Frage, wer ihn verletze, schrie er: „Niemand würgt mich!“. Da sie glaubten, es handle sich um eine göttliche Plage, gingen sie wieder. Am Morgen tastete der blinde Riese den Rücken jedes Schafes ab, das die Höhle verließ. Odysseus und seine Freunde banden sich jedoch unter den Bäuchen der Widder fest und entkamen so unbemerkt. Als sie sicher auf ihrem Schiff waren, konnte Odysseus es nicht lassen, Polyphemos zu verhöhnen und ihm seinen wahren Namen zu rufen. Der erzürnte Riese schleuderte Felsbrocken nach dem Schiff und verfluchte Odysseus. Er bat seinen Vater Poseidon, dafür zu sorgen, dass Odysseus entweder gar nicht oder erst nach langer Zeit, allein und auf einem fremden Schiff in ein zerrüttetes Zuhause zurückkehre. Poseidon hörte dieses Gebet, was Odysseus' weiteres Schicksal entscheidend prägte.
Zehnter Gesang
Nach der Flucht vor den Kyklopen erreicht Odysseus mit seinen zwölf Schiffen die schwimmende Insel Äolia, die Heimat des Windkönigs Äolos. Äolos empfängt die Gefährten gastfreundlich und bewirtet sie einen vollen Monat lang. Als Odysseus schließlich zur Heimkehr aufbricht, zeigt sich der König überaus hilfsbereit: Er fesselt alle stürmischen Winde in einem großen Sack aus Stierhaut und übergibt ihn Odysseus, damit nur der sanfte Westwind die Schiffe sicher nach Ithaka treibe. Neun Tage und Nächte segelt die Flotte unter Odysseus' persönlicher Führung, bis sie die heimischen Berge so nah erreichen, dass sie bereits die Leuchtfeuer der Wächter sehen können. In diesem entscheidenden Moment überwältigt Odysseus die Erschöpfung, und er fällt in einen tiefen Schlaf. Seine Gefährten, die von Neugier und Misstrauen geplagt werden, vermuten kostbare Schätze aus Gold und Silber in dem geheimnisvollen Beutel. Sie öffnen den Sack, woraufhin die eingesperrten Wirbelstürme mit gewaltiger Kraft entweichen und die Schiffe weit zurück auf das offene Meer hinausschleudern. Verzweifelt bittet Odysseus Äolos erneut um Hilfe, doch dieser weist ihn zornig ab, da er in dem Unglück ein Zeichen für den Hass der Götter sieht.
Die Insel der Zauberin Kirke
Die entkräfteten Männer müssen nun mühsam rudern und erreichen nach sechs Tagen das Land der Lästrygonen. In einem trügerisch ruhigen Hafen ankern elf der Schiffe dicht beieinander, während Odysseus sein Schiff vorsorglich außerhalb an einem Felsen festmacht. Die Erkundungstrupps stellen fest, dass das Land von menschenfressenden Riesen bewohnt wird. Die Lästrygonen greifen sofort an, zertrümmern die Schiffe im Hafen mit riesigen Felsbrocken und spießen die sterbenden Männer wie Fische auf. Nur Odysseus gelingt es, die Taue seines Schiffes rechtzeitig zu kappen und mit der letzten verbliebenen Mannschaft zu fliehen.
Sie erreichen schließlich die Insel Ääa, wo die mächtige Zaubergöttin Kirke in einem prachtvollen Palast lebt. Odysseus teilt seine verbliebenen Männer in zwei Gruppen auf; die Gruppe unter Eurylochos erkundet das Innere der Insel und entdeckt Kirkes Haus. Die Göttin lädt die Männer freundlich ein, mischt jedoch betörende Drogen in ihr Essen und verwandelt sie mit einem Zauberstab in Schweine, wobei ihr menschlicher Verstand jedoch erhalten bleibt. Nur Eurylochos, der Schlimmes ahnte und draußen blieb, kann entkommen und Odysseus berichten. Odysseus macht sich allein auf den Weg zur Rettung, wobei ihm der Götterbote Hermes erscheint.
Hermes schenkt ihm die Wunderpflanze Moly, die ihn gegen Kirkes Zauber immun macht, und gibt ihm genaue Anweisungen für den Kampf. Tatsächlich scheitert Kirkes Zauber an Odysseus, woraufhin er sie mit dem Schwert bedroht und zwingt, seine Gefährten zurückzuverwandeln. Odysseus gewinnt das Vertrauen und die Liebe der Göttin, und die Mannschaft bleibt ein ganzes Jahr bei ihr in Saus und Braus. Als die Männer schließlich zur Heimkehr drängen, erklärt Kirke, dass Odysseus zuerst in die Unterwelt reisen müsse, um den Schatten des blinden Sehers Teiresias nach dem weiteren Weg zu befragen. Kurz vor der Abreise stirbt der junge Gefährte Elpenor durch einen unglücklichen Sturz vom Dach des Palastes.
Elfter Gesang
Nachdem die Gefährten unter Tränen Abschied von Kirke genommen haben, treibt ein günstiger Nordwind das Schiff an den äußersten Rand des Weltmeeres, in das neblige Land der Kimmerier, wo die Sonne niemals scheint. Dort landet Odysseus und führt ein rituelles Totenopfer durch, wie Kirke es ihm geheißen hatte. Er gräbt eine Grube und gießt Honigmilch, Wein und Wasser als Trankopfer aus, bevor er das Blut zweier schwarzer Schafe in die Grube fließen lässt. Sofort scharen sich unzählige Seelen der Verstorbenen mit schauerlichem Geschrei um das Blut, doch Odysseus muss sie mit seinem Schwert abwehren, damit nur die Richtigen davon trinken können. Zuerst erscheint der Schatten von Elpenor, der noch unbestattet ist und darum bittet, bei der Rückkehr nach Ääa ordentlich begraben zu werden.
Begegnungen im Reich der Schatten
Schließlich erscheint der Seher Teiresias. Nachdem er vom Blut getrunken hat, offenbart er Odysseus seine Zukunft: Der Meergott Poseidon verfolge ihn aus Rache für die Blendung seines Sohnes Polyphemos. Odysseus und seine Männer könnten Ithaka dennoch erreichen, sofern sie die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios auf der Insel Thrinakia unversehrt ließen. Sollten sie die Tiere jedoch schlachten, weissagt Teiresias das Verderben des Schiffes und aller Gefährten; Odysseus werde erst nach langer Zeit, einsam und auf einem fremden Schiff nach Hause kehren, wo er sein Haus voller übermütiger Freier vorfinden werde. Auch gibt er ihm Anweisungen für eine spätere Versöhnungsreise zu Völkern, die das Meer nicht kennen.
Odysseus spricht daraufhin mit dem Schatten seiner Mutter Antikleia, die ihm berichtet, dass sie vor lauter Sehnsucht nach ihm gestorben sei. Sie erzählt ihm von der Treue seiner Frau Penelope und dem Kummer seines Vaters Laertes. Verzweifelt versucht Odysseus, seine Mutter zu umarmen, doch sie entgleitet ihm dreimal wie ein Schatten oder ein Traum. Danach sieht Odysseus eine Prozession berühmter Frauen der Vorzeit, die von ihren Schicksalen und Kindern mit Göttern berichten.
Nach einer kurzen Unterbrechung seiner Erzählung vor den Phäaken berichtet Odysseus von seinen Gesprächen mit verstorbenen Helden. Agamemnon schildert ihm unter Tränen seine bittere Ermordung durch Ägisthos und seine eigene Frau Klytämnestra und warnt Odysseus davor, Frauen jemals ganz zu vertrauen. Achilles hingegen zeigt sich trotz seines Ruhmes tief deprimiert über das Dasein im Totenreich; er würde lieber als ärmster Tagelöhner auf Erden leben als König der Schatten zu sein. Er erkundigt sich jedoch stolz nach den Heldentaten seines Sohnes Neoptolemos. Odysseus begegnet auch dem zürnenden Ajas, der kein Wort mit ihm spricht, da er noch immer über den verlorenen Streit um die Waffen des Achilles beleidigt ist. In der Ferne erblickt Odysseus die Richter der Unterwelt und die Qualen von Sündern wie Tantalos und Sisyphos. Schließlich erscheint das Abbild des Herakles, der Odysseus’ schweres Schicksal mit seinen eigenen Mühen vergleicht. Als sich immer mehr schreiende Geister um ihn drängen, bekommt Odysseus es mit der Angst zu tun und flieht eilig zurück zum Schiff, um das Totenreich zu verlassen.
Zwölfter Gesang
Vom Ozeanstrom kehrt das Schiff zunächst zur Insel Ääa zurück, um den Leichnam Elpenors zu bestatten, wie es sein Schatten gefordert hatte. Die Gefährten verbrennen den Toten mitsamt seiner Rüstung und errichten ihm am Strand ein Grabmal. Kirke empfängt die Männer erneut und bewirtet sie ein letztes Mal. In der Nacht zieht sie Odysseus beiseite und warnt ihn detailliert vor den kommenden Gefahren. Zuerst werden sie die Insel der Sirenen passieren, deren betörender Gesang jeden Seemann in den Tod lockt. Kirke rät, den Gefährten die Ohren mit Wachs zu verschließen; Odysseus selbst könne zwar zuhören, müsse sich aber fest an den Mast binden lassen. Danach stehe die Wahl zwischen den „Irrfelsen“, an denen fast jedes Schiff zerschellt, und einer schmalen Meerenge.
Zwischen zwei Ungeheuern und der Zorn der Sonne
In dieser Enge lauern zwei entsetzliche Ungeheuer: Auf der einen Seite die sechsköpfige Skylla, die in einer Höhle haust und von jedem Schiff sechs Männer raubt, und auf der anderen Seite die Charybdis, die dreimal am Tag das Meerwasser zu einem gewaltigen Strudel einsaugt und wieder ausspeit. Kirke rät Odysseus eindringlich, sich näher an Skyllas Felsen zu halten, da es besser sei, sechs Gefährten zu verlieren als das ganze Schiff im Strudel der Charybdis. Zuletzt warnt sie ihn erneut davor, die Rinder des Helios anzurühren.
Die Reise beginnt, und Odysseus befolgt die Anweisungen für die Sirenen genau. Während er gefesselt am Mast vor Sehnsucht nach den singenden Wesen rast, rudern seine tauben Gefährten sicher vorbei. Vor der Enge von Skylla und Charybdis verschweigt Odysseus seinen Männern das unvermeidliche Opfer der sechs Gefährten, um keine Panik ausbrechen zu lassen. Während alle starr vor Angst auf den tosenden Abgrund der Charybdis blicken, schnappt Skylla von oben herab zu und verschlingt sechs der besten Männer. Odysseus bezeichnet dies als den schrecklichsten Moment seiner gesamten Irrfahrt.
Schließlich erreichen sie Thrinakia, die Insel des Sonnengottes. Odysseus möchte vorbeisegeln, doch Eurylochos und die erschöpften Männer erzwingen eine Landung. Sie schwören zwar feierlich, die heiligen Tiere nicht anzurühren, doch ein ganzer Monat voller Gegenwinde hält sie auf der Insel fest, bis alle Vorräte aufgebraucht sind. Während Odysseus im Inneren der Insel in einen von den Göttern gesandten Schlaf fällt, überredet Eurylochos die hungernden Männer, die besten Rinder zu schlachten und Helios später einen Tempel zu bauen. Der Sonnengott erfährt sofort von dem Frevel und droht Zeus, fortan nur noch in der Unterwelt zu leuchten, wenn die Tat nicht bestraft werde. Zeus verspricht Rache. Als Odysseus erwacht und den Duft des gebratenen Fleisches riecht, erkennt er das drohende Verhängnis. Sobald sie wieder in See stechen, bricht ein gewaltiger Sturm los.
Ein Blitzschlag des Zeus zerschmettert das Schiff. Alle Gefährten ertrinken in den Wellen. Nur Odysseus rettet sich auf zusammengebundene Balken und wird zurück zur Charybdis getrieben, wo er überlebt, indem er sich an den Zweigen eines wilden Feigenbaums festklammert, bis sein Floß wieder ausgespien wird. Nach neun Tagen Treiben auf dem Meer erreicht er schließlich die Insel Ogygia der Nymphe Kalypso. Damit endet Odysseus' Bericht vor den Phäaken.
Dreizehnter Gesang
Odysseus beendet seine lange Erzählung im Palast von Scheria, woraufhin die versammelten Phäaken in ehrfürchtigem Schweigen verharren. König Alkinoos versichert dem Helden, dass ihn nun keine weiteren Irrfahrten mehr von seiner Heimat fernhalten werden. Er fordert die Fürsten auf, Odysseus zusätzliche Geschenke in Form von großen kupfernen Dreifüßen und Becken zu überreichen, für die sich die Geber später beim Volk schadlos halten sollen. Am nächsten Morgen bringen die Phäaken das kostbare Erz zum Schiff, und Alkinoos selbst verstaut die Gaben unter den Bänken, damit sie die Ruderer nicht behindern.
Im Palast wird ein gewaltiger Stier für Zeus geopfert, und das Volk feiert ein prächtiges Abschiedsmahl, bei dem der Sänger Demodokos auftritt. Odysseus jedoch blickt immer wieder ungeduldig zur Sonne und sehnt ihren Untergang herbei, so wie ein erschöpfter Pflüger sich nach dem Abendessen sehnt. Schließlich spricht er den Abschiedsgruß, bittet um einen glücklichen Segen für das Land und besteigt das Schiff. Während die Ruderer kräftig in See stechen, fällt Odysseus in einen tiefen, unbezwingbaren Schlaf, der fast dem Tode gleicht. Das Schiff fliegt förmlich über die Wellen, schneller als ein Habicht, und trägt den weisen Helden sicher über das Meer.
Ankunft auf Ithaka und der Zorn Poseidons
Bei Aufgang des Morgensterns erreichen die Phäaken die Bucht des Meergreises Phorkys auf Ithaka, einen geschützten Hafen, in dem das Wasser stets spiegelglatt ruht. Sie setzen den schlafenden Odysseus mitsamt seinem Lager und seinen Schätzen sanft am Ufer ab, direkt unter einem heiligen Ölbaum. Poseidon jedoch ist erzürnt darüber, dass Odysseus trotz seines Grolles so reich beschenkt und sicher heimgeführt wurde. Mit Zeus' Einverständnis bestraft er die Phäaken: Er verwandelt ihr zurückkehrendes Schiff kurz vor dem Hafen in einen Felsen, der fest am Meeresboden wurzelt. Alkinoos erkennt darin eine alte Prophezeiung seines Vaters und beschließt, künftig keine Fremden mehr über das Meer zu geleiten.
Währenddessen erwacht Odysseus auf Ithaka, erkennt jedoch sein Vaterland nicht, da Athena ihn in dichten Nebel gehüllt hat, um ihn vor Entdeckung zu schützen. Er glaubt sich betrogen und an einem wilden Ort ausgesetzt, woraufhin er verzweifelt seine Schätze zählt. Athena erscheint ihm in der Gestalt eines jungen, vornehmen Hirten. Als Odysseus nach dem Namen des Landes fragt, offenbart sie ihm, dass er sich tatsächlich auf Ithaka befindet. Odysseus verbirgt klug seine Identität und tischt der Göttin eine kunstvolle Lügengeschichte über seine angebliche Herkunft aus Kreta auf. Athena lächelt über seine Verschlagenheit, verwandelt sich in ein schönes Weib und lobt seinen scharfen Verstand. Gemeinsam verstecken sie die phäakischen Reichtümer in einer nahen Grotte und planen die Rache an den Freiern. Athena warnt ihn vor der Gefahr im Palast und verwandelt ihn durch eine Berührung mit ihrem Stab in einen unkenntlichen, alten Bettler mit schrumpfliger Haut und zerlumpten Kleidern. Sie weist ihn an, zuerst den treuen Sauhirten Eumäos aufzusuchen, während sie selbst nach Sparta eilt, um Telemachos heimzurufen.
Vierzehnter Gesang
Odysseus folgt einem rauen Pfad durch das waldige Gebirge zu dem abgelegenen Hof des Sauhirten Eumäos. Dieser gilt als der treueste aller Diener und hat sich auf einem weithin sichtbaren Hügel eigenhändig ein stattliches Gehege für die Schweine errichtet. Bei Odysseus' Ankunft stürzen sich die vier großen, wilden Hunde des Hirten bellend auf den vermeintlichen Bettler. Odysseus setzt sich klugerweise hin und lässt den Stab fallen, doch erst das Eingreifen des herbeieilenden Eumäos, der die Hunde mit Steinen vertreibt, rettet ihn vor einer Verletzung. Der Sauhirt empfängt den Gast mit vorbildlicher Güte, obwohl er selbst in tiefer Trauer um seinen verschollenen Herrn lebt. Er führt Odysseus in seine Hütte, bereitet ihm ein Lager aus weichen Reisern und einem zottigen Wildfell und beklagt dabei das Schicksal des Königs. Eumäos schildert bittere Details über die Freier im Palast, die den Reichtum des Hauses schamlos verschlingen und weder Götter noch Menschen achten. Er berichtet, dass Odysseus' Vater Laertes und seine Frau Penelope den Helden schmerzlich vermissen, er selbst aber überzeugt sei, dass Odysseus längst fern der Heimat umgekommen sei.
Die kretische Erzählung und die Prüfung der Treue
Um den Hirten auf die Probe zu stellen und ihm Hoffnung zu geben, schwört Odysseus als Bettler feierlich, dass der König noch in diesem Monat zurückkehren werde. Er verspricht, erst dann ein neues Gewand als Belohnung anzunehmen, wenn seine Worte wahr geworden sind. Eumäos jedoch bleibt skeptisch, da er bereits zu oft von Landstreichern getäuscht wurde, die der verzweifelten Penelope Lügen über Odysseus erzählten, nur um eine Mahlzeit zu erschleichen. Daraufhin erzählt Odysseus eine lange, erfundene Lebensgeschichte: Er sei ein unehelicher Sohn eines reichen Kreters und habe sich durch Tapferkeit im Krieg Ruhm erworben. Er berichtet von seinen Abenteuern in Ägypten, wo er nach dem Überfall seiner Gefährten auf die Bevölkerung nur knapp dem Tod entgangen und sieben Jahre beim dortigen König gelebt habe. Später sei er nach Phönizien und schließlich nach Libyen verschlagen worden, wo sein Schiff im Sturm untergegangen sei. Bei den Thesproten habe er schließlich von Odysseus gehört, der dort Schätze gesammelt habe und gerade in Dodona den Willen der Götter erforsche. Von dort sei er auf einem Schiff nach Dulichion geschickt, aber von der Mannschaft beraubt und als Sklave gefesselt worden, bevor ihm auf Ithaka die Flucht gelang.
Am Abend kehren die Gehilfen des Hirten mit den Herden zurück, und Eumäos opfert ein prächtiges Mastschwein für den Gast. Bei der Verteilung des Fleisches ehrt er Odysseus mit dem besten Stück, dem unzerschnittenen Rücken. In der folgenden kalten und regnerischen Nacht testet Odysseus die Hilfsbereitschaft des Hirten mit einer Geschichte über eine Begebenheit vor Troja, bei der er durch eine List einen Mantel für die Nacht erhielt. Eumäos durchschaut das Gesuch, leiht dem Gast bereitwillig seinen dicken Wintermantel und begibt sich selbst hinaus in den Sturm, um bei seinen Ebern zu wachen, was Odysseus' Vertrauen in die Treue seines Dieners tief festigt.
Fünfzehnter Gesang
In Sparta erscheint die Göttin Athena dem schlafenden Telemachos und drängt ihn zur sofortigen Heimreise nach Ithaka. Sie warnt ihn davor, dass Penelope von ihrem Vater und ihren Brüdern bereits gedrängt werde, den Freier Eurymachos zu heiraten, und dass wertvolle Güter aus dem Palast verschwinden könnten.
Zudem offenbart sie ihm den tödlichen Hinterhalt der Freier im Sund zwischen Ithaka und Samos und rät ihm, nachts zu segeln und einen Umweg zu machen. Telemachos weckt sogleich Peisistratos, doch dieser überzeugt ihn, den Morgen abzuwarten, um sich gebührend von König Menelaos zu verabschieden. Menelaos zeigt volles Verständnis für den Wunsch nach Heimkehr und bereitet mit Helen und seinem Sohn Megapenthes kostbare Abschiedsgeschenke vor. Der König überreicht einen silbernen Mischkrug mit goldenem Rand, während Helena dem Jüngling ein wunderschönes, selbstgewebtes Gewand für seine zukünftige Braut schenkt. Beim Abschied am Wagen erscheint ein Adler, der eine weiße Gans geraubt hat, als glückbringendes Omen am Himmel. Helena deutet das Zeichen treffend: Wie der Adler aus den Bergen kam, um das zahme Hausgeflügel zu schlagen, so werde Odysseus heimkehren und die Freier vernichten.
Begegnungen und Lebensgeschichten
In Pylos angekommen, bittet Telemachos seinen Freund Peisistratos, ihn direkt zum Schiff zu führen, um eine zeitaufwendige Einladung des alten Königs Nestor zu umgehen. Kurz vor der Abfahrt nähert sich der Seher Theoklymenos, der wegen eines Totschlags aus Argos geflohen ist, und bittet Telemachos um Asyl auf dessen Schiff. Telemachos nimmt den Flüchtling wohlwollend auf, und sie stechen unter einem von Athena gesandten günstigen Wind in See.
Währenddessen auf Ithaka erkundigt sich Odysseus bei Eumäos nach dem Schicksal seiner Eltern. Der Hirte berichtet traurig vom Tod der Königin Antikleia, die vor Sehnsucht nach ihrem Sohn gestorben sei, und vom siechen Zustand des Laertes. Eumäos erzählt zudem auf Odysseus' Bitte hin seine eigene Lebensgeschichte: Er wurde als kleiner Sohn eines Königs auf der fernen Insel Syria geboren und von einer treulosen phönikischen Amme entführt, die ihn gegen die Heimreise mit phönikischen Händlern tauschte. Die Amme starb auf der Überfahrt durch einen Pfeil der Artemis, und Eumäos wurde schließlich auf Ithaka an Laertes verkauft, der ihn wie ein eigenes Kind aufzog. Am nächsten Morgen erreicht Telemachos glücklich die Küste von Ithaka und entgeht dem Hinterhalt der Freier. Ein zweites Omen, ein Falke mit einer Taube, wird von Theoklymenos als Beweis für die dauerhafte Herrschaft des Hauses Odysseus gedeutet. Telemachos vertraut seinen Gast Peiräos an und macht sich allein auf den Weg zur Hütte des treuen Sauhirten Eumäos.
Sechzehnter Gesang
Am frühen Morgen bereiten Eumäos und der als Bettler verkleidete Odysseus das Frühstück in der Waldhütte vor, während die Gehilfen die Schweine auf die Weide treiben. Plötzlich nähert sich Telemachos, wobei die Hunde ihn freudig umwedeln, anstatt zu bellen. Eumäos ist über die Rückkehr des jungen Mannes so erschüttert, dass ihm das Mischgefäß aus der Hand fällt; er begrüßt Telemachos unter Tränen wie einen eigenen Sohn, den er zehn Jahre lang vermisst hat. Im Inneren der Hütte will Odysseus dem Königssohn seinen Platz überlassen, doch Telemachos lehnt bescheiden ab und lässt sich auf einfachen grünen Zweigen nieder. Nachdem sie gemeinsam gegessen haben, erkundigt sich Telemachos nach der Herkunft des fremden Gastes. Eumäos berichtet von der angeblichen kretischen Herkunft des Mannes und bittet Telemachos, sich seiner anzunehmen. Telemachos erklärt jedoch besorgt, dass er den Fremden im Moment nicht im Palast aufnehmen könne, da die gewalttätigen Freier dort das Sagen hätten und er den Gast nicht vor deren Beleidigungen schützen könne. Er verspricht stattdessen, den Mann mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, solange er in der Hütte des Hirten bleibt.
Wiedersehen zwischen Vater und Sohn
Auf Telemachos' Bitte hin begibt sich Eumäos zur Stadt, um Penelope heimlich über die Rückkehr ihres Sohnes zu informieren. Sobald der Hirte fort ist, erscheint die Göttin Athena vor der Hütte und gibt Odysseus ein Zeichen. Sie berührt ihn mit ihrem goldenen Stab, woraufhin seine Lumpen verschwinden und er wieder in seiner vollen königlichen Gestalt und jugendlichen Kraft erscheint. Als er die Hütte wieder betritt, ist Telemachos zutiefst erschrocken und hält den Fremden für eine Gottheit. Odysseus gibt sich jedoch unter Tränen als sein Vater zu erkennen, und beide fallen einander weinend um den Hals. Nachdem sich der erste Sturm der Gefühle gelegt hat, beginnen sie sofort mit der Planung ihrer Rache. Odysseus lässt sich die Anzahl der Gegner genau aufzählen: Es sind insgesamt 108 Freier mit ihren Dienern. Trotz dieser Übermacht vertraut Odysseus auf den Beistand von Zeus und Athena. Er weist Telemachos an, am nächsten Tag in den Palast zurückzukehren und dort zu gegebener Zeit alle Waffen aus dem Festsaal heimlich im Söller zu verstecken. Zudem schärft er seinem Sohn ein, niemandem von seiner Anwesenheit zu erzählen, um die Treue des Gesindes und seiner Frau ungefiltert prüfen zu können.
Währenddessen erreicht das Schiff der Freier, die Telemachos auflauern wollten, den Hafen von Ithaka. Sie sind wütend über ihr Scheitern und beraten im Rat der Stadt über ihr weiteres Vorgehen. Antinoos drängt darauf, Telemachos so schnell wie möglich zu ermorden, doch Amphinomos rät zur Vorsicht und will erst ein Zeichen der Götter abwarten. Penelope, die durch den Herold Medon von den Mordplänen erfahren hat, tritt den Freiern im Saal mutig entgegen und hält Antinoos seine Bosheit vor. Eurymachos versucht sie mit verlogenen Worten zu beruhigen und schwört, dass er Telemachos niemals schaden würde. Am Abend kehrt Eumäos zur Hütte zurück, wo Odysseus von Athena längst wieder in die Gestalt des alten Bettlers verwandelt wurde, damit sein Geheimnis gewahrt bleibt.
Siebzehnter Gesang
Bei Tagesanbruch macht sich Telemachos auf den Weg in die Stadt, nachdem er Eumäos befohlen hat, den Bettler später ebenfalls dorthin zu führen. Im Palast wird er von der alten Eurykleia und seiner Mutter Penelope unter Freudentränen empfangen. Telemachos berichtet Penelope ausführlich von seinen Begegnungen mit Nestor und Menelaos, verschweigt aber die Anwesenheit seines Vaters auf der Insel. Lediglich der Seher Theoklymenos, den Telemachos aus Pylos mitgebracht hat, prophezeit der Königin feierlich, dass Odysseus bereits in Ithaka weile und auf Rache sinne. Kurze Zeit später brechen auch Odysseus und Eumäos zur Stadt auf. Auf dem Weg begegnen sie am öffentlichen Brunnen dem Ziegenhirten Melantheus. Dieser beschimpft den vermeintlichen Bettler aufs Gröbste und versetzt Odysseus sogar einen heftigen Tritt in die Hüfte. Odysseus beherrscht sich mühsam und lässt die Schmähung über sich ergehen, während Eumäos lautstark für die Gerechtigkeit der Götter betet.
Argos und der Empfang im Palast
Als sie die Pforte des Palastes erreichen, liegt dort auf einem Misthaufen der alte Hund Argos, den Odysseus vor zwanzig Jahren selbst aufgezogen hatte. Obwohl der Hund vernachlässigt und dem Tode nahe ist, erkennt er die Stimme seines Herrn sofort; er wedelt schwach mit dem Schwanz und lässt die Ohren hängen. Odysseus ist von diesem Anblick so gerührt, dass er heimlich eine Träne trocknet. Argos stirbt in diesem Moment, nachdem er seinen Herrn nach zwei Jahrzehnten endlich wiedergesehen hat. Im Saal beginnt Odysseus, von Tisch zu Tisch zu gehen und die Freier um Speise zu bitten, um ihre Gesinnung zu prüfen. Athena ermutigt ihn dabei, obwohl sie bereits beschlossen hat, keinen der Frevler zu verschonen. Die meisten Freier geben ihm mitleidig etwas Brot oder Fleisch, doch Antinoos reagiert sofort mit Feindseligkeit. Er schimpft auf Eumäos, weil dieser einen weiteren Bettler herbeigebracht hat, und verweigert jede Gabe.
Als Odysseus Antinoos direkt anspricht und ihn wegen seiner Geizigkeit tadelt, gerät dieser völlig in Zorn. Er schleudert einen Schemel nach Odysseus und trifft ihn hart an der rechten Schulter. Odysseus steht jedoch unerschütterlich wie ein Fels da und bittet die Götter um Rache für diese Misshandlung eines Wehrlosen. Selbst die anderen Freier erschrecken über Antinoos' Maßlosigkeit, da sie fürchten, der Fremde könnte ein verkleideter Gott sein. Penelope hört das Poltern im Saal und lässt den Hirten Eumäos rufen. Sie möchte den Fremden sprechen, in der Hoffnung, Neuigkeiten über Odysseus zu erfahren. Odysseus lässt ihr jedoch ausrichten, dass er erst nach Sonnenuntergang zu ihr kommen werde, wenn die Freier den Saal verlassen haben, um weiteren Zusammenstößen und Gewaltakten aus dem Weg zu gehen. Eumäos kehrt daraufhin auf sein Landgut zurück, während Odysseus als Bettler im Saal bleibt.
Achtzehnter Gesang
Ein stadtbekannter Bettler namens Iros, der für seine Gefräßigkeit berühmt ist, erscheint am Palast und will Odysseus mit Drohungen von der Schwelle vertreiben. Die Freier werden auf den Streit aufmerksam und Antinoos schlägt unter lautem Lachen vor, die beiden Bettler gegeneinander kämpfen zu lassen. Als Preis setzt er einen fetten Ziegenmagen aus der Küche fest. Odysseus lässt sich von den Freiern eidlich zusichern, dass sich niemand in den Kampf einmischen wird. Als er sein Gewand gürtet und seine kräftigen Lenden sowie die breiten Schultern sichtbar werden, die Athena zusätzlich gestärkt hat, verlässt Iros der Mut.
Die Freier müssen den zitternden Mann mit Gewalt zum Kampfplatz zerren. Odysseus entscheidet sich dafür, den Gegner nicht sofort zu töten, um kein zu großes Aufsehen zu erregen. Er versetzt Iros einen Schlag unter das Ohr, der dessen Kiefer zertrümmert, und schleift den blutenden Besiegten am Fuß aus dem Hof. Die Freier sind begeistert und bewirten Odysseus daraufhin mit Wein und Brot. Dem Freier Amphinomos, der sich ihm gegenüber freundlich verhält, gibt Odysseus eine düstere Warnung mit auf den Weg: Er solle den Palast verlassen, da die Rückkehr des Königs und das Verderben der Freier unmittelbar bevorstünden. Doch Amphinomos bleibt, da Athena ihn für Telemachos' Speer bestimmt hat.
Penelopes Erscheinen und die Torheit der Freier
Athena gibt Penelope nun den Einfall, sich den Freiern im Saal zu zeigen, um deren Begehren neu zu entfachen und Odysseus stolz auf seine kluge Frau zu machen. Zuvor versetzt die Göttin sie in einen tiefen Schlaf und verschönert ihr Antlitz mit göttlichem Glanz, sodass sie wie eine Unsterbliche erscheint. Als Penelope mit zwei Dienerinnen den Saal betritt, sind die Freier von ihrer Schönheit wie gelähmt. Sie tadelt Telemachos öffentlich dafür, dass er die Misshandlung des Gastes zugelassen hat. Zu den Freiern spricht sie mit List: Sie erinnert sie daran, dass es Sitte sei, einer begehrten Frau Geschenke zu bringen, anstatt ihren Besitz aufzuzehren. Odysseus freut sich im Stillen über diese Verschlagenheit. Die Freier schicken daraufhin ihre Diener aus, um kostbare Kleinode, Gewänder und Schmuck als Gaben herbeizuholen.
Nachdem Penelope sich wieder in ihre Gemächer zurückgezogen hat, wird die Stimmung im Saal erneut aggressiv. Die Magd Melantho, die ein Verhältnis mit dem Freier Eurymachos hat, beleidigt Odysseus mit scharfen Worten. Odysseus droht ihr, sein Wissen über ihre Untreue Telemachos zu offenbaren, woraufhin die Mägde verängstigt fliehen. Dann provoziert Eurymachos den Helden, indem er seine Glatze verspottet und ihm vorwirft, lieber zu betteln als ehrlich zu arbeiten. Odysseus entgegnet ruhig, dass er Eurymachos bei jeder Arbeit auf dem Feld oder im Kampf besiegen würde. Rasend vor Zorn schleudert Eurymachos einen Schemel nach ihm, doch Odysseus duckt sich geschickt hinter die Knie des Amphinomos. Der Schemel trifft einen Schenken, und im Saal bricht neues Chaos aus. Schließlich ist es Telemachos, der die hitzigen Gemüter mit Entschiedenheit zur Ordnung ruft. Auf Anraten des Amphinomos bringen die Freier noch ein letztes Trankopfer dar und verlassen dann den Palast, um in ihren eigenen Häusern zu schlafen.
Neunzehnter Gesang
Nachdem die Freier den Saal verlassen haben, beginnen Odysseus und Telemachos mit der Umsetzung ihres Racheplans. Auf Anweisung seines Vaters schafft Telemachos sämtliche Waffen und Schilde aus dem Festsaal in eine obere Kammer. Die Göttin Athena unterstützt sie dabei unsichtbar und leuchtet ihnen mit einer goldenen Lampe den Weg, was Telemachos in tiefes Erstaunen versetzt. Odysseus rät seinem Sohn, keine weiteren Fragen zu stellen und sich schlafen zu legen, während er selbst im Saal zurückbleibt, um die Mägde und seine Frau Penelope auf die Probe zu stellen. Als die Mägde den Saal reinigen, wird Odysseus erneut von Melantho beschimpft. Er warnt sie eindringlich davor, dass ihre Schönheit vergehen könne und dass Odysseus vielleicht bald heimkehre; auch Penelope weist die Magd scharf zurecht und erinnert sie an ihre ungebührliche Frechheit.
Das Gespräch der Königin mit dem Bettler
Penelope lässt sich auf einem kunstvollen Sessel am Feuer nieder und beginnt ein langes Gespräch mit dem vermeintlichen Bettler. Sie klagt ihm ihr Leid über die aufdringlichen Freier und berichtet von ihrer List mit dem Webe-Gewand für Laertes, durch die sie die Hochzeit drei Jahre lang hinauszögern konnte, bis sie von treulosen Mägden verraten wurde. Odysseus tischt ihr daraufhin eine erfundene Geschichte über seine Herkunft aus Kreta auf. Er behauptet, ein Bruder des Königs Idomeneus zu sein und Odysseus einst bei sich bewirtet zu haben. Um seine Glaubwürdigkeit zu beweisen, beschreibt er mit verblüffender Genauigkeit die Kleidung des Helden: einen purpurnen, gefütterten Mantel mit einer goldenen Spange, die einen Hund und ein Reh zeigt, sowie ein feines, glänzendes Untergewand. Penelope ist von dieser Schilderung zu Tränen gerührt. Er versichert ihr feierlich, dass ihr Gatte noch in diesem Monat nach Hause zurückkehren werde.
Die Königin ordnet an, dass der Gast gebadet und verpflegt werden soll. Odysseus lehnt jedoch junge Mägde ab und bittet darum, dass nur die alte, verständige Pflegerin Eurykleia ihm die Füße wasche. Als die alte Frau die Füße berührt, erkennt sie sofort eine markante Narbe an seinem Knie. Diese Verletzung hatte Odysseus einst als Jüngling bei einer Eberjagd am Parnassos im Wald seines Großvaters Autolykos erlitten. Eurykleia lässt vor Schreck den Fuß in die Wanne fallen, sodass das Wasser ausläuft. Sie will Penelope die Nachricht zurufen, doch Odysseus packt sie an der Gurgel und befiehlt ihr Schweigen, um den Plan nicht zu gefährden. Schließlich vertraut Penelope dem Fremden einen Traum von einem Adler an, der ihre Gänse tötet, und erklärt ihren Entschluss, am nächsten Tag einen Wettkampf mit Odysseus’ altem Bogen zu veranstalten. Wer den Bogen spannen und einen Pfeil durch zwölf Äxte schießen könne, den wolle sie heiraten. Odysseus bestärkt sie in diesem Plan und versichert ihr, dass ihr Gatte noch vor dem Ende des Wettkampfes erscheinen werde.
Zwanzigster Gesang
Odysseus findet keinen ruhigen Schlaf; er lagert sich im Vorsaal auf einer Stierhaut und deckt sich mit Schafsfellen zu. Er beobachtet voller Zorn, wie sich einige der Mägde heimlich zu den Freiern schleichen, und muss sein aufgebrachtes Herz mühsam zur Geduld mahnen. Athena erscheint ihm in weiblicher Gestalt, nimmt ihm seine Sorgen um den Kampf gegen die Übermacht und lässt ihn schließlich einschlafen. Währenddessen erwacht Penelope in ihren Gemächern und bittet Artemis unter Tränen um den Tod, da sie die Sehnsucht nach ihrem Mann und die drohende neue Ehe nicht mehr ertragen kann. Odysseus hört ihr Wehklagen im Morgengrauen und bittet Zeus um ein göttliches Zeichen für seine bevorstehende Rache. Zeus antwortet sofort mit einem Donnerschlag aus heiterem Himmel, und Odysseus vernimmt zudem das Gebet einer schwachen Müllerin, die den Gott bittet, dies möge der letzte Tag der Freier sein.
Neue Verbündete und alte Feinde
Am Morgen beginnt das geschäftige Treiben im Palast für das Fest des Neumondes. Telemachos erkundigt sich nach dem Wohlergehen des Gastes, während Eurykleia die Mägde zur Reinigung des Saales antreibt. Nacheinander treffen die Hirten ein: Zuerst kommt Eumäos mit den besten Schweinen, gefolgt vom boshaften Ziegenhirten Melantheus, der Odysseus erneut beleidigt und ihn aus dem Haus treiben will. Als Dritter erscheint der Rinderhirt Philötios. Dieser zeigt sich tief bewegt von der Erscheinung des Bettlers, der ihn an seinen verschollenen Herrn erinnert. In einem vertraulichen Gespräch offenbart Philötios seine ungebrochene Treue zu Odysseus und seine Verachtung für die Freier. Odysseus erkennt in ihm einen wertvollen Verbündeten und schwört ihm, dass der König bald zurückkehren werde, um die Eindringlinge zu bestrafen.
Die Freier beraten derweil erneut über die Ermordung von Telemachos, werden jedoch durch ein unheilvolles Zeichen am Himmel – einen Adler mit einer bebenden Taube – eingeschüchtert und beschließen, sich stattdessen dem Mahl zuzuwenden. Telemachos weist dem als Bettler verkleideten Odysseus einen Platz an der Schwelle zu und fordert die Freier auf, jede Beleidigung des Gastes zu unterlassen. Athena sorgt jedoch dafür, dass der Hohn der Freier nicht abreißt, um Odysseus’ Zorn weiter zu schüren. Ein besonders übermütiger Freier namens Ktesippos verspottet den Gast und schleudert einen Kuhfuß nach ihm, doch Odysseus weicht geschickt aus. Telemachos weist Ktesippos mit harter Stimme zurecht und droht ihm mit dem Tod. Plötzlich versetzt Athena die Freier in einen Zustand wahnsinnigen Gelächters; ihr Fleisch erscheint blutig, und der Seher Theoklymenos hat eine schreckliche Vision von Blut an den Wänden und Schatten, die in die Unterwelt eilen. Die Freier verspotten den Seher als geisteskrank, woraufhin dieser den Saal verlässt und prophezeit, dass keiner von ihnen dem drohenden Unheil entkommen werde.
Einundzwanzigster Gesang
Athena gibt Penelope den Gedanken ein, nun den Bogenkampf als Entscheidung herbeizuführen. Die Königin begibt sich in die entlegene Schatzkammer des Palastes und holt den mächtigen, krummen Bogen hervor, den Odysseus einst als Gastgeschenk von Iphitos in Messene erhalten hatte. Sie trägt die Waffe und den mit Pfeilen gefüllten Köcher in den Festsaal, während ihre Mägde eine Kiste mit eisernen Äxten herbeibringen. Vor den versammelten Freiern erklärt sie die Bedingungen des Wettkampfes: Wer den Bogen am leichtesten spannen und einen Pfeil durch die Ringe von zwölf hintereinander aufgestellten Äxten schießen könne, dem werde sie in die Ehe folgen. Beim Anblick der Waffe ihres Herrn brechen Eumäos und Philötios in Tränen aus, wofür sie von Antinoos hart gescholten werden.
Die Prüfung des Bogens
Telemachos fordert die Freier auf, nicht länger zu zögern, und versucht als Erster sein Glück, um seine eigene Stärke zu beweisen. Dreimal versucht er unter großer Anstrengung, die Sehne auf den Bogen zu ziehen, und beim vierten Mal scheint es ihm fast zu gelingen, doch ein warnender Blick seines Vaters lässt ihn innehalten. Er gibt vor, zu schwach zu sein, und fordert die anderen auf, es zu versuchen. Nacheinander treten die Freier an, beginnend mit dem Opferpriester Leiodes, doch keiner besitzt die nötige Kraft in den Händen. Selbst als sie den Bogen am Feuer erwärmen und mit Fett einreiben, bleibt er unbezwingbar. Währenddessen schleicht Odysseus aus dem Saal und gibt sich Eumäos und Philötios zu erkennen, indem er ihnen die Narbe an seinem Bein zeigt. Unter Freudentränen versprechen sie ihm ihren Beistand. Er gibt ihnen genaue Anweisungen: Eumäos soll ihm den Bogen im entscheidenden Moment in die Hand geben, und Philötios soll die Tore des Hofes fest verriegeln.
Zurück im Saal scheitert auch Eurymachos kläglich am Bogen, was ihn zutiefst beschämt. Antinoos schlägt vor, den Wettkampf auf den nächsten Tag zu verschieben, da heute ein Festtag des Bogengottes Apollon sei. In diesem Moment bittet Odysseus, als Bettler getarnt, darum, seine alte Kraft am Bogen versuchen zu dürfen. Die Freier reagieren wütend und voller Angst vor einer Blamage, doch Penelope und Telemachos setzen durch, dass der Gast teilnehmen darf. Telemachos schickt seine Mutter schließlich in ihre Gemächer, um sie vor dem kommenden Blutbad zu schützen.
Nachdem Eumäos den Bogen trotz des Spotts der Freier zu Odysseus gebracht hat, prüft dieser das Holz sorgfältig auf Wurmfrass. Mit der Leichtigkeit eines Sängers, der eine neue Saite auf seine Harfe zieht, spannt er den Bogen und lässt die Sehne hell erklingen. Ein Donnerschlag von Zeus verkündet das nahende Gericht. Ohne aufzustehen, legt Odysseus den Pfeil an und schießt ihn zielsicher durch alle zwölf Axtringe. Er gibt Telemachos ein Zeichen, und der Jüngling stellt sich mit Schwert und Lanze kampfbereit an die Seite seines Vaters.
Zweiundzwanzigster Gesang
Odysseus wirft seine Bettlerlumpen ab, springt auf die hohe Schwelle und schüttet die Pfeile vor sich auf den Boden. Als Erstes zielt er auf Antinoos, den Anführer der Freier, und schießt ihm einen Pfeil mitten durch die Gurgel, während dieser gerade trinken will. Die anderen Freier springen entsetzt auf und suchen vergeblich nach Waffen an den Wänden, da Telemachos diese zuvor versteckt hat. Odysseus gibt sich ihnen nun in seinem Zorn zu erkennen und kündigt ihnen allen den Tod an, woraufhin die Männer von nackter Angst ergriffen werden. Eurymachos versucht noch vergeblich, die Schuld auf den toten Antinoos zu schieben und bietet Entschädigung an, doch Odysseus bleibt unerbittlich. Daraufhin versucht Eurymachos einen Angriff und wird als Nächster von einem Pfeil tödlich getroffen. Auch Amphinomos fällt, als Telemachos ihn mit der Lanze durchbohrt. Telemachos eilt nun in die obere Kammer, um Rüstungen, Schilde und Lanzen für seinen Vater, sich selbst und die beiden treuen Hirten Eumäos und Philötios zu holen. In der Zwischenzeit versucht der verräterische Ziegenhirt Melanthios, Waffen für die Freier zu beschaffen, wird aber von den beiden Hirten im Söller überrascht, überwältigt und dort hart gefesselt zurückgelassen.
Der Kampf im Saal und das Ende der Verräter
Athena erscheint im Saal in der Gestalt von Mentor und stachelt Odysseus' Mut mit harten Worten an, bevor sie sich als Schwalbe auf den Dachbalken zurückzieht. Die verbliebenen Freier versuchen nun, ihre Lanzen gemeinsam auf Odysseus zu werfen, doch Athena lässt alle ihre Würfe fehlgehen. Im Gegenzug töten Odysseus und seine Gefährten mit jedem Wurf einen weiteren Gegner, bis im Saal ein entsetzliches Gemetzel herrscht. Der Priester Leiodes fleht um sein Leben, wird aber von Odysseus ohne Gnade erschlagen, da er den Freiern als Wahrsager gedient hat. Nur der Sänger Phemios und der Herold Medon werden auf Telemachos' Fürbitte hin verschont, da sie nur unter Zwang im Haus geblieben waren. Odysseus lässt schließlich die alte Eurykleia rufen, die beim Anblick der Leichen triumphieren will, was er ihr jedoch mit dem Hinweis untersagt, dass man über Erschlagene nicht frohlocken darf. Die zwölf untreuen Mägde müssen daraufhin den blutigen Saal reinigen und die Toten hinaustragen, bevor sie im Hof durch Erhängen hingerichtet werden. Auch Melanthios erleidet eine grausame Bestrafung und wird getötet. Nachdem das Haus mit Schwefel rituell gereinigt ist, empfängt Odysseus unter Tränen die Begrüßung der treu gebliebenen Mägde.
Dreiundzwanzigster Gesang
Eurykleia eilt freudig in den Söller, um Penelope zu wecken und ihr die Nachricht von Odysseus' Rückkehr und dem Tod der Freier zu bringen. Penelope glaubt der Alten zunächst nicht und vermutet, dass sie den Verstand verloren hat oder ein Gott die Männer zur Strafe getötet habe. Erst als Eurykleia von der Narbe am Knie berichtet, die sie beim Waschen entdeckt hat, lässt sich die Königin überzeugen, hinunterzugehen. Im Saal sitzt sie Odysseus lange schweigend gegenüber, hin- und hergerissen zwischen Zweifel und Hoffnung, da er immer noch in den Lumpen eines Bettlers vor ihr sitzt. Telemachos wirft seiner Mutter daraufhin ihre Härte und Gefühlskälte vor, doch Odysseus bittet um Geduld, da Penelope ihn erst prüfen müsse. Um den Aufruhr in der Stadt wegen des Mordes an den Adligen hinauszuzögern, ordnet Odysseus an, dass im Palast ein lautes Festmahl mit Musik und Tanz gefeiert werden soll. Die Vorübergehenden glauben nun, Penelope feiere endlich ihre Hochzeit, während Odysseus sich im Bad reinigt und von Athena erneut verschönert wird.
Die Probe des Bettes und die Versöhnung
Als Odysseus wieder vor Penelope tritt, bleibt sie jedoch vorsichtig und stellt ihn auf eine letzte, entscheidende Probe. Sie befiehlt Eurykleia, sein prächtiges Ehebett aus der Kammer hinauszutragen, worüber Odysseus in heftigen Zorn gerät. Er erklärt ihr aufgebracht, dass kein Sterblicher dieses Bett bewegen könne, da er es selbst um einen lebenden Ölbaum herum gebaut habe, der fest im Boden verwurzelt sei. In diesem Moment erkennt Penelope endgültig die Wahrheit, da nur sie und ihr Gatte dieses Geheimnis kennen, und sie fällt ihm weinend um den Hals. Beide lassen ihrem Schmerz und ihrer Freude freien Lauf, und Athena verlängert sogar die Nacht, damit sie Zeit für ihre Wiedervereinigung haben. Bevor sie einschlafen, berichten sie einander ausführlich von den Leiden und Entbehrungen der vergangenen zwanzig Jahre. Odysseus erzählt von seinen langen Irrfahrten, von den Ungeheuern und seinem Aufenthalt bei den Göttinnen, während Penelope die Qualen durch die Freier schildert. Am nächsten Morgen rüstet sich Odysseus erneut zum Kampf und befiehlt seiner Frau, sich mit den Mägden in der oberen Kammer einzuschließen. Er macht sich mit Telemachos und den treuen Hirten auf den Weg zum Landgut seines Vaters Laertes, während Athena sie schützend in Nebel hüllt.
Vierundzwanzigster Gesang
Der Götterbote Hermes führt die Seelen der erschlagenen Freier hinab in das Totenreich, wobei sie wie aufgeschreckte Fledermäuse schrill schreien. Auf der Asphodeloswiese begegnen sie den Schatten der großen Helden Agamemnon und Achilles, die sich gerade über ihre eigenen Schicksale unterhalten.
Agamemnon schildert ausführlich das prächtige Begräbnis des Achilles vor Troja und beklagt im Gegensatz dazu seine eigene schändliche Ermordung durch Ägisthos. Einer der Freier berichtet den erstaunten Helden nun von dem Gemetzel in Ithaka und wie Penelope sie jahrelang mit der List des Leichentuchs getäuscht habe. Agamemnon preist daraufhin lautstark die Treue Penelopes und die Klugheit des Odysseus, deren Ruhm unvergänglich sein werde. Währenddessen erreicht Odysseus das Landgut seines Vaters Laertes, den er völlig vernachlässigt und in ärmlicher Kleidung bei der Gartenarbeit vorfindet. Um den alten Mann zu schonen, gibt er sich nicht sofort zu erkennen, sondern tischt ihm zunächst eine erfundene Geschichte über eine angetroffene Gastfreundschaft mit Odysseus auf.
Die letzte Schlacht und der ewige Friede
Als Laertes bei der Erwähnung seines Sohnes vor Gram laut aufschreit und sich Staub über das Haupt streut, kann Odysseus sich nicht länger beherrschen. Er umarmt seinen Vater, zeigt ihm die Narbe und zählt ihm zum Beweis die Bäume auf, die Laertes ihm einst als Kind geschenkt hatte. Der Greis sinkt vor Glück in Ohnmacht, wird aber schnell wieder kräftig und von Athena zusätzlich mit göttlicher Stärke und Hoheit ausgestattet. Gemeinsam mit dem alten Diener Dolios und dessen Söhnen nehmen sie im Haus ein freudiges Mahl ein. Doch die Kunde vom Tod der Freier hat sich bereits in der Stadt verbreitet, und Eupeithes, der Vater des Antinoos, stachelt das Volk zur Rache an Odysseus auf. Trotz der Warnungen des Sehers Halitherses zieht eine bewaffnete Menge zum Landgut hinaus. Auf dem Olymp beraten derweil die Götter; Zeus beschließt, dass nun Friede in Ithaka herrschen soll. Als die Feinde herannahen, waffnen sich Odysseus und seine kleine Gruppe mutig. Inspiriert von Athena schleudert der alte Laertes seine Lanze und tötet Eupeithes, woraufhin Odysseus und Telemachos die anderen Angreifer in die Flucht schlagen. Athena greift schließlich mit mächtiger Stimme ein und gebietet dem Morden Einhalt. Odysseus will die Fliehenden zunächst verfolgen, wird aber durch einen Blitzschlag des Zeus und eine Mahnung Athenas gestoppt. Schließlich stiftet die Göttin in Mentors Gestalt einen dauerhaften Frieden zwischen dem König und seinem Volk.
Interpretation und Einordnung der „Odyssee“ von Homer
Die Odyssee von Homer ist weit mehr als ein Abenteuerbericht über einen listenreichen Helden. In ihrem Kern verhandelt sie grundlegende Fragen menschlicher Existenz: Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Was hält Ordnung in einer Welt voller Gefahren? Die thematische Tiefe des Epos erklärt, warum es bis heute gelesen, interpretiert und neu gedeutet wird.
Heimkehr (Nostos): Das Ziel hinter allen Prüfungen
Die Heimkehr ist das strukturelle und emotionale Zentrum der Odyssee. Odysseus kämpft nicht um neue Reiche, Ruhm oder Macht, sondern um die Rückkehr nach Ithaka. Dieses Motiv des Nostos ist mehr als geografisch. Heimkehr bedeutet Wiederherstellung von Identität, sozialer Ordnung und persönlicher Würde.
Dabei wird Heimat nicht romantisiert. Ithaka ist kein Ort des Friedens, sondern ein Raum, der verteidigt und neu geordnet werden muss. Heimkehr ist Arbeit, nicht Belohnung. Gerade darin liegt die moderne Kraft des Motivs: Ankommen heißt nicht, dass alles gut ist – sondern dass Verantwortung beginnt.
Identität und Selbstbehauptung: Wer ist Odysseus?
Odysseus ist kein Held der Eindeutigkeit. Er wechselt Namen, Rollen und Masken. Er ist König, Bettler, Erzähler, Lügner, Krieger. Seine Identität ist nicht statisch, sondern situationsabhängig. Gerade diese Wandlungsfähigkeit sichert sein Überleben.
Selbstbehauptung geschieht hier nicht durch rohe Stärke, sondern durch Intelligenz, Sprache und Anpassung. Die berühmte List gegenüber Polyphem zeigt das exemplarisch: Odysseus überlebt, weil er seine Identität zeitweise aufgibt. Das Epos stellt damit eine unbequeme Frage: Ist Treue zu sich selbst immer eine Tugend – oder manchmal ein Luxus?
Treue und Loyalität: Penelope als moralisches Zentrum
Während Odysseus sich wandelt, bleibt Penelope standhaft. Ihre Treue ist kein passives Warten, sondern aktiver Widerstand. Sie täuscht, verzögert, prüft – und bewahrt so die Ordnung Ithakas. Loyalität erscheint hier nicht als romantische Selbstaufgabe, sondern als kluge Strategie.
Auch Telemachs Entwicklung ist Teil dieses Themas. Loyalität muss gelernt werden: gegenüber dem Vater, dem Haus, der eigenen Rolle. Die Odyssee zeigt, dass Treue kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung, die über Jahre hinweg immer wieder neu getroffen wird.
Ordnung vs. Chaos: Das fragile Gleichgewicht der Welt
Fast jede Episode der Odyssee ist ein Zusammenstoß von Ordnung und Chaos. Die Welt außerhalb Ithakas ist geprägt von Maßlosigkeit, Gewalt, Verführung und Regelbruch. Zyklopen, Sirenen und Freier verkörpern jeweils unterschiedliche Formen des Chaos.
Ordnung entsteht dort, wo Regeln gelten: Gastfreundschaft, Maß, Anerkennung von Grenzen. Odysseus’ Rückkehr ist daher kein privates Glück, sondern ein politischer Akt. Mit der Wiederherstellung der Ordnung wird die Gemeinschaft gerettet. Gewalt ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts.
Menschliches Maß (Hybris): Die Grenze des Erlaubten
Hybris ist eines der zentralen Warnmotive des Epos. Odysseus scheitert immer dann, wenn er sich überhebt – etwa wenn er Polyphem seinen Namen preisgibt. Klugheit schlägt in Eitelkeit um, und Eitelkeit ruft Strafe hervor.
Die Odyssee vertritt ein klares Weltbild: Der Mensch darf klug sein, mutig, listig – aber nie maßlos. Erfolg ohne Maß führt nicht zur Freiheit, sondern zu neuer Abhängigkeit. Diese Ethik wirkt streng, aber konsequent und bildet das moralische Rückgrat des Epos.
Zeit, Geduld und Ausdauer: Der lange Weg nach Hause
Zehn Jahre Irrfahrt sind kein Zufall, sondern Programm. Die Odyssee ist ein Gegenentwurf zur schnellen Lösung. Geduld wird zur Tugend, Ausdauer zur Voraussetzung von Reife. Odysseus lernt, nicht jede Gelegenheit zu nutzen, nicht jede Versuchung anzunehmen.
Zeit ist im Epos ein Prüfstein des Charakters. Wer durchhält, wächst. Wer abkürzt, scheitert. Diese Langsamkeit macht die Odyssee für moderne Leser unbequem – und gerade deshalb wertvoll.
Macht der Erzählung und Täuschung: Sprache als Überlebensmittel
Odysseus überlebt nicht zuletzt, weil er erzählen kann. Seine Geschichten retten ihn bei den Phaiaken, täuschen seine Feinde und sichern ihm Zeit. Sprache ist in der Odyssee kein Schmuck, sondern Machtinstrument.
Das Epos reflektiert damit sich selbst: Die Odyssee ist eine Geschichte über das Erzählen von Geschichten. Wahrheit und Lüge sind nicht moralisch eindeutig getrennt, sondern funktional. Entscheidend ist nicht, ob etwas wahr ist, sondern ob es Ordnung schafft oder zerstört.
Die Odyssee ist kein nostalgisches Heldenepos, sondern eine nüchterne Analyse menschlicher Existenz. Sie zeigt, dass Leben ein permanenter Balanceakt ist: zwischen Anpassung und Treue, Klugheit und Maß, Geduld und Handlung. Genau darin liegt ihre ungebrochene Aktualität.
Menschenbild in der Odyssee - der Mensch zwischen Schicksal und Freiheit
Die Odyssee zeichnet ein komplexes Bild vom Menschen. Odysseus ist kein übermenschlicher Held wie später in der Literatur üblich, sondern ein Mensch mit Stärken, Schwächen und Fehlern. Entscheidungen, List und Mut prägen ihn, aber er bleibt den Kräften des Schicksals ausgesetzt. Das Epos vermittelt, dass das menschliche Leben ein ständiger Balanceakt ist: zwischen Eigeninitiative und den Grenzen, die das Schicksal setzt.
Verhältnis Mensch - Schicksal: Einfluss und Grenzen
Schicksal ist in der Odyssee keine abstrakte Macht, sondern ein spürbares, manchmal unerbittliches Gesetz. Odysseus’ Irrfahrten zeigen, dass Menschen planen und handeln können, dass jedoch äußere Kräfte oft den Verlauf bestimmen. Schicksal wirkt dabei nicht ausschließlich negativ: Es fordert, formt und bringt Entwicklung. Die menschliche Aufgabe besteht darin, innerhalb dieser Grenzen zu handeln und seinen Weg zu finden – die Odyssee vermittelt ein Bewusstsein für Eigenverantwortung trotz äußerer Mächte.
Die Rolle der Götter im Leben der Menschen
Götter sind aktiv in das menschliche Geschehen eingebunden. Athene unterstützt, Poseidon behindert, Zeus sorgt für Balance. Diese göttliche Intervention erscheint willkürlich, doch sie dient als Spiegel für menschliche Tugenden und Fehler. Odysseus’ Erfolg ist nicht nur Ergebnis seiner Klugheit, sondern auch der Gunst der Götter. Gleichzeitig zeigt das Epos, dass menschliches Handeln zählen muss: Götter beeinflussen, aber entscheiden nicht vollständig.
Verantwortung vs. göttliche Willkür: ein Spannungsfeld
Odysseus’ Handeln illustriert die Spannung zwischen Eigenverantwortung und göttlicher Willkür. Er kann Listen schmieden, Fehler vermeiden und Prüfungen bestehen, aber er muss die Folgen göttlicher Eingriffe akzeptieren. Das Menschenbild der Odyssee betont: Verantwortung für die eigenen Taten bleibt beim Menschen, auch wenn höhere Mächte das Ergebnis beeinflussen. Diese Balance macht die Charaktere glaubwürdig und das Werk zeitlos.
Ehre, Ruhm und moralische Maßstäbe
Ehre (kleos) und Ruhm bestimmen die sozialen Maßstäbe der Epoche. Heldentaten sichern nicht nur das Überleben, sondern auch Anerkennung und gesellschaftliche Position. Moralische Regeln sind an soziale und religiöse Normen gebunden: Gastfreundschaft, Treue, Mäßigung. Odysseus’ Entscheidungen werden daran gemessen, wie sie Ehre, Ordnung und Gemeinschaft fördern. Das Epos vermittelt damit ein Weltverständnis, in dem menschliche Werte, göttliche Macht und soziale Verantwortung untrennbar verbunden sind.
Das Menschenbild der Odyssee ist nuanciert: der Mensch ist aktiv, lernfähig und moralisch verantwortlich, gleichzeitig aber nie frei von Schicksal oder göttlichem Einfluss. Ehre, Pflicht und Mäßigung prägen das Handeln, List und Klugheit sichern das Überleben. Homer entwirft damit ein Weltverständnis, das menschliches Handeln, göttliche Macht und moralische Normen in einem komplexen Geflecht zeigt – eine Perspektive, die auch heutigen Lesern Reflexion über Verantwortung, Ethik und Grenzen menschlicher Handlung nahelegt.
Symbolik und Motive in der Homerischen Odyssee
Im letzten Abschnitt gehe ich auf fünf Symboliken und Motive in Homers Odyssee ein.
Reise als Lebensmetapher
Die Odyssee schildert die Heimkehr des Odysseus als eine mühsame Laufbahn, die weit über eine bloße geografische Rückkehr hinausgeht. Der Held wird als ein vielgewanderter Mann eingeführt, der unzählige Leiden erduldet, um seine Seele und das Leben seiner Gefährten zu retten. Seine Reise ist geprägt von einer tiefen Sehnsucht nach der Heimat, die so stark ist, dass er sogar den Rauch Ithakas der Unsterblichkeit bei der Nymphe Kalypso vorzieht. Auf seinem Weg durchwandert er viele Städte und lernt verschiedene Sitten kennen, was seine persönliche Entwicklung und Reifung symbolisiert. Die Reise endet erst mit der Wiederherstellung der göttlichen Ordnung in seinem Haus und der Aussicht auf ein friedliches Alter fernab des Meeres. Somit versinnbildlicht die Irrfahrt den menschlichen Lebensweg mit all seinen Hindernissen, Versuchungen und der stetigen Suche nach Identität.
Maskierung und Verstellung
Ein wesentliches Element der Erzählung ist die bewusste Verstellung, die Odysseus als strategisches Mittel zum Überleben einsetzt. Athena unterstützt ihn dabei, indem sie ihn in einen hässlichen, alten Bettler verwandelt, damit er die Verhältnisse in seinem Palast unerkannt prüfen kann. Diese Maskierung ermöglicht es ihm, die Treue seiner Diener und die Schamlosigkeit der Freier auf die Probe zu stellen, ohne seine wahre Identität vorzeitig preiszugeben. Auch gegenüber dem Kyklopen Polyphemos nutzt er die List der sprachlichen Verstellung, indem er sich als „Niemand“ ausgibt, was ihm letztlich die Flucht ermöglicht. Selbst die Götter nutzen regelmäßig Masken; so erscheint Athena Telemachos und Odysseus in wechselnden Gestalten wie Mentes, Mentor oder einem jungen Hirten. Die Fähigkeit zur Täuschung wird im Epos als ein Zeichen höchster Intelligenz und göttlicher Gunst gewertet.
Prüfung und Bewährung
Nahezu jede Station der Irrfahrt stellt eine Prüfung dar, bei der sich Odysseus und seine Gefährten moralisch oder physisch bewähren müssen. Während Odysseus den Verlockungen der Sirenen durch Standhaftigkeit trotzt, scheitern seine Gefährten an der Prüfung durch die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios. Diese mangelnde Selbstbeherrschung führt letztlich zu ihrem Untergang, da sie die Gebote der Götter missachten. Die ultimative Bewährung findet jedoch in Ithaka statt, wo Odysseus im Bogenkampf seine physische Überlegenheit und seinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron beweist. Penelope unterzieht ihren Gatten zudem einer finalen emotionalen Prüfung, indem sie das Geheimnis ihres gemeinsamen Ehebettes anspricht, das nur der wahre Odysseus kennen kann. Jede bestandene Prüfung festigt Odysseus' Status als Held und legitimiert seine Rückkehr in die soziale Ordnung.
Gastfreundschaft
Das Motiv der Gastfreundschaft fungiert als zentraler moralischer Kompass und unterscheidet zivilisierte Völker von gotteslästerlichen Barbaren. Zeus selbst gilt als Schutzherr der Fremden, und die Verletzung des Gastrechts wird im Epos konsequent bestraft. Während Nestor in Pylos und Menelaos in Sparta die Gäste mit vorbildlicher Güte und reichen Geschenken empfangen, markiert das Verhalten der Freier den Gipfel der Gottlosigkeit. Sie missbrauchen das Haus des abwesenden Königs, verschwenden dessen Güter und beleidigen den verkleideten Odysseus, anstatt ihn zu ehren. Der Zyklop Polyphemos treibt die Perversion der Xenia auf die Spitze, indem er seine Gäste als Mahlzeit betrachtet, was schließlich zu seiner Blendung führt. Die Phäaken hingegen stellen das Ideal der Gastfreundschaft dar, indem sie Odysseus nach einer prächtigen Bewirtung sicher in seine Heimat geleiten.
Meer als Chaos- und Übergangsraum
Das Meer ist das Herrschaftsgebiet des Poseidon und wird als ein Ort ständiger Gefahr und unvorhersehbarer Zerstörung dargestellt. Es bildet den chaotischen Raum zwischen der vertrauten Welt der Menschen und den mythischen Grenzreichen wie dem Totenreich oder der Insel der Kirke. Auf dem Wasser ist Odysseus den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, was seine totale Abhängigkeit vom Willen der Götter verdeutlicht. Das Meer fungiert als Raum der Transformation, in dem Odysseus sukzessive all seinen Besitz, seine Gefährten und schließlich sein Floß verliert. Er muss das flüssige Chaos buchstäblich nackt durchqueren, um an der Küste der Phäaken als „hilfeflehender Fremdling“ wiedergeboren zu werden. Erst durch das Verlassen dieses gefährlichen Übergangsraums kann er die feste Ordnung seines rechtmäßigen Eigentums in Ithaka wiedererlangen