Was ist ein ETF, was sind seine Vorteile? Und was ist passives Investieren?

„ETF“ steht für „Exchange Traded Fund“, es ist also ein börsengehandelter Fonds: Man kann ihn wie andere Wertpapiere an der Börse kaufen und verkaufen, nach einem extra für ETFs entwickelten Prozess.

ETFs sind in der Regel Indexfonds, das heißt, sie bilden die Entwicklung eines jeweils definierten Index ab, statt einzelne Wertpapiere wie z. B. Aktien auf Basis einer Analyse des einzelnen Wertpapiers auszusuchen, um gegenüber dem Markt eine Mehrrendite zu erzielen. Es gibt also kein Fondsmanagement, das versucht, den Markt zu schlagen. Ein ETF soll möglichst eng an seinem Referenzindex liegen, in guten wie in schlechten Zeiten.

 

Mit einem ETF legt man sein Geld in ganzen Märkten an, indem man über einen einzigen Fonds in zahlreiche einzelne Unternehmen investiert, die in ihrer Gesamtheit die Wertentwicklung des Referenzindex nachvollziehen sollen.

 

Am Rande: Der Begriff „ETF-Fonds“, der gerne verwendet wird, ist im Grunde Blödsinn, weil im Wort „ETF“ der „Fonds“ schon enthalten ist.

Was sind die Vorteile von ETFs?

ETFs haben drei wesentliche Vorteile:

1. Niedrige Kosten

Ein ETF verlangt dramatisch niedrige Kosten. Die TER (Total Expense Ratio = Gesamtkostenquote) hängt von verschiedenen Faktoren ab und liegt im Regelfall zwischen 0,2 % und 0,5 % pro Jahr, Tendenz fallend. Ein aktiv gemanagter Fonds kann leicht locker 1 Prozentpunkt mehr veranschlagen, gerne auch darüber.

 

1 Prozentpunkt klingt nicht viel? Das gönnst du der Finanzindustrie, weil dein seriös und smart wirkender Bankverkäufer so freundlich ist, dir Kaffee anbietet, und du magst dann auch so ungerne „Nein“ sagen und dem armen Hansel eine Absage erteilen?

 

Hier ein Rechenbeispiel, wie großzügig du wirklich verzeihst, wenn du so denkst und zu schwach bist, um Widerstand zu leisten:

 

Startkapital: 10.000 Euro

Jährliche Sparrate: 4.000 Euro

Laufzeit: 35 Jahre

 

Ich habe einen Vermögensendwert für nicht unrealistische Jahresrenditen angenommen und darunter geschrieben, was herauskommt, wenn sie jeweils 1 Prozentpunkt pro Jahr niedriger ausfallen. Die Angaben sind auf volle Tausender gerundet, um eine schnelle Übersicht zu gewährleisten.

Jahresrendite 4% 5% 6%
Vermögensendwert 334.000 416.000 523.000
Vermögensendwert 1 Prozentpunkt weniger 270.000 334.000 416.000
Differenz 64.000 82.000 107.000
Prozentualer Abzug 19,2 19,7 20,5

1 Prozent, das du z. B. aufgrund von höheren Kosten jährlich weniger einfährst, wirkt sich gewaltig auf dein Vermögen am Ende deiner Sparphase von 35 Jahren aus. Du hast rund 20 % weniger, was in absoluten Zahlen viele zehn- oder sogar über hunderttausend Euro sein können. Der (negative) Zinseszins-Effekt schlägt voll zu. Deshalb lohnt sich Kostenreduktion.

 

Und 1 % ist sehr, sehr vorsichtig gerechnet, wie gesagt. Je größer die Unterschied, deine Sparsummen und die Anlagedauer, desto gravierender das Ergebnis.

 

Als Bonus: Der bei aktiv gemanagten Fonds übliche hohe Ausgabeaufschlag entfällt bei ETFs. Dieser wird von den aktiv gemanagten beim Kauf berechnet und kann 5 % betragen. Die Kaufkosten eines ETFs betragen einen Bruchteil dieses Wertes.

 

Klingt wieder nicht viel und ist nur einmalig? Ja. Aber täusche dich nicht: Der ETF-Anleger galoppiert auch wegen dieses scheinbar marginalen Kostenpunktes, den er nicht hat, meilenweit davon.

 

Aber Moment – wenn der aktiv gemanagte Fonds bei gleichem Risiko dauerhaft mehr Rendite erzielt als ein ETF, dann lohnt sich das doch! Genau das ist das Versprechen von aktiven Fonds. Für diese Leistung wollen sie so fürstlich bezahlt werden.

 

Sie erbringen die Leistung nur leider nicht. Siehe nächster Punkt.

2. Hohe Rendite

Obwohl ein ETF explizit nicht das Ziel hat, den Markt, also den Durchschnitt, zu schlagen, werden langfristige Anleger eines breit diversifizierten ETF-Portfolios überdurchschnittliche Renditen einfahren, verglichen mit den Renditen von Anlegern in klassischen, aktiv gemanagten Fonds und - wohl sogar noch deutlicher - mit Anlegern, die selbst direkt Asset Picking und Market Timing betreiben.

Dazu einige Fakten über aktiv gemanagte Fonds, die empirisch sehr gut belegt sind und auch für jedes aktiv verwaltete Portfolio gelten:

  • Eine gewaltige Mehrheit der aktiv gemanagten Fonds schlägt ihren korrekt gewählten Benchmark-Index nach Abzug aller Kosten sehr eindeutig nicht. Sie verbleiben weit darunter.
  • Die wenigen, denen es in einem einzelnen Zeitraum gelingt, sind mit überwältigender Wahrscheinlichkeit in den darauffolgenden Zeiträumen nicht mehr unter den Überperformern, sondern eher sogar bei den Losern. Die Gruppe der Portfolios, die den Markt schlagen, setzt sich zufällig zusammen. Es ist nicht vorhersehbar, welche Fonds dazugehören werden, weshalb es auch unmöglich ist, die wenigen jährlichen Gewinner systematisch herauszupicken.
  • Bis man wirklich davon ausgehen kann, dass ein Fonds auf Basis von überlegenen Fähigkeiten zuverlässig den Markt schlägt, müssen viele Jahrzehnte vergehen – die wir leider nicht haben. Und selbst dann ist es nicht gesagt, dass die Erfolgssträhne anhält. Alle anderen Top-Performances sind sowieso reiner Zufall und nicht prognostizierbar. Die typischen 5-Jahres-Charts, die man in den Marketingunterlagen der Finanzindustrie zu sehen bekommt, taugen absolut nicht zur Bewertung eines Fonds. Sie sind sogar schädlich.

Aktiv gemanagte Fonds können ihr Nutzenversprechen nicht halten. Sie entwickeln sich vor allem nach Abzug ihrer Kosten langfristig schlechter als simple ETFs auf ihren Benchmark-Index. Unterhaltsam war dazu die 10-Jahres-Wette zwischen Warren Buffett und einem Hedgefonds-Manager, die in 2018 endete.

 

Für Privatanleger, die selbst direkt in einzelne Aktien investieren, gibt es Studien, die zu ähnlich katastrophalen Ergebnissen kommen. Sie performen noch schlechter als die aktiv gemanagten Fonds.

 

Übrigens: Die Anleger eines aktiv gemanagten Fonds erzielen weniger Rendite als der Fonds, weil sie erst dann in ihn investieren, wenn der Zenit - seiner und/oder der des Marktes - überschritten ist, und weil sie am Tiefpunkt verkaufen. Nennt sich Performance Chasing oder prozyklisches Verhalten. Dafür trägt der Fonds keine Schuld, es ist in diesem Zusammenhang aber ebenfalls bemerkenswert. Das Übel verdoppelt sich hier: Nicht nur der Fonds folgt einer aktiven und damit schlechten Anlagestrategie, sondern der Fondsanleger selbst behandelt seine Fondsanteile aktiv.

 

Außer mit Aktien lassen sich mit Immobilien - profundes Wissen, überdurchschnittliche Intelligenz und Auffassungsgabe, intensives persönliches Kümmern und, wie immer, etwas Glück vorausgesetzt - systematisch Renditen über der Inflationsrate erzielen. Immobilien performten in der langen Vergangenheit jedoch deutlich schlechter als Aktien, wiesen jedoch erhebliche Risiken auf (wobei Aktien natürlich hinsichtlich der kurzfristigen Schwankung des Vermögens die risikoreichste Assetklasse sind). Bei allen anderen Assets solltest du nicht mit einer Realrendite rechnen, die dauerhaft signifikant über 0,0 % liegt, oft war sie sogar negativ, wenn man richtig rechnet, indem man zusätzlich zur Inflation Kosten und Steuern berücksichtigt. Das gilt auch in Hochzinsphasen.

3. Geringeres Risiko durch breitere Diversifikation

Über einen ETF kann man bereits mit kleinen Summen in ganze Märkte investieren und so sein Risiko über Branchen, Regionen und Unternehmensgrößen breit streuen, weil man an sehr vielen, oft mehreren tausend einzelnen Titeln partizipiert. Kein Vergleich zu dem Gehühnere in typischen Kleinanleger-Depots: ein Sammelsurium aus 4 bis 20 Aktien, die dann krass schwanken und auf die man ständig achten muss. Falls der Anleger noch Fonds beigemischt hat, bilden diese nicht selten dieselben Assetklassen ab wie seine paar Einzeltitel.

 

Aus diesen Gründen rühre ich aktiv gemanagte Fonds und ein Engagement in Einzeltiteln nicht an. ETFs, die gar nicht erst versuchen, den Index zu übertrumpfen, sind gerade deshalb den anderen Fonds und den Stockpickern/Market Timern langfristig überlegen. Mit richtig gewählten ETFs gehöre ich, glaube ich, dauerhaft zum oberen Fünftel aller Anleger – ohne viel tun zu müssen.

 

Das gilt zumindest so lange, wie der Anteil der wirklich passiven Investoren auf dem aktuellen weltweiten Niveau von wenigen Prozent verweilt. Die Wahrscheinlichkeit, dass passive Investoren (nicht gleichzusetzen mit ETF-Anlegern!) eines Tages einen Anteil von 80, 90 oder noch mehr Prozent haben, ist sehr gering bis null.

 

Es gibt auch ETFs, die kein Mensch braucht. Dazu zählen meines Erachtens alle, deren Referenzindex nur aus wenigen Titeln besteht, etwa unter 100, und die womöglich zusätzlich ein großes Gewicht auf eine Handvoll Titel legen (ja, einen DAX-ETF habe ich ausdrücklich nicht), sowie alle Sektoren-, Branchen- oder Mode-ETFs: Ethik, Demografie, Technologie, Hebel-ETFs (ganz gefährlich und tückisch) und was der Späße mehr sind und noch sein werden. Sie stellen eine Form des aktiven Investierens dar und funktionieren daher nicht systematisch, sondern nur durch Glück.

 

In dieser Artikelreihe stelle ich dagegen eine ganz einfache Methode vor, sich in den Kapitalmärkten aufzustellen: passives Investieren.

 

Doch zunächst eine kurze Darstellung der Gründe, warum aktives Investieren, also die Auswahl einzelner Wertpapiere oder Branchen bzw. Märkte, die ihre korrekt gewählte Benchmark outperformen sollen, nicht funktioniert - Gründe abgesehen von den horrenden Kosten, die aktives Investieren notwendigerweise mit sich bringt. Ich nenne aktive, eher auf Monate oder wenige Jahre planende Anleger gerne Spekulanten, um sie von (langfristigen) Investoren zu unterscheiden.

Warum performen Börsenspekulanten so schlecht - abgesehen von den hohen Kosten für aktives Portfoliomanagement?

1. Prinzipielle Unverfügbarkeit der Zukunft der gesellschaftlichen Sphäre

Das meint einfach nur: Wir wissen nicht, was kommt, und verstehen auch nicht genau, was ist. Aktives Investieren aber ist notwendig abhängig von vielen genauen IST-Analysen und Prognosen.

 

Der aktive Investor muss folgende Überzeugungen haben:

 

"Dieses eine Unternehmen X oder Branche/Region Y wird in Zukunft überdurchschnittlich gut performen, was der Markt leider nicht erkennt, ich aber schon und der Markt dann bald auch. Es wird keinen stärkeren Wettbewerber geben, keine großen Management-Fehler, keine gravierenden politischen Hemmnisse, keine finanziellen Engpässe, keinen Absturz der Branche oder wichtiger Kernmärkte, allgemein kommt Pech nicht vor. Zudem wird die allgemeine Weltwirtschaft auch irgendwie voranschreiten. Alles wird sich mindestens so erfreulich entwickeln, wie der Vorstand es verheißt."

 

Der passive Investor ist dagegen ein sehr bescheidener Warmduscher:

 

"Die Weltwirtschaft wird in den nächsten 50 Jahren wohl moderat wachsen und mit ihr die weltweiten Aktienmärkte. Globale kommunistische, anarchistische oder andere meine perfiden Pläne durchkreuzende Revolutionen werden ausbleiben, genauso wie der allgemeine Weltuntergang, und die Märkte werden auch in einigen Jahrzehnten weiterhin von der Überzeugung geleitet sein, dass das noch eine Weile so weitergeht, allen kurzfristigen Panikattacken zum Trotz. Und falls doch alles kollabiert und mein Portfolio wertlos wird, dann ist es auch egal, denn in diesem Szenario habe ich, haben wir alle ganz andere Probleme als das. Schlimmer als im 20. Jahrhundert wird es wohl nicht kommen und da sprach alles für die Strategie, die ich verfolge."

2. Moderne Portfoliotheorie

Die Moderne Portfoliotheorie (MPT) ist die derzeit einzige wissenschaftlich anerkannte, mehrfach nobelpreisgekrönte Theorie über die Kapitalmärkte. Bekämpft oder bewusst missverstanden wird sie fast von der gesamten Finanzbranche. Aus ihr leiten sich letztlich die wesentlichen Argumente für passives Investieren ab - den Investment-Ansatz, den ich verfolge. Das bedeutet gleichzeitig: Sie liefert die entscheidenden theoretischen Argumente gegen aktives Investieren.

 

Zwei Aspekte möchte ich besonders herausgreifen:

 

1. Informationseffizienz der Märkte

2. Regression zum Mittelwert

 

1. Informationseffizienz der Märkte

Aktienmärkte sind informationseffizient. Jede öffentlich zugängliche Information ist binnen kürzester Zeit - Minuten, maximal wenige Stunden - in den Kursen gespiegelt und von diesem Punkt an irrelevant für weitere Kursentwicklungen.

 

Informationen sind nicht nur harte Fakten, sondern auch Interpretationen, Erwartungen, Vermutungen, Hoffnungen, Ängste etc. Alle kurz- bis mittelfristig (einige Jahre) überlegenen Strategien, die bekannt werden, sind, sofern überhaupt vorhanden, ebenfalls eingepreist, da sie kopiert werden und so ihre Wirkung verlieren (wegarbitriert werden). Falls es also Strategien gibt, die wirklich funktionieren, werden wir sie voraussichtlich entweder nicht kennenlernen oder sie sind wirkungslos, sobald auch wir sie kennen.

 

Das bedeutet, dass man mithilfe von öffentlich zugänglichen Informationen nicht systematisch outperformende Wertpapiere oder Märkte/Branchen finden kann. Alles ist bereits in die Kurse eingepreist ab dem Moment des Bekanntwerdens.

 

Nur durch wirklich neue Informationen bewegen sich die Kurse.

 

Neu sind Informationen nur dann, wenn sie zufällig sind.

 

Zufall ist ein anderes Wort für Glück.

 

Aktienbörsenspekulation ist Glücksspiel.

 

Ich setze darauf, dass die zufälligen Informationen in Zukunft lauten: Weltwirtschaft läuft, heute und morgen.

 

Spekulanten sind auf viel fragwürdigere und weitgehendere Zufallsinformationen angewiesen (s. o.) und sie glauben auch nicht, dass die Kurse aus Zufall bewegt werden.

 

Die Markteffizienzhypothese ist kontraintuitiv, auch mir fällt es schwer, sie bis in ihre letzte Konsequenz, der Unmöglichkeit von systematischem Börsenerfolg durch Fundamentalanalyse, zu akzeptieren.

 

Letztlich überzeugen mich die empirischen Forschungen zur Performance der breiten Masse der aktiven Marktteilnehmer sowie die hier angerissenen rein theoretischen Überlegungen aber doch zumindest davon, dass es wahrscheinlich nicht ich kleiner Privat-Hansel sein werde, der all die anderen kleinen Hansels da draußen und all die hauptberuflichen Spekulanten, dieses weltweite, hochqualifizierte Millionenheer, dauerhaft übertrumpft - vom zeitlichen und geistigen Aufwand, dem erhöhten Stress und dem operativen Risiko (was wäre, wenn ich mich längere Zeit nicht um mein aktives Portfolio kümmern könnte?) einmal abgesehen.

 

2. Regression zum Mittelwert

Portfoliorenditen pendeln ab einem Beobachtungszeitraum von 5 oder 10 Jahren eng um ihren sehr langfristigen historischen Durchschnittswert, mit kurzfristig großer Volatilität. Ist der Weltmarkt 10 Jahre lang über seinem Durchschnittswert gelaufen, besteht eine etwas über 50 % liegende Wahrscheinlichkeit, dass er sich in den folgenden 10 Jahren unterhalb dieses Wertes entwickelt. Also längst keine Gewissheit, die man ausbeuten könnte.

 

Wichtig ist aber zu verstehen: Mehr als Mittelwert ist bei der Rendite selbst auf kürzere Sicht durchschnittlich wohl nicht drin, außer durch Zufall. Das gilt eben auch für die Mehrheit der einzelnen Aktienportfolios. Statistisch gesehen, wird es immer wenige Dauer-Outperformer geben, das ist aber eher Glück als Können. Und auch diese Dauer-Outperformer regredieren irgendwann wieder zurück, manchmal ziemlich brutal.

3. Arithmetik des aktiven Investierens

Selbst wenn man alles bis hier hin Angeführte ignoriert, gilt: Es ist eine harte, mathematische Notwendigkeit, dass über 50 % aller investierten Geldeinheiten den Markt nach Kosten unterperformen. Die Wahrscheinlichkeit, den Markt zu schlagen - das zentrale Ziel des Spekulanten -, beträgt von vorn herein allein aufgrund von Mathe und Kosten weniger als 50 %. Man ist damit als aktiver wie passiver Anleger also automatisch mit höherer Wahrscheinlichkeit gegenüber der Marktrendite auf der Seite der Loser.

 

Wenn nach Kosten und Steuern sowieso über die Hälfte aller Geldeinheiten den Markt mit mathematischer Notwendigkeit unterperformen, wird derjenige, der passiv auf die bloße Marktrendite abzielt, indem er möglichst günstig anlegt, die meisten anderen aktiven Anleger hinter sich lassen, die regelmäßig weit höhere Kosten und Risiken haben. Je länger der Betrachtungszeitraum, desto ausgeprägter ist der Vorsprung, wie viele Studien zeigen.

4. Zu viel Handeln und Konzentration = Hohe Kosten + Hohe Wahrscheinlichkeit, das Beste zu verpassen

Hin und her sowie Konzentration (statt Diversifikation des Portfolios) macht Taschen leer, und zwar aus zwei Gründen:

 

1. Explodierende Transaktionskosten und Steuern

 

Ein wenig bekannter Renditetreiber von Buy-and-Hold (kaufen und langfristig halten) ergibt sich aus der nachgelagerten Besteuerung von Aktienerträgen: Bevor ein (thesaurierender) ETF verkauft ist, fallen nur sehr niedrige Steuerabgaben an. Ein Großteil der Erträge, die die Staatskasse für sich reklamiert, verbleibt im Portfolio und trägt damit zur weiteren Rendite bei. Man muss sich das richtig klarmachen:

 

Ein ETF-Anleger darf mit Geld weiterinvestieren und Rendite einfahren (und Rendite auf die Rendite, also alle Annehmlichkeiten des Zinseszinseffektes genießen), das eigentlich längst vom Staat einbehalten worden wäre, wenn es ginge und für ihn sinnvoll wäre, was es aber nicht ist.

 

Über 20 oder 30 Jahre hinweg lässt sich so die effektive Steuerlast senken bzw. die Rendite erhöhen. Warren Buffett nennt das ein "zinsloses Darlehen vom Staat". Aktive Anleger haben diesen Steuervorteil nicht oder nur in einem deutlich geringeren Maße. Denn wenn Gewinne realisiert werden, müssen sie versteuert werden.

 

2. Die Rendite des Aktienmarktes wird wesentlich von einigen wenigen, im Vorfeld nicht bekannten Aktien und ebensowenig bekannten Bruchteilen des Gesamtzeitraums gemacht.

 

Wer die nicht erwischt, verpasst einen Großteil der Party. Je mehr du aktiv investierst und handelst, also einzelne Aktien kaufst und verkaufst, desto wahrscheinlicher ist es, dass dir genau das passiert. Du steigst zu spät aus und zu spät wieder ein, bist also nicht dabei, wenn die Kurse nach oben springen, und du hast genau die Aktien nicht im Depot, die den Markt nach oben ziehen.

 

Die Antwort auf all das heißt: Passives Investieren. Was das ist, erkläre ich jetzt.

Kurze Definition: Was ist passives Investieren in ein ETF-Weltportfolio?

Passives Investieren in ein Weltportfolio meint eine Aufteilung des eigenen Investment-Vermögens in einen renditeorientierten (= risikoreichen) und einen sicherheitsorientierten (= risikoarmen) Part:

 

Renditeorientierter Teil

Umsetzung: Den sinnvoll investierbaren Weltaktienmarkt nach Marktkapitalisierung oder BIP gewichtet möglichst kostengünstig kaufen und jahrzehntelang halten.

 

Sicherheitsorientierter Teil

Umsetzung: In weitere Assetklassen wie kurzlaufende Staatsanleihen höchster Bonität in der Heimatwährung des Anlegers sowie andere, ebenso sichere zinstragende Anlagen investieren und ebenfalls jahrzehntelang halten. Z. B. Tages- und Festgelder, jedoch pro Institut nicht mehr als die gesetzlich gesicherte Einlagenobergrenze. Der sichernde Staat sollte hohe bis höchste Bonität aufweisen.

 

Das Verhältnis zwischen beiden Teilen bestimmt das Risiko-Rendite-Profil des Gesamtportfolios und muss von jedem Anleger individuell für sich festgelegt werden.

 

Wer an Factor Investing glaubt, wird einige Aktien oder Regionen in bestimmtem Maße übergewichten (und damit andere untergewichten). Ich tue das zu einem kleinen Teil, wie ich später erläutere.

 

Im Einzelnen investiert passiv, wer

  • allermindestens 1.000 Unternehmen möglichst unterschiedlicher Größe aus maximal vielen Ländern und Branchen im Depot hat.
  • nach dem Buy-and-Hold-Prinzip agiert, also kauft, weiter kauft und stur über Jahrzehnte hält.
  • die einmaligen und laufenden Kosten des Investments minimiert.

Nicht mehr, nicht weniger. Das sind die drei goldenen Regeln der Geldanlage. Für 99,99 % aller Privatanleger werden Indexfonds der einzige Weg sein, um sie umzusetzen, in Deutschland in ihrer Erscheinungsform als ETF, da traditionelle, nicht-börsengehandelte Indexfonds hierzulande nicht an Privatanleger vertrieben werden.

 

ETFs sind also das Instrument, um diesen Ansatz zu realisieren. Man kann auch mit ETFs aktiv investieren, was ich mir natürlich strikt verbiete. Ein Großteil der ETF-Anleger tut jedoch genau das, weshalb das in ETFs investierte Anlagevolumen viel höher ist als das Volumen, das passive Anleger bewegen. Für passive Anleger sind die allermeisten ETFs nutzlos.

 

Wenn du ins Lager der passiven Investoren wechselst, gehörst du zu einer winzigen Minderheit, die von allen Seiten eines Besseren belehrt werden soll und daher großen Verführungen ausgesetzt ist.

 

Der passive Anleger stopft sich gegen schädliche Einflüsterungen Watte in die Ohren, um Jubel und Jammer der Börsen nicht zu hören, und exekutiert einfach seine Strategie während der Jahrzehnte. Er verzichtet auf gezielte Aktien- oder Marktbewertungen und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen. Daher braucht er klassische Börsenmedien nicht zu lesen; es ist ihm sogar klar von der Lektüre abzuraten, um sich nicht verrückt zu machen.

 

Noch nicht überzeugt? Glaubst du alles nicht? Willst aber mehr wissen?

 

Gerd Kommer ist ein von Kapitalmarktforschung Besessener, trägt ihre Ergebnisse zusammen, bereitet sie lesbar auf und zieht praktische Konsequenzen. Das tut er überall im Netz und ausführlich wie gebündelt in seinem Klassiker, auf den hinzuweisen ich zum Mantra mache.Werbung

 

Im nächsten Artikel lernst du Aufbau, Strategie und Taktik meines ETF-Musterdepots zum langfristigen Vermögensaufbau kennen.

 

Dieser Beitrag ist Bestandteil einer Serie über mein ETF-Weltportfolio zur Altersvorsorge.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0