Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche im philosophischen Vergleich: 10 Punkte zu Optimismus und Pessimismus, Lebensbejahung und -verneinung. Buchtipps

Buchtipp Rüdiger Safranski: "Nietzsche. Biografie seines Denkens" + "Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie"

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Der Artikel ist ein Vergleich der Philosophie Arthur Schopenhauers (Affiliate Link) und Friedrich Nietzsches (Affiliate Link) hinsichtlich der Grundfragen des Lebens Optimismus vs. Pessimismus im ganzheitlichen Sinn: Lebensbejahung und -verneinung.

 

BuzzNews stellt die beiden Denker in folgenden Aspekten vergleichend gegenüber und arbeitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus:

 

1. Wir zahlen alle drauf! Oder? Erste Annäherung an den Konflikt zwischen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche.

 

2. Kann man dem Ganzen trauen? Eher nicht.

 

3. Der Mensch will seine Ziele erreichen, um Ruhe zu haben - und wird bitter enttäuscht. Denn das Leben trägt sein Ziel in jedem Moment bereits in sich.

 

4. Eines Tages ist auch die größte Party vorbei: Was sagen uns Schopenhauer und Nietzsche zum Tod?

 

5. Auf keinen Fall rosarote Verblendung - auch und gerade nicht in der Kunst. Die Frage bleibt: Flucht hinaus oder Sturz hinein ins Leben?

 

6. Nietzsches Ewige Wiederkehr des Gleichen: Willst du alles erneut durchmachen und unendlich oft? Schwerste Prüfung für jeden von uns.

 

7. Kann man das Leben so bejahen?

 

8. Die Antizipation des Todes und wie man mit ihm umgeht. Gegen die Ablehnung der Welt, für das Leben!

 

9. Hat Schopenhauer wirklich die Welt verneint?

 

10. Was übrig bleibt. (Viel)

1. Wir zahlen alle drauf. Oder? Erste Annäherung an den Konflikt zwischen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche.

Bei Arthur Schopenhauer ist die Welt nicht besonders erquickend: grausamer, tyrannischer und egoistischer Wille (zum Leben), der, nur sich selbst verwirklichend, rücksichtslos vorwärts treibt und die Menschen versklavt. Nicht: Ich habe einen Willen. Vielmehr: Der Wille hat mich. Ich verkörpere nichts als reinen Willen zum Leben. Und egal, wie widerwärtig sich das Leben präsentiert, wie brutal es mir ins Gesicht schlägt und als wie sinnlos seine Güter sich erweisen, immer, immer treibt mich dieser Wille zu neuen Taten, lässt mich weiterstreben, weitermachen, weiterwollen und gewährt Verschnaufpausen nur, um mich erneut in Schwung zu versetzen. Das Leben ist nicht lebenswert.

 

Schopenhauer ist sich absolut sicher, dass sich jeder nicht für das Leben, sondern für die ewige Ruhe im Mutterleib entscheiden würde, wenn er vor der Geburt die Wahl hätte. Das menschliche Glück ist in der Welt einfach nicht vorgesehen. Das Einzige, auf das man spekulieren sollte, ist die Abwesenheit von Schmerz. Ausgiebig breitet Schopenhauer die Nichtigkeit und das Elend des Lebens vor seinen Lesern aus, zeigt, wie trügerisch jeder Optimismus ist, weist nach, dass die Welt den Menschen von vorne bis hinten auslacht und wegstößt, während er trotzdem vom Willen zum Leben beherrscht wird. Ein Trieb, der ihn ausnutzt, um ihn schlussendlich unter Qualen in den Tod zu speien.

 

Schopenhauer empfahl, das Leben zu verneinen (Affiliate Link), sich die Welt abzugewöhnen, seinen Willen zu überwinden und sich in ekstatischer Gelassenheit rein anschaulich, als bloß noch sehendes „Weltauge“ zu verhalten. Es gibt nichts zu holen! Du kannst nur verlieren! Es lohnt sich nichts! Am Ende zahlst Du immer drauf! Das ruft Schopenhauer uns zu.

 

In Friedrich Nietzsches Philosophie nun gab es auch diesen kalten, dunklen und blinden Weltwillen, der uns stets ins Leben zieht. Aber er wälzte ihn um in ein Weltspiel, das man ästhetisch genießen kann, indem man selbst Teil des bewegten Kunstwerks wird, das spielerisch-vital Daseinsformen entstehen und wieder untergehen lässt. Nietzsche kultivierte eine dionysische Geisteshaltung (Affiliate Link).

2. Kann man dem Ganzen trauen? Eher nicht.

Auf den ersten Blick wirken diese beiden Positionen extrem konträr: Verneinung bei Schopenhauer, Bejahung bei Nietzsche. Bei Schopenhauer das Ideal des ekstatisch aus dem Weltwillen gezogenen Geistes, bei Nietzsche das Ideal der rauschhaften Teilwerdung dieses Willens. Nietzsche will über sich hinaus, indem er sich radikal in „die Lust des Werdens selbst“ auflöst. Schopenhauer will über sich hinaus, indem er dieses Werden endgültig verneint und in die ewige Ruhe einkehrt, natürlich ohne im klassischen Sinne tot zu sein.

 

Doch ich meine, dass sich diese beiden Haltungen deshalb nicht besonders krass unterscheiden, weil in beiden Fällen ohne Weltvertrauen heroisch durch verschiedene Arten der Selbstüberschreitung gelebt wird, nur eben an unterschiedlichen Polen der Ekstase. Die Welt ist für diese Denker bloßer Wille, und der Mensch ein willkürliches, unwichtiges Produkt.


Beide Philosophen hielten nichts von religiösem oder anderweitigem metaphysischen Trost und Schutz. Sie kennen keinen höheren oder tieferen Sinn, kein anvisiertes Ziel, keinen angestrebten Endzustand, keinen liebevollen Gott und auch keine große, im Hintergrund waltende Vernunft. Nichts, das dem Menschen das Gefühl des eigenen Wertes garantieren könnte, ihm Bedeutung und Sicherheit verleiht oder ihm Gesetze gibt. Außer dem Menschen selbst.

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3. Der Mensch will seine Ziele erreichen, um Ruhe zu haben - und wird bitter enttäuscht. Denn das Leben trägt sein Ziel in jedem Moment bereits in sich.

Das Leben ist immer schon, in jedem Moment, bei seinem Sinn und seinem Ziel, denn es will nur sich selbst. Aber wir setzen uns Ziele, streben nach Erfüllung unserer Wünsche und müssen oftmals feststellen, dass sich mit der Erfüllung nicht die erhoffte Zufriedenheit einstellt, sondern neue Wünsche entstehen.


Das ist keine originelle Beobachtung. Sie ist schon enthalten in dem geflügelten Wort: Die Vorfreude ist die schönste Freude. Weil wir daran gewöhnt sind, die Ziele als Ruhepunkte zu betrachten (und nicht das Werden an sich zu schätzen), empfinden wir Enttäuschung: Auch die jüngste Errungenschaft verhalf nicht zur gewünschten Ruhe und Freude, wieder sind wir auf Achse, weil sich neue Ziele eingeschlichen haben.

 

Schopenhauer reagierte mit einem direkten Angriff auf diesen Willen, während Nietzsche sich purer Werdelust verschrieb. Das Sein, auch sein eigenes Selbst, verstanden als etwas Feststehendes und mit einmal gefundenen Worten ein für allemal Greifbares, will er nicht. Die Vision eines sicheren Wissens, das der Realität bis in alle Ewigkeit auf die Schliche kommt und sie kontrollierbar macht, ist ihm zu gutgläubig, harmlos und geborgenheitssüchtig. Wahrheit ist für Nietzsche ein „bewegliches Heer von Metaphern".


Nietzsche liebt das Dasein als etwas Ungeheures. Das Vertraute wird unheimlich. Alles löst sich für ihn auf in die ewige Bewegung der spielenden Welt, die nichts will außer sich selbst und alle Vorgänge um ihrer selbst Willen vollzieht. Die angestrebten Ziele sind keine Ruhe- oder Endpunkte, sondern bedeutungslose Zwischenstationen. Schwindende Manifestationen, kleine Abschnitte des flutenden, künstlerischen Weltwillens. Der feste Boden wird unter den Füßen weggezogen und man fällt in ein Nichts, das nicht als Leere interpretiert werden sollte.


Die „Unbeständigkeit alles Wirklichen“ ist das grundierende Lebensgefühl. Nietzsche verschmilzt in seinem Denken, aber vor allem in der Musik mit diesem Bild der Fassungslosigkeit des Daseins. Es kommt ihm darauf an, die hohen Stimmungen, die früher in ein Jenseits aufgeschoben wurden, in diese Welt zu überführen.

4. Eines Tages ist auch die größte Party vorbei: Was sagen uns Schopenhauer und Nietzsche zum Tod?

Irgendwann gewinnt der Tod, das Ende aller Dinge. Schopenhauer und Nietzsche hielten auch nichts davon, den Tod auszuklammern und sich dem faden, banalen, müden, schlaffen und heimeligen Dasein der durchschnittlichen Menschen hinzugeben, mit ihren Ängstlichkeiten, Ablenkungsmanövern und ihren kleinbürgerlichen Versuchen, sich ein niedliches, glückliches Leben zu erschaffen. Die sind gemeint, die nur belangloses Vergnügen, oberflächliche Zerstreuungen und Geselligkeit kennen, aber wahrhaft hohe Stimmungen nicht nachvollziehen können und bei anderen als Verrücktheit bezeichnen.


Ihr Leben ist Sparflamme. Sie verachten die Räusche der (Lebens-) Künstler, machen sie klein, wollen sie auf ihr mittelmäßiges Niveau herunterziehen. Nietzsche nennt sie in seinem Zarathustra die „letzten Menschen“ und bei Schopenhauer sind sie die „Fabrikware der Natur“.

 

Schopenhauers Weg ist ein Abstandnehmen, damit die Welt und der natürliche Tod einem nichts mehr anhaben können. Er will nicht mehr, er sieht nur noch zu. Leben oder Tod: Schopenhauer ist gleichgültig, weil er mit der Welt nichts mehr zu tun hat. Er ist noch am Leben, aber er könnte es jederzeit hinter sich lassen, wenn das Schicksal es verlangt. Er hängt nicht daran. Sein Trieb zum Sein hat sich entspannt und einem triumphalen Nihilismus Platz gemacht.

5. Auf keinen Fall rosarote Verblendung - auch und gerade nicht in der Kunst. Die Frage bleibt: Flucht hinaus oder Sturz hinein ins Leben?

Nietzsche teilt Schopenhauers pessimistische Einstellung, aber er sucht nach einer Möglichkeit, das Leben zu lieben, nicht bloß zu ertragen. Er findet sie, wie Schopenhauer teilweise übrigens auch, in der Kunst, in der Vision der Welt als ein in sich spielendes Kunstwerk: „Nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein gerechtfertigt.“


Allerdings verwandelt sich Schopenhauer durch die Kunst in ein rein anschauliches, unbeteiligtes Subjekt, das bloß noch betrachten, bloß noch auf die Welt hinab sehen möchte, ohne involviert zu sein, während sich Nietzsche gerade durch die Kunst, vor allem durch Musik, in die Welt gerissen (und von ihr zerrissen) fühlt.


Nietzsches Weg ist die Einbeziehung des Todes und der Zerstörung in eine aktive Lebensphilosophie. Er will sich nicht, wie Schopenhauer, herausziehen in die Passivität, sondern ins Spiel begeben, sich dem Tod und dem Leid aussetzen. Radikale Konfrontation mit der ganzen Lust und der ganzen Last des Daseins in einem umfangreichen Entsicherungsprojekt. Es geht um das rauschhafte Selbsterlebnis als bewegliches Kunstwerk im schöpferischen, strömenden Geschehen des dionysischen Gesamtkunstwerkes Welt.


Dieser Ansatz bewirkt eine geistige Härte und kräftige Lebendigkeit. Es handelt sich um Macht (über sich selbst), permanent in einer ruhelosen Bewegung, einer Unsicherheitssituation zu sein und ihr bejahend ins Gesicht zu sehen. Er verleitet dazu, das Risiko zu wollen, sich gegen die Versicherungsmentalität unserer Zeit mutig zum gefährlichen Leben loszulassen, sich zu verausgaben und zu verschwenden.

 

Zum dionysischen Lebensentwurf nietzscheanischer Prägung gehört vor allem das Spiel des Schaffens mehrerer Identitäten. Nietzsche ruft dazu auf, sich auszuprobieren, mit verschiedenen Arten des Selbst zu experimentieren. Man verliert sich, um sich neu zu gewinnen, man setzt alte Identitäten aufs Spiel, weil die Neugier nach etwas Anderem zum Aufbruch ermuntert. Er empfindet Freude an der permanenten Selbstüberwindung. Einerseits handelt es sich um die Freude am neuen Entwurf und andererseits um die Freude am Erkennen, was dieser Entwurf in ihm bewirkt. Das Denken als permanente Selbsterschaffung und Selbstbeobachtung ist, neben der Musik natürlich, Nietzsches größte Lust.

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6. Nietzsches Ewige Wiederkehr des Gleichen: Willst du alles erneut durchmachen und unendlich oft? Schwerste Prüfung für jeden von uns.

An dieser Stelle will ich auf Nietzsches Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen eingehen. Er besagt, dass sich das Leben bis in alle Ewigkeit wiederholt, und zwar genau so, wie es war. Nietzsche hat manchmal versucht, dafür wissenschaftliche Unterstützung in physikalischen Schriften zu finden. Aber sein durchgehaltener Perspektivismus erlaubte es ihm ohnehin nicht, diesen Gedanken als naturwissenschaftliche Wahrheit der Realität zu behandeln. Er wird heute auch weniger als Behauptung gelesen, sondern vielmehr als Prüfung, durch die jeder Moment des Lebens gehen muss:

 

Würdest Du dein Leben, so wie es war und ist, noch einmal haben wollen? Und noch unendliche Male danach?

 

Der Gedanke kann ein Einschlag in die persönliche Lebensgestaltung sein. Für Nietzsche war er das größte Erlebnis, obgleich er sich seines einfachen Inhalts bewusst war. Ich will verdeutlichen, dass es nicht um ein ewiges Leben des Menschen geht, sondern um die ewige Wiederkehr des Lebens. Das ist ein Unterschied.


Ein ewiges Leben wäre banal, aber die ewige Wiederkehr des Gleichen sorgt dafür, dass das Leben an Bedeutung gewinnt, weil jeder Moment durch seine unendliche Wiederholung eine gesteigerte Wichtigkeit erfährt. Wie gesagt: Es handelt sich hauptsächlich nicht um wissenschaftliche Spekulation, sondern um einen Rahmen zur Lebensgestaltung.

7. Kann man das Leben so bejahen?

Man wird Nietzsches Konzeption schnell für utopisch halten. Niemand kann ein Leben haben ohne Momente, die er lieber nicht erlebt hätte und die er schon gar nicht noch einmal durchstehen möchte, wird man schnell denken. Aber gerade darin besteht Nietzsches Lebenskunst: dass man es schafft, das Leben so umfassend zu bejahen, dass man auch die schmerzhaften, furchtbaren, grausamen Momente gestärkt durchstehen kann und sie nicht verbannen möchte. Auch die Vergangenheit so beschreiben, dass man sie bejahen kann. „Alles ‚Es war’ umschaffen in ein: ‚So wollte ich es.’“

 

Wer das Leben nicht lieben kann, lebt umsonst. Der Mensch, der das Leben verurteilt, der nicht im Hier und Jetzt mit allen Konsequenzen leben will, sondern in Gottes Paradies oder gar nicht, ist eine „verunglückte Wirklichkeit“, weil er an eben dieser Wirklichkeit leidet. Nietzsche hat ein ästhetisches Problem mit solchen verunglückten Wirklichkeiten, denn für ihn will sich das Leben machtvoll gestalten, will triumphieren und nicht versagen. Es ist eben Wille zur Macht.


Die höchste Form des triumphierenden Ja-Sagens ist das Lachen des leichtfüßig Schaffenden über das Leben und sich selbst bis in den Tod hinein. Tänzerische Auslieferung an das Spiel des Schaffens und Vernichtens. Die Verwirklichung dieses dionysischen Ja-Sagens ist die Vision eines neuen Menschseins als extremste Ausdrucksform des Willens zur Macht. Wir begegnen hier einem wichtigen Aspekt von Nietzsches populärer Idee des Übermenschen.

8. Die Antizipation des Todes und wie man mit ihm umgeht. Gegen die Ablehnung der Welt, für das Leben!

Beiden Wegen, dem schopenhauerschen und dem nietzscheanischen, ist gemeinsam: die Ekstase der geistigen Vorwegnahme des Todes, das tiefe Einatmen der Endlichkeit. Beide spielen den Tod gegen den Tod aus. Schopenhauer durch kaltes Abstandnehmen vom Leben, Nietzsche durch heißes Fühlen des Lebens. Schopenhauer blickt interesselos und distanziert aus einer Position von außen. Nietzsche fühlt sich verwoben in die dionysische Bewegung und durchdrungen von ihr. Schopenhauer ist gelassen durch totale Abwendung vom Leben, Nietzsche souverän durch extreme Hingabe.


Das unbegrenzte, ungeheure, sich pausenlos bewegende, nicht zu fassende, boden- und haltlose Meer reiner Lebensenergie, in das sich Nietzsche auflösen möchte – Schopenhauer will in seiner Entrückung unberührt darüber schweben, es soll ihm vorkommen wie ein nächtlicher Traum, der morgens beim Erwachen nur noch schwache Erinnerung ist und keinerlei Bedeutung für den hellen Tag mehr hat. Er verweilt in einer Haltung, aus der er regungs- und hoffnungslos, aber angstfrei, in absoluter Gemütsruhe, völlig ungerührt auf das geschäftige Treiben, das wilde, sinnlose Getümmel der Welt und den Kampf um Selbstbehauptung nieder blickt – im stolzen, bisweilen auch arroganten Vollgefühl besserer Einsicht.


Nietzsche feiert das Leben in seiner Endlichkeit und Sinnlosigkeit als großes Spiel des Schaffens und Vernichtens. Er riskiert sich, taumelt, von den Leidenschaften des Körpers und des Geistes mitgerissen, durch die Welt bis zu seinen letzten Tänzen. Schopenhauer hat dazu keine Lust. Er will nichts wissen von berauschter dionysischer Lebensart und hält sich von den Abgründen fern, an die es Nietzsche magisch zieht.

 

Schopenhauer will sich eine „feuerfeste Hütte“ suchen, Nietzsche will genau diese Bauten einreißen. Und doch erfüllt Schopenhauer mit seiner unmittelbar aus dem Herzen entspringenden, das eigene Leben direkt umgestaltenden Philosophie Nietzsches Forderung nach machtvoller Selbstüberwindung. Nietzsche entdeckte dann auch, wie Rüdiger Safranski schreibt, „das uneingestandene Ja in Schopenhauers Nein“.


Friedrich Nietzsche sah sich selbst als der erste radikal dem Leben zugewandte, zum Lebendigen unbedingt ja sagende Philosoph, der mit einer langen Tradition der Abneigung bricht. Schopenhauer beschreibt er, trotz des entdeckten Ja, als letzten Vertreter einer Partei der Lebensverächter. Dennoch hat er einige Bewunderung für ihn übrig, weil er der Philosoph ist, der dem Dunklen und Abgründigen der Welt ins Gesicht blickte und „männlich“ standhielt.

9. Hat Schopenhauer wirklich die Welt verneint?

Auch ich bin geneigt, Schopenhauers Philosophie als Bejahung der Welt anzusehen. Er blieb in der Welt, sein Philosophieren hielt ihn fest und eröffnete ihm einen Bewusstseinszustand des Lebbaren, ja sogar der leuchtenden Ekstase. Schopenhauer war nicht depressiv, obwohl er bei seiner Schilderung der Welt guten Grund dazu gehabt hätte. Er beschreibt seine Position zwar grundsätzlich negativ als Abwesenheit von der ganzen Welt, aber gerade in dieser Abwesenheit, in dieser absoluten Gemütsstille, diesem Zufluchtsort der Willenlosigkeit, stellt sich bei ihm ein Gefühl der Reichhaltigkeit ein.


Er hat es geschafft, der „Welt“ zu entkommen und einen anderen Raum zu bewohnen. Der düstere Philosoph hat einen hellen Kosmos (ohne Willen) erobert und kann sich heimisch fühlen. Und zwar in dieser Welt, nur als ein anderes Sein. Seine Philosophie hat es aufgerichtet, der Selbstmord war nicht die Konsequenz aus Schopenhauers Grundidee der umfassenden Verneinung.

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10. Was übrig bleibt. (Viel)

Schopenhauer und Nietzsche (Affiliate Links) gehören zu einer exklusiven Spezies von Philosophen, weil sie selbststeigernde Lebenskunst lehren und intensivere Welterfahrungen aufzeigen, als sie unsere banalisierte Zeit aus oberflächlichen Genüssen zu bieten hat. Sie lassen als lebensphilosophische Extremisten die Amplitude des Selbst ungehindert ausschlagen, ohne dabei in religiöse Sphären abzuheben.

 

Ihre Räusche und Ekstasen finden auf der Erde statt. Sie erkunden die Möglichkeiten eines Lebens, das über Spaß, Unterhaltung und Konsum hinausgeht, weil sie meinen, dass die kleinen Freuden nicht ausreichen (bzw. sinnlos sind) und vom Leben mehr erwartet werden kann. Hierin, in ihrer gigantischen, das ganze Selbst überkommenden und durchdringenden Euphorie, sind sie uns weit voraus.

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Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer fanden und finden immer wieder Erwähnung in Werken der Kunst. Zum Beispiel in letzter Zeit im Film "Beziehungsweise New York" mit einem schönen Schopenhauer-Zitat, in dem er das Leben mit der Vorder- und Rückseite einer Stickerei vergleicht.

Anlässlich des 115. Todestages von Nietzsche habe ich einen kurzen Text zur Biographie des Philosophen und zur existenziellen Bedeutung seines Denkens geschrieben.

 

In einer kurzen Erklärung beantworte ich dir auch die allgemeine Frage: "Was ist Philosophie?"

Um den Willen geht es auch in einem anderen Text, genauer gesagt: um den freien Willen und Determinismus.

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