Entgeltumwandlung: Sinnvoll oder viele Nachteile? Wie du die Rendite einer Renten-Direktversicherung bestimmst

Die Entgeltumwandlung ist ein Bestandteil der Renten-Direktversicherung zur privaten Altersvorsorge, die die Bewertung des Produktes erschwert.

 

Deshalb versuche ich im Folgenden, dir alle Aspekte hinsichtlich der Rendite und einiger Risiken zu zeigen, mit denen du in deinem speziellen Fall entscheiden kannst, ob sie für dich sinnvoll ist oder mehr Nachteile als Vorteile hat.

 

Dieses Vorgehen ist zwar ebenfalls nur ein Näherungswert, sollte aber, bei gleichzeitiger Machbarkeit, deutlich realistischer sein als die Betrachtungen, die man normalerweise so anstellt und präsentiert bekommt.

 

Auf den Punkt gebracht:

 

Man wird dir im Verkaufsgespräch überoptimistische Brutto-Nominal-Renditen auftischen. Was du aber brauchst, sind realistische Netto-Real-Renditen.

 

Was das ist und wie du sie bestimmst, lernst du in diesem Text.

 

Nach meinem Eindruck gibt es keinen anderen Content im Netz, der alle relevanten Aspekte korrekt berücksichtigt. Du wirst nach der Lektüre also einen erheblichen Wissensvorsprung haben und das Investment besser einschätzen - zumindest, wenn ich richtig liege.

Die Verlockungen sind groß

Ersparnisse bei Steuern und Sozialabgaben sowie Arbeitgeberzuschüsse hören sich bei der Entgeltumwandlung gut an, verschleiern aber den Blick auf die zentralen Aspekte einer Direktversicherung.

 

In diesem Text geht es vor allem darum, wie du die Rendite eines Rentenproduktes mit Entgeltumwandlung bestimmst. Außerdem zeige ich dir einen juristischen Fallstrick bei der Direktversicherung auf.

 

Ich verspreche dir, dass du auch dann viel Wichtiges lernst, wenn du glaubst, schon alles verstanden zu haben.

Renten-Direktversicherung mit Entgeltumwandlung: Wie sinnvoll sie ist und welche Nachteile sie hat in 3 Schritten.

Folgende Schritte solltest du für mehrere verschiedene beispielhafte Netto-Sparbeiträge durchführen – du kannst auch deinen Produktverkäufer bitten, das für dich zu tun. Dann musst du die Daten aber unbedingt überprüfen (falls er überhaupt reagiert).

1. Was zahle ich netto ein?

Betrag, um den dein Nettoeinkommen verringert wird.

 

Laufzeit: Bis zum 67. Lebensjahr.

 

Hier gibt es natürlich ebenfalls Unsicherheiten, aber nimm dazu am besten dein aktuelles Gehalt und deine aktuelle Steuerklasse.

2. Was bekomme ich netto real raus?

Diese Frage ist deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint. Du musst viele Annahmen treffen und Wahrscheinlichkeiten bestimmen – weit mehr, als du in vielen Gesprächen und Artikeln findest.

 

Rentendauer: 67 bis 85 oder 90, wenn du fit und gesund bist und es voraussichtlich bleiben wirst. Viel älter wirst du aber vermutlich nicht. Also 18 oder 23 Jahre. Falls für dich individuell andere Rentendauern gelten, nimmst du diese.

Ich empfehle aber, hier eher konservativ zu sein und etwas unterhalb deiner Lebenserwartung zu kalkulieren, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass du die berechnete Rendite auch tatsächlich von der Versicherung einstreichst.

Fun Fact am Rande: Wenn du bei einer Versicherung eine Rentenversicherung abschließt, kann es sein, dass sie damit rechnet, dass du 95 Jahre oder sogar  erheblich älter wirst, und die monatliche Rente entsprechend verringert. Willst du beim selben Anbieter eine Lebensversicherung abschließen, ist es gut möglich, dass er dein Ableben auf 75 taxiert - um die Prämien zu erhöhen. Ich würde mir im Gespräch einen Spaß daraus machen und den Produktverkäufer  fragen, wie alt du denn seiner Meinung nach nun wirklich wirst, 75 oder 95? Und warum denkt die Versicherung, dass ich einmal 75 und dann plötzlich doch 20 Jahre älter werde? Ist das vielleicht alles totaler Bullshit? (Rhetorische Frage)

 

Zurück zum Thema.

 

Rendite auf den Teil deiner Einzahlungen, der nach Abzug der Anbieter-Kosten in z. B. einen Aktienfonds investiert wird: 3% nominal.

 

Mehr als 3% nominal würde ich nicht annehmen, da das Geld konservativ angelegt wird und im Falle einer Rentengarantie dafür am Kapitalmarkt Kosten entstehen. Es gibt keine Rendite ohne Risiko. Wer sein Risiko absenkt, reduziert auch seine Rendite.

 

Auf Basis deiner Einzahlungen und dieser Rendite (abzüglich Anbieterkosten) ergibt sich ein Vermögen zu Rentenbeginn, über dessen Wert du dir übrigens klar werden solltest: Es ist wegen der bis dahin anfallenden Inflation deutlich geringer, als es scheint. Das gilt auch für die Renten, die du beziehst. Solche Betrachtungen sind wichtig, wenn du deinen tatsächlichen Rentenbedarf errechnen willst, was ich im Rahmen dieses Textes natürlich nicht abhandeln kann – sehr komplexes Thema auch das.

 

Aus deinem bis Rentenbeginn angesammelten Vermögen ergibt sich ein monatlicher Rentenbetrag für den oben angegebenen Zeitraum der Rentenphase.

 

Allerdings musst du von diesem ausgezahlten Betrag jetzt noch viele weitere Summen als Kosten abziehen.

 

Das sind genau die Dinge, die dir typischerweise verschwiegen werden.

 

Im Anschluss der Tabelle erkläre ich die einzelnen Punkte und gebe auch Hinweise darauf, wie du sie berechnest:

Gesamter Auszahlbetrag: Anzahl Monate Rentendauer * Monatlicher Betrag
Von diesem musst du abziehen:
1. Direkte Kosten
Steuern und Sozialabgaben
2,5 % Inflation pro Rentenjahr
2. Indirekte Kosten, die durch die Entgeltumwandlung entstehen
Betrag, den du weniger gesetzliche Rente bekommst
Betrag, den du wahrscheinlich weniger ALG 1 bekommst
Betrag, den du wahrscheinlich weniger Kranken- und Pflegegeld bekommst
Betrag, den du wahrscheinlich weniger Erwerbsminderungsrente bekommst
Betrag, den du wahrscheinlich weniger Übergangsgeld bekommst
Betrag, den du wahrscheinlich weniger Elterngeld bekommst

Hast du diese Punkte abgezogen, weißt du, was du tatsächlich real erhältst. Wie du sie ermittelst, siehst du weiter unten.

3. Bestimmung einer realistischen Netto-Real-Rendite

Wenn du die Daten hast, kannst du sie hier eintippen und dir deine echte jährliche Rendite ausrechnen.

 

Klicke "Zinssatz berechnen" an, dein Anfangskapital ist 0 Euro.

 

Trage deine monatlichen Sparraten (sie sind in der Regel vorschüssig) ein und die Ansparzeit - das ist die Spanne von erster Rate bis Rentenbeginn.

 

Schließlich noch den gesamten realen Netto-Auszahlbetrag, wie er sich aus der Tabelle ergibt, als Endkapital.

 

Von der so berechneten Jahersrendite musst du jetzt noch 2,5 % p.a. abziehen, da auch in der Ansparphase (nicht nur in der Rentenphase) die Inflation wirkt.

 

Bedeutet:

 

Ergibt sich eine Rendite von 3 %, sind es tatsächlich nur 0,5 % Kaufkraftsteigerung. (Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen Nominalrendite und Inflation dezent komplexer, aber für unsere Zwecke reicht es völlig aus, stumpf die 2,5 % Inflation von der Nominalrendite zu subtrahieren.)

 

Ergibt sich eine Rendite von 2,5 % oder weniger, wirst du voraussichtlich keinerlei Kaufkraftsteigerung erhalten bzw. sogar Kaufkraft verlieren - das wäre dann ein nicht nur unattraktives, sondern verflucht schlechtes Geschäft. Du sparst dich arm. Ich gehe übrigens davon aus, dass ein Großteil der Produkte genau das zum Ergebnis haben wird.

 

Zum Vergleich: Bei einem global korrekt diversifizierten Aktieninvestment auf Buy-and-Hold-Basis kann dieser Wert durchaus 4 % sein. 5 % sind ambitioniert, aber auch nicht völlig undenkbar.

 

Ich tue in dieser Rechnung so, als ob die Versicherung den (zunächst virtuellen) Gesamtbetrag ab Rentenbeginn nur noch lagert und an dich auszahlt.

 

Tatsächlich ist die Rentenphase allerdings ein weiterhin attraktiver Anlagezeitraum, der z. B. bei einem globalen ETF-Portfolio aus 50 % Aktien und 50 % kurzfristigen Staatsanleihen höchster Bonität in der Heimatwährung des Anlegers weiterhin spannende Renditen bringen kann. Bei einem Garantieprodukt würde ich damit nicht rechnen.

Zu den einzelnen Kostenpunkten aus der Tabelle

Steuern, Sozialabgaben und verminderte gesetzliche Rente

Da gibt es im Netz bereits viele Informationen und Berechnungen. Such dich einmal schlau. Du wirst dich schon hier wundern.

2,5 % Inflation

Die durchschnittliche deutsche Inflationsrate betrug langfristig eher mindestens 2,5 % pro Jahr als 2 % oder gar nur 1,5 %, wie oft kalkuliert wird, wenn sie überhaupt Beachtung findet. 2,5 % sind eine robuste Annahme für die Zukunft. Üblicherweise wird die Inflation bei Modellrechnungen zu tief angesetzt.

 

Du hast am Stichtermin bei deinem Renteneintritt einen bestimmten Betrag angespart und mit der Rendite des Produktes erreicht. Wenn jetzt deine Rentenphase startet und du monatlich eine Summe erhältst, zum Beispiel 150 Euro, dann sind die 150 Euro, die du im ersten Monat erhältst, deutlich mehr wert (haben eine höhere Kaufkraft) als die 150 Euro, die du im letzten Monat bekommst.

 

Diese Tatsache verlängert den Zeitraum, bis du real das herausbekommst, was du bis zum 67. Lebensjahr inkl. Renditen eingezahlt und erwirtschaftet hast.

 

Oder anders betrachtet, mit Bezug auf dein nicht beliebig nach hinten verschiebbares Sterbedatum:

 

Die Inflation während deiner Rentenphase verringert den realen Ertrag deines Assets erheblich.

 

2,5 % Inflation reduzieren die Kaufkraft deiner Renten in 18 Jahren um 36 %.

In 23 Jahren um über 43 %.

 

Das bedeutet beispielhaft:

 

Rente: 150 Euro monatlich = 1.800 Euro jährlich

Rentenzeit: 18 Jahre

Rente nominal: 32.400 Euro (18 * 1.800 Euro)

Rente real: 26.482 Euro

Differenz absolut: 5.918 Euro

Differenz: 18,3 %

 

Wer überhaupt eine Renditebetrachtung anstellt, der würde normalerweise die Inflation nicht berücksichtigen und fälschlicherweise glauben, dass seine gesamte Rente in 18 Jahren einer Kaufkraft von 32.400 Euro zum Rentenbeginn entspricht. Das ist eine weit verbreitete Illusion. Tatsächlich ist sie um 18,3 % niedriger. Die Differenz von 5.918 Euro ist Kaufkraftverlust durch Inflation, heiße Luft.

 

Hier findest du einen Inflationsrechner, der dir unterhalb der Rechnung auch den Wert deiner Renten in jedem einzelnen Jahr anzeigt (das reicht an Genauigkeit). Nutze den Rentenbetrag, der dir tatsächlich ausgezahlt wird, also netto nach Steuern dund Sozialabgaben.

 

Nimm die Werte zum Jahresbeginn als reale Werte deiner Renten und addiere sie.

 

Dieser Punkt ist nur relevant bei monatlicher Rente, nicht bei einmaliger Kapitalauszahlung – dann musst du das Geld nach der Auszahlung aber so anlegen, dass du die Inflation ausgleichst.

Weitere Kosten

Die Reduktion der jeweiligen Beträge kann ein Kenner noch relativ leicht berechnen. Problematisch wird es jedoch bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass die Fälle für dich eintreffen.

 

Denn aus der Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens und der Höhe ihres „Schadens“ kannst du deine erwarteten Kosten berechnen.

 

Wenn du mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 % 1.000 Euro verlierst, beträgt dein erwarteter Schaden 300 Euro. Das darfst du dann annehmen als zu erwartende Kosten.

 

Du musst, um die Wahrscheinlichkeit und daraus deine voraussichtlichen Kosten näherungsweise etwas einfacher zu bestimmen, folgende Frage beantworten:

 

Wie lange bezieht der deutsche Arbeitnehmer im Laufe seines gesamten Lebens im Durchschnitt Arbeitslosengeld 1, Kranken- und Pflegegeld, Erwerbsminderungsrente und Übergangsgeld?

 

Deine Einbußen beim Elterngeld kannst du hingegen ziemlich einfach bestimmen: Entscheide einfach, ob du Mutter/Vater werden möchtest, wie lange Elterngeld bezogen werden soll und wie hoch es eben ohne und mit Entgeltumwandlung ausfallen würde.

 

Mein Eindruck ist, dass diese letzten Punkte zwar zu einer annähernd korrekten Betrachtung gehören, letztlich aber nicht mehr so stark ins Gewicht fallen wie die erstgenannten. Steuern und Sozialabgaben auf die private Rente, Inflation während der Anspar- und Renten-Phase, Kosten des Anbieters sowie Minderung der gesetzlichen Rente dürften den größten Einfluss auf deine Realrendite haben - und die Dauer deiner Rentenphase natürlich, also deine Lebenszeit.

An dieser Stelle ein genereller Hinweis: Steuervorteile sind sekundär!

Vor allem die Annahmen zu Steuern und Sozialabgaben sind, wie immer, höchst unsicher, weil der Gesetzgeber sich vieles einfallen lassen kann, das wir vorher nicht einschätzen können, und speziell bei der Renten-Direktversicherung hat er diese Fähigkeit bereits unter Beweis gestellt (Stichwort Krankenkassenbeiträge).

 

Daher gilt für mich der Grundsatz:

 

Ein langfristiges Investment, das sich ausschließlich oder vorwiegend aufgrund von Vorteilen bei den Steuer- und Sozialabgaben lohnt, ist meistens schlecht, d. h. unnötig risikoreich.

 

Zusätzlich etwas unkonventionell gedacht:

 

Die meisten privaten Renten-Versicherungsprodukte werden von der breiten Mittelschicht gekauft.

 

Diese zeichnet sich in Bezug auf ihre Finanzen durch Folgendes aus:

  • Kein hoher Lobbying-Organisationsgrad
  • Geringe finanzielle Bildung
  • Geringe Lust, sich mit Geldanlage und Vermögensbildung zu befassen, und daher eine Husch-Husch-Mentalität in diesen Dingen

Die drei Punkte machen sie zu einem perfekten Opfer der Politik und Produktanbieter.

 

Wenn du hingegen so investierst wie die Wohlhabenderen, auf die obige Probleme in der Regel nicht zutreffen, wirst du tendenziell wahrscheinlich Vorteile genießen. Nicht alles ist für dich geeignet, aber vieles.

 

Eigentlich erstaunlich: Die finanziell ungebildetsten und desinteressiertesten Leute kaufen die kompliziertesten Finanzprodukte. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Zusätzliche Maßnahme für mehr Produkttransparenz

Bitte den für dich zuständigen Produktverkäufer um eine detaillierte Auflistung sämtlicher Kosten des Produktes, auch sämtlicher möglicher Kosten, und teile ihm mit, dass diese Auflistung als eine vollständige Darstellung aller Kosten ggf. Bestandteil eines Vertrages wird. Du räumst dir selbst ein Kündigungsrecht und Schadensersatzanspruch in Höhe aller Kosten ein, die bis dahin angefallen sind, plus 50 % (sozusagen Nerv-Geld, eine Art Vertragsstrafe), wenn die Angaben falsch sind. Natürlich muss die Kündigung ebenfalls kostenlos sein. Wenn er nicht bereit ist, darauf einzugehen, würde ich vermutlich keinen Vertrag unterschreiben.

 

Ich denke, spätestens hier wird er auf dich als Kunden verzichten. Mach dir keine Sorgen: Für uns Kleinanleger gibt es keine spannenden, einmaligen Gelegenheiten von Seiten der Finanzindustrie, das ist alles Standardware. Du verpasst nichts. Vermutlich hast du sogar eine indirekte Rendite, einen Opportunitätsgewinn, d. h. entgangene Verluste, weil du das Produkt nicht gekauft hast.

 

Die Kosten dürften sich etwa auf diese Punkte beziehen:

  • Abschlusskosten
  • Laufende Kosten des Versicherungsmantels
  • Einmalige und laufende Kosten des Assets, in das investiert wird. Bei Aktienfonds z. B. Ausgabeaufschlag beim Kauf, Rücknahmeabschlag bei Verkauf, TER, Performance Fee, weitere wie etwa Transaktionskosten innerhalb des Fonds usw.

Nächster Schritt: Verbraucherzentrale

Falls du ordentliche Infos zu den hier genannten Punkten von deinem Produktverkäufer bekommst – wovon ich nach leidvoller Erfahrung nicht ausgehe – und er auch nichts schönredet und -rechnet, dann nimm sämtliche Unterlagen inklusive seinem konkreten Angebot und vereinbare eine Beratung bei einer Verbraucherzentrale. Dafür musst du einen kleinen Betrag entrichten. So gut hast du 30 Euro noch nie investiert (selbst 100 Euro und mehr sind völlig in Ordnung - ich kenne die Preise nicht genau).

 

Du kennst das Bezahlen für Dienstleistungen schon von Anwälten, Steuerberatern, Handwerkern und so ziemlich jeder anderen. Aber ausgerechnet bei der größten oder zweitgrößten finanziellen Entscheidung deines Lebens glaubst du, dass du gute Beratung gratis bekommst oder nicht brauchst?

 

Die Verbraucherzentrale soll

  • das Angebot checken und die Zahlen prüfen
  • dir eine klare Empfehlung geben: Machen oder nicht machen?

Mit gewisser Wahrscheinlichkeit wird man dir von dem Produkt abraten oder dir eine andere Fondszusammensetzung empfehlen.

 

Vielleicht wird der anfangs so zugewandte Verkäufer nach deiner danach erfolgenden Reaktion (Rückfragen, diese Tabelle, Hinweis auf Check bei Verbraucherzentrale) nicht mehr mit dir sprechen oder dich mit dürren Worten abspeisen, möglicherweise sogar beleidigt oder verletzt tun und leicht patzig werden. Dann weißt du: Du hattest Recht. Betrachte den gesamten Vorgang als essenzielle Finanz- und Charakterbildung.

 

Es ist wie beim Auto:

 

Du musst nicht jedes technische Detail verstehen. Aber du musst das wissen und können, was du brauchst, um gut zu fahren.

Ein heftiger juristischer Fallstrick bei der Direktversicherung

Wenn du deinen Arbeitgeber wechselst, ist dein neuer Arbeitgeber nicht verpflichtet, deinen bestehenden Vertrag zu übernehmen. Er wird das meines Erachtens auch eher nicht tun, da es für ihn organisatorischen Mehraufwand bedeutet.

 

Du kannst dann den alten Vertrag weiterbesparen, allerdings ohne Arbeitgeber-Förderung, was sich meistens absolut nicht lohnt.

 

Oder du kannst die bis dahin erzielte Summe in einen neuen Vertrag übernehmen, den dein neuer Arbeitgeber fördert. Dumm ist nur, dass dein bisheriger Anbieter seine oft sehr beträchtlichen Abschlusskosten in den ersten fünf Jahren Laufzeit abzieht und dein Vermögen sich entsprechend verringert.

 

Beispiel:

100 Euro monatliche Einzahlungen.

Achtung: Hier musst du die tatsächlichen Einzahlungen betrachten, also nicht nur das, was du monatlich weniger netto hast, sondern das, was wirklich in den Vertrag fließt: Summe aus deinem Bruttogehalt plus Arbeitgeber-Anteil.

Begründung: Das sind alles Gehaltsbestandteile, die du andernfalls netto mehr gehabt hättest bzw. mehr hättest einzahlen können in die sozialen Sicherungssysteme.

 

5 Jahre Ansparzeit, dann Wechsel des Arbeitgebers

 

Hinweis: Da ich davon ausgehe, dass die Nominalrendite auf dein eingezahltes Einkommen nicht viel höher als die Inflation sein wird und es sich hier um einen eher kürzeren Zeitraum handelt, habe ich beides außer Acht gelassen - es hätte den Kohl selbst bei optimistischen Annahmen ohnehin nicht fett gemacht.

  • Eingezahlt: 6.000 Euro
  • Kosten für Abschluss: 2.000 Euro
  • Verbliebenes Vermögen: 4.000 Euro
  • Verlust: 33 %

Du hättest dem Produktverkäufer also auch einfach monatlich 33,33 Euro schenken können, das wäre der gleiche Deal. Denn beim neuen Vertrag bei deinem neuen Arbeitgeber musst du ja wieder Abschlussgebühren blechen.

 

Der Übertrag auf einen neuen Vertrag kostet außerdem manchmal zusätzliche Gebühren.

 

Der Produktverkäufer wird dieses massive Risiko vermutlich bagatellisieren und fast ein wenig empört sein, dass du da drauf herumreitest. Lass dich davon nicht von deinem Weg abbringen.

 

Ich habe gehört, dass es angeblich häufig Übertragungsvereinbarungen gibt, die erneute Abschlusskosten ausschließen. Informiere dich in jedem Fall genau, wer da mit wem was vereinbart hat, wer das wie zurücknehmen kann etc. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob es sich dabei um ein Recht handelt, das man dir schriftlich einräumt (halte ich für unwahrscheinlich), oder um ein freiwilliges Abkommen zwischen den Versicherungen.

 

Ob es weitere Risiken bei der Direktversicherung gibt, weiß ich nicht genau, weil das Produkt für mich uninteressant ist. Was ist zum Beispiel bei einer Pleite deines Anbieters (lass dich nicht mit dem Hinweis auf Protektor abspeisen)? Was ist mit den Beiträgen bei Arbeitslosigkeit? Sind Restbeträge nach deinem Tod vererbbar oder fallen sie an die Versicherung? Und so weiter.

 

Letztlich musst du für deinen Fall herausfinden, ob eine Direktversicherung mit Entgeltumwandlung wirklich sinnvoll ist oder ob sie zu viele Nachteile hat.

 

Ich würde aber selbst dann nicht einfach unterschreiben, wenn ich überzeugt wäre. Stattdessen würde ich massiv verhandeln, vor allem über die Kosten. Mein Gefühl sagt mir, dass da was geht. Notfalls mit Alternativangeboten der Konkurrenz beinhart feilschen.

Was du aus diesem Text lernen sollst

Ich hoffe, du nimmst aus diesem Text Folgendes mit:

  • Altersvorsorgeprodukte sind regelmäßig komplexer, als sie auf den ersten Blick scheinen und geschulte Verkäufer sie mit sonorer Stimme darstellen. Typischerweise sind sie selbstverständlich schlechter, als es die Verkaufspräsentationen suggerieren.
  • Du kannst nicht davon ausgehen, dass du sofort alle relevanten Aspekte erkennst, richtig bewertest und man ehrlich zu dir ist.
  • Du benötigst im Regelfall Unterstützung von einem Berater, der keine Interessenkonflikte hat. Das sind meines Erachtens in Deutschland ausschließlich die wenigen echten unabhängigen Honorarberater, die für den durchschnittlichen Haushalt eher teuer sein dürften, und die Verbraucherzentralen.
    Aber: Nicht vorhandene Interessenkonflikte sind nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für gute Beratung. Ob eine Beratung taugt, hängt eben auch ab von den Kompetenzen des Beratenden. Wenn du dich nicht selbst um dein Geld kümmerst, wirst du vermutlich viel davon verlieren oder zumindest zu wenig verdienen.

Exkurs: Aufbau und Tücken der Verkaufspräsentationen

Folgendes Muster wirst du bei Verkaufspräsentationen immer wieder sehen.

1. Demographischer Alarmismus

Anhand von Zahlen und eindrucksvollen Illustrationen (buckeliger Arbeitnehmer trägt Horde von Senioren auf seinen Schultern, er ist schon ganz krumm und schwitzt stark) zeigt man dir, dass die gesetzliche Rente vor dem Kollaps steht.

 

Produktivitätsfortschritte und Umverteilung sowie mögliche Einwanderung werden dabei natürlich vergessen, weil sie nicht recht ins Bild passen wollen.

 

Tipp zur Irritation: Frag den Verkäufer, ob er weiß, wie viele Menschen ein einzelner Bauer vor 200 Jahren neben sich selbst ernähren musste. Behaupte, dass es einer war (dürfte hinkommen, vermutlich sogar noch weniger, da damals die allermeisten in der Landwirtschaft gearbeitet haben). Frag ihn danach, wie viele Menschen ein einzelner Bauer heute ernähren muss. Behaupte, dass es 33 sind (sollte ebenfalls passen).

 

Pointe: "Ich könnte jetzt auch ein Bildchen malen, auf dem ein armer Bauer heute 33 Leute schultern muss. Wenn ich mir Gesundheit und Lebenserwartung der Landwirte allerdings so ansehe und sie mit der vor 200 Jahren vergleiche, dann wirken sie sogar weit weniger malträtiert als damals - obwohl sie eine ach so viel schwerere Last tragen müssen. Das ist Produktivität und es ist völlig unseriös, dass Sie unterstellen, dass die ab heute für die nächsten Jahrzehnte nicht mehr wächst. Sie betreiben hier politische Weltanschauung, um mir Angst zu machen, wo es eigentlich nur um die Frage gehen sollte, ob das von Ihnen angebotene Asset etwas taugt."

 

Sage ruhig "Asset" statt Produkt, das klingt schärfer und vielleicht lässt er sich dadurch auch verunsichern, weil das bisschen Finanzsprech ist und er fürchtet, durchschaut zu werden.

2. Einseitige Produkterklärung

Danach folgt meistens eine knappe Erklärung der Funktionsweise des Produktes mit Hervorhebung der steuerlichen Vorteile während der Sparphase, der Garantierentenhöhe sowie ggf. des Arbeitgeberzuschusses und mit Unterschlagung der zahlreichen direkten und indirekten jetzigen und späteren Kosten und der Tatsache, dass ein Arbeitgeberzuschuss in Höhe von 20 % seinen eingesparten Sozialabgaben entspricht und daher nur fair ist.

 

Das alles gerne anhand einer Beispielrechnung, die er jedoch, falls du ihn auf die Kosten ansprichst, abwimmelt: "Das ist alles so individuell, das machen wir am besten in Ruhe in Einzelgesprächen." Frag ihn, warum ihn die Individualität bei den Vorteilen nicht von einer detaillierten Darstellung in einer Beispielrechnung abhielt.

3. Schiefe Rendite

Auf einer Folie sieht man dann einen 3- oder 5-Jahres-Chart, der zeigt, dass die Assets, in die dein Geld investiert wird, wesentlich besser abschneiden als eine Benchmark.

  • Die Benchmark ist völlig unklar und vermutlich falsch ausgewählt.
  • Ein einzelner und noch dazu so kurzer Zeitraum ist absolut nichtssagend.
  • Die angegebenen Renditen sind meistens vor Inflation, Kosten und evtl. Steuern und vermutlich noch nicht einmal auf das, was du eingezahlt hast, sondern auf den Teil, der nach Versicherungsmantelkosten überhaupt nur investiert wird.
  • Es würde mich noch nicht einmal wundern, wenn nicht die geometrische Durchschnittsrendite oder ein interner Zinsfuß verwendet wurden, sondern die arithmetische, was ein ebenfalls perfider Trick ist, um eine Performance besser dastehen zu lassen.
  • Du siehst nur die Rendite von Investmentfonds, die überlebt haben (Survivorship Bias), die also nicht wegen schlechter Performance geschlossen wurden. Mit diesen Fonds haben Anleger, die in einer ähnlichen Situation wie du waren, Geld verloren und es ist keineswegs gesagt, dass die überlebenden, die du jetzt gerade siehst, auch weiterhin gute Performances liefern werden - es ist sogar höchst unwahrscheinlich.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0